Kommentar

Haftverschonung ist der Anfang vom Ende

Die brutale Attacke auf einen Mann im U-Bahnhof Friedrichstraße versetzt Berlin in Aufruhr. Die beiden Schläger sind schon wieder auf freiem Fuß – unverständlicherweise.

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Ein 29 Jahre alter Mann ist in der Berliner U-Bahn Station Friedrichstraße bewusstlos geprügelt worden. Die mutmaßlichen Täter haben sich gestellt.

Video: Reuters
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Es ist ein Vorgang, der einem den Atem raubt. Ein 18-Jähriger misshandelt im U-Bahnhof Friedrichstraße einen Mann, weil er sich gerade „in aggressiver Stimmung“ befand und „Streit suchte“. Er tritt auf dem Kopf des Opfers herum, und als das sich nicht mehr bewegt, tanzt der Schläger vor Freude über den Bahnsteig.

Sehen kann man das auf Videobildern der Überwachungskamera der BVG. Und während man sich beim Betrachten der Bilder fragt, ob es noch Schlimmeres geben kann, das einem Menschen widerfährt, wird der mittlerweile geständige Täter von der Polizei auf freien Fuß gesetzt.

Es gibt also Schlimmeres. Das Gefühl nämlich, dass das Recht jedes Bewohners dieses Landes auf körperliche Unversehrtheit mit Füßen getreten wird. Zugunsten von juristischen Formalien, nach denen ein so junger und bislang nicht polizeilich bekannter Straftäter eben Haftverschonung bekommt.

Eine zu Recht auf Sicherheit pochende Öffentlichkeit wird immer schwerlich einsehen wollen, dass es einen hundertprozentigen Schutz in einer freien Gesellschaft nicht geben kann. Doch dass im Umgang mit jugendlichen Straftätern der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehen sollte, ist eindeutig richtig. Die Haftverschonung für den 19-jährigen Schläger von der Friedrichstraße kann man daher eigentlich nur als Ermunterung zum Verbrechen verstehen. Wen schreckt es ab, wenn er einen Menschen fast tottreten darf – und trotzdem am Tag darauf einfach wieder nach Hause gehen kann, als wäre nichts passiert? Und das alles noch dazu in der frechen Erwartung, dass der nächste Jugendrichter schon milde urteilen wird, weil man eben jung, wütend und vielleicht auch betrunken war.

Es fällt einem liberalen Menschen schwer, das einzugestehen: Aber es gibt Jugendliche, die sich bereits so weit außerhalb dieser Gesellschaft gestellt haben, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt, als sie sofort und kompromisslos hinter Schloss und Riegel zu bringen. Eben bevor sie ihr nächstes Opfer umbringen – aus purer Langeweile.

In diesem Jahr hat es noch keine Woche gegeben, in der die Polizei nicht von ähnlichen Attacken wie der von der Friedrichstraße berichten musste. Am schlimmsten im Gedächtnis geblieben ist die auf einen 30-Jährigen im Februar in Lichtenberg, den die Schläger ins Koma prügelten. Was alle Fälle verbindet, ist der nichtige Anlass, die Niedertracht, die schockierende Brutalität der Täter, mitten in Berlin. Und die Versuche der Politik, die Rufe nach Konsequenzen mit dem Hinweis zu relativieren, dass die Polizei in einer so großen Stadt wie Berlin ja nicht überall sein kann.

Das Bedürfnis der Menschen nach umfassender Sicherheit mag Experten manchmal irrational erscheinen. Aber es muss ernst genommen werden, wenn uns die Gewalt eben doch täglich derart nahe kommt – nicht nur in den sogenannten Problemkiezen, sondern überall in der Stadt. Verweise auf die statistisch geringe Wahrscheinlichkeit, in Berlin ein Verbrechensopfer zu werden, wie sie Innensenator Ehrhart Körting am Wochenende machte, sind das genaue Gegenteil dieses Bedürfnisses. Sie fördern nur den Unmut über „die da oben, die nichts kapieren“. Für eine liberale Gesellschaft ist das der Anfang vom Ende.