Karl Max Einhäupl

Charité-Chef wehrt sich gegen Finanzsenator

Die Charité macht in diesem Jahr Millionenverluste - das räumt Vorstandschef Einhäupl im Gespräch mit Morgenpost Online ein. Doch Finanzsenator Nußbaums Vorwurf der wirtschaftlichen Inkompetenz wehrt er vehement ab.

Foto: Christian Hahn

Morgenpost Online: Professor Einhäupl, als man Ihnen vor zwei Jahren die Führung der Charité anbot, haben Sie lange überlegt, bevor Sie einwilligten. Fragen Sie sich heute: Warum habe ich mir das nur angetan?

Karl Max Einhäupl: In Berlin denkt man so was gelegentlich. Aber ich bin vor gut zwei Jahren in der Überzeugung angetreten, etwas für die Charité bewirken zu können, weil ich wie viele Leute in diesem Unternehmen daran glaube, dass die Charité eine der großen Chancen für Berlin und Deutschland ist. Die Charité ist die einzige deutsche medizinische Marke von Weltrang.

Morgenpost Online: Die Charité hat im Moment vor allem Probleme. In diesem und auch im nächsten Jahr wird das Klinikum Millionenverluste schreiben. Geplant hatten Sie spätestens im nächsten Jahr eine schwarze Null, also ein ausgeglichenes Ergebnis. Was ist passiert?

Einhäupl: Die Charité war sehr nahe dran, für 2011 die schwarze Null zu schreiben. Als wir in der Mittelfristplanung diese Prognose abgegeben haben, sind wir jedoch von Prämissen ausgegangen. Von denen sind einige nicht eingetreten, die ich in einem Interview im April 2010 in dieser Zeitung ja auch benannt habe.

Morgenpost Online: Welche?

Einhäupl: Eine davon war, dass sich die Finanzierung des Gesundheitssystems an den normalen Preisaufwüchsen und der Inflationsrate orientiert, also bei einem Plus von 3 Prozent im Jahr liegt. Jetzt hat Bundesgesundheitsminister Rösler in seinem Gesetz nur 0,4 Prozent vorgesehen. Die Krankenhäuser deutschlandweit bekommen also weniger Geld als die Lohnkosten, Energiekosten und Inflationsrate ansteigen.

Morgenpost Online: Dass es weniger wird, war das nicht absehbar?

Einhäupl: Nein, da seit mehreren Jahren der Unterfinanzierung die Basisfallwerte zumindest mit Inflation und Tarif steigen müssen, das war die Planung des Gesundheitsministeriums. Wir hatten in begrenztem Maße vorgesorgt, aber Sie können keine Krankenhausplanung auf der Grundlage von Ahnungen aufstellen. Der Gesetzentwurf des Rösler-Gesetzes wurde im Juli/August veröffentlicht. Als wir erfahren haben, was passieren wird, haben wir sofort reagiert, überlegt, wo noch Sparpotenziale zu heben sind – und haben das auch sofort dem Finanzsenator mitgeteilt.

Morgenpost Online: Von Vivantes, dem zweiten berlineigenen Krankenhauskonzern, hört man allerdings nichts von einem Rösler-Effekt. Wie erklären Sie sich das?

Einhäupl: Es ist unbestritten, dass alle Krankenhäuser Deutschlands von der Gesundheitsreform mit bis zu zweistelligen Millionenbeträgen negativ betroffen sind. Die Frage ist lediglich, ob andere Häuser auf Reserven zurückgreifen können, die diese Effekte kompensieren. Die Charité hat diese Reserven nicht. Zu Vivantes kann ich mich hier nicht äußern, da ich deren Gewinn- und Verlustrechnung und mögliche Reserven nicht kenne. Und wir wissen von anderen Universitätskliniken im süddeutschen Raum, dass es Ausfälle in derselben Größenordnung geben wird.

Morgenpost Online: Es wird der dritte Millionenverlust der Charité hintereinander unter Ihrer Führung sein. Das hatten Sie sich, vor allem aber auch der Senat als Eigentümer, anders vorgestellt.

Einhäupl: Wir hatten ambitioniert 2009 mit dem Aufsichtsrat vereinbart, dass wir im ersten Jahr des neuen Vorstands nach einem Minus von 56 Millionen im Jahr 2008 auf minus 19 Millionen kommen und dass wir im Jahr 2010 dasselbe Ergebnis erreichen wollen. Rechnet man die Kostensteigerung für Löhne und Energie mit, haben wir damit 2009 eine Verbesserung um 70 Millionen Euro und 2010 um 50 Millionen Euro geschafft und haben damit zweimal unser Ziel erreicht. Für 2011 waren wir dabei, das Ziel schwarze Null zu erreichen, unter höchsten Anstrengungen. Wenn es jetzt nicht klappt, sind wir die Traurigsten in Berlin, weil wir wissen, dass wir das Vertrauen der Politik und der Öffentlichkeit zurückgewinnen müssen. Aber im Sommer kamen eben noch mal 20 Millionen Euro Belastung hinzu. Irgendwann kommen Sie an den Punkt, wo sie ausgepresst sind, wo sie nicht mehr können.

Morgenpost Online: An diesem Punkt sind Sie gerade jetzt, dass Sie 2011 nicht noch 18 Millionen einsparen können?

Einhäupl: Natürlich setzen wir uns das Ziel, mehr zu schaffen als minus 18 Millionen. Aber wenn man fair und ehrlich ist, ist es unwahrscheinlich, die schwarze Null zu schreiben, es sei denn, die Charité wird eine völlig andere. Wir können nur noch Tafelsilber verkaufen, das wäre aber unklug.

Morgenpost Online: Finanzsenator Ulrich Nußbaum, der auch einer Ihrer Aufsichtsräte ist, wirft Ihnen kaum verblümt vor, dass Sie das Unternehmen nicht im Griff haben, und hat bereits über einen – wirtschaftlich kompetenten – Nachfolger gesprochen.

Einhäupl: Diesen politischen Stil hat Herr Nußbaum zu vertreten. Aber die Frage, wer Vorstandsvorsitzender der Charité ist, ist keine Frage, die Herr Nußbaum zu entscheiden hat, sondern der Aufsichtsrat. Und der steht – bis auf Herrn Nußbaum – hinter dem Vorstand und unterstützt die Charité. Außerdem: Die Zahlen weisen aus, dass der Vorstand der Charité sehr wohl in der Lage ist, wirtschaftlich zu agieren. Wir haben im Jahre 2009 das Ergebnis der Charité um 70 Millionen Euro verbessert. Wir holen 127 Millionen Euro Drittmittel nach Berlin, damit bezahlen wir rund 3000 Arbeitsplätze. Unsere Verwaltung ist personell auf Vordermann gebracht, wir sind hier nicht mehr viel teurer als andere, was in Berlin ein beachtlicher Erfolg ist.

Morgenpost Online: Vorgeworfen wird Ihnen, den Senat getäuscht zu haben. Also sich erst die Millionen für die Sanierung des Bettenhochhauses bestätigen zu lassen, um dann wenig später einzuräumen, dass es im laufenden Betrieb wieder einen Millionenverlust gibt.

Einhäupl: Moment Mal, seit drei Jahren ist die dringend notwendige Sanierung von Mitte auf Eis gelegt. Jedes Jahr Verzögerung kostet die Charité zwischen 10 bis 20 Millionen Euro Ergebnisbelastung. Der Vorstand der Charité hat seine Hausaufgaben gemacht. Verzögerungen im Masterplan, Unklarheit bezüglich Standortentscheidungen sowie Veränderungen durch das Rösler-Gesetz – wesentlicher Eckpfeiler beim Basisfallwert sind nicht vom Vorstand zu vertreten. Und wenn wir noch weitere zwölf Monate warten, wird das Defizit weiter steigen. Wir haben sowohl dem Finanzsenator als auch dem Wissenschaftssenator die Schwierigkeiten mit dem Wirtschaftsplan frühzeitig benannt, und zwar drei Wochen vor der Sanierungsentscheidung. Die Intrige, die man uns unterstellt, ist aus der Luft gegriffen.

Morgenpost Online: Haben Sie angesichts der außergewöhnlichen Kritik eines Ihrer Aufsichtsräte mal an Rücktritt gedacht?

Einhäupl: Nein. Dieser Vorstand ist angetreten, die Charité zukunftsfähig zu machen. Ich erhalte auch immer wieder Unterstützung von Kennern der Gesundheitsbranche und dem Wissenschaftsmanagement.

Morgenpost Online: Was tun Sie also, um den drohenden Verlust zu verringern?

Einhäupl: Zunächst bin ich schon sehr irritiert darüber, dass ein internes Gespräch des Aufsichtsrats-Finanzausschusses, in dem wir den Aufsichtsratsmitgliedern zum ersten Mal die konkreten Zahlen für 2011 darstellten, sofort an die Öffentlichkeit gespielt wird. Wir drehen zum wiederholten Mal alle Euros um. Wir quetschen die Kliniken und Institute weiter aus, wir denken über Veräußerung von Vermögen nach und welche Flächen wir abgeben können, die uns Geld kosten, wir werden auch weiterhin Arbeitsplätze abbauen müssen. Aber das hat natürlich seine Grenzen.

Morgenpost Online: Warum machen Sie das nicht?

Einhäupl: Wir würden ja gern, aber das geht leider nicht immer. Ein Beispiel: Wir haben die Psychiatrie in der Eschenallee in Westend. Die kostet uns 1,5 Millionen Euro im Jahr Gebäudekosten. Wir könnten die Einrichtung nach Steglitz transferieren. Dort würden sie reinpassen und keine neuen Gebäudekosten verursachen. Dazu müssten wir aber zehn Millionen investieren, die wären nach sieben Jahren amortisiert. Leider haben wir die nicht und wir kriegen sie auch nicht. Zweites Beispiel: Wir haben in Wedding drei Intensivstationen. Die würden wir gerne auf zwei zusammenziehen und damit im Jahr 500.000 Euro Personalkosten einsparen, oder wir könnten zwei Rettungsstellen zusammenlegen. Wir könnten Häuser frei ziehen, dafür müssten wir aber Geld haben, um andere Flächen herzurichten.

Morgenpost Online: Wieso können Sie für solche Projekte, die sich nachweislich innerhalb weniger Jahre rechnen, keine Kredite aufnehmen?

Einhäupl: Das müssen Sie den Finanzsenator fragen.

Morgenpost Online: Das heißt also, Sie werden 2011 beim Minus von 17 oder 18 Millionen Euro bleiben.

Einhäupl: Das hoffe ich nicht. Wir haben eine Krisensitzung nach der anderen. Ich bin aber skeptisch, dass die Null erreichbar ist. Eines werden wir aber nicht tun: ein Ergebnis anzukündigen, von dem wir wissen, dass es nicht erreichbar ist.

Morgenpost Online: Der Finanzsenator geht davon aus, dass Sie auf Investitionen verzichten sollten, die die Charité nicht unbedingt braucht.

Einhäupl: Welche sollen das denn sein? Das Problem der Charité ist doch gerade der Mangel an Investitionen. Wir haben in der Charité seit 15 Jahren eine Investitionsquote von 3,3 Prozent im Jahr. Universitätskliniken bundesweit haben im Durchschnitt 8,6 Prozent. Unser Geld geht raus für die marode Infrastruktur. Wir haben allein im letzten Jahr neun schwere Havarien gehabt, wo Wasserrohre gebrochen sind, wo wir ganze OPs und Stationen stilllegen mussten. Das kostet unser Geld, das wir mit einer sehr wirtschaftlichen Krankenversorgung verdienen.

Morgenpost Online: Wie krank ist die Charité?

Einhäupl: Die heutige Charité ist das Ergebnis von fünf politisch gewollten Fusionen, von denen sie sich nie vollständig erholt hat. Sie leidet unter der investiven Schwäche des Landes und wird seit drei Jahren förmlich einer Rosskurs unterzogen. Wissenschaftlich steht sie wieder auf Platz 1, und in der Krankenversorgung ist sie wirtschaftlich. Wir ziehen bei den Kliniken 24 Millionen ab, die ihnen nach den Vergleichsdaten mit anderen Krankenhäusern zustünden, um Infrastrukturkosten zu decken.

Morgenpost Online: Das müssen Sie uns erklären.

Einhäupl: Es gibt eine Benchmark in Deutschland. Wenn Sie mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommen, erhalten die Krankenhäuser dafür einen Betrag X. Der ermittelt sich aus dem Mittelwert aller Referenzkrankenhäuser in Deutschland. Dieses Geld wird berechnet, dass sie es für die unmittelbare Patientenversorgung aufwenden müssen, also für Ärzte, Pfleger, Medikamente etc. Wir ziehen den Kliniken aus diesem Budget Geld ab, das sie in der Uckermark bekommen würden. Es ist deswegen absoluter Humbug zu sagen, die Charité sei nicht wirtschaftlich. Wer das behauptet, hat keine Ahnung von Krankenhausmanagement und -finanzierung. Wir können aber nicht beliebig mehr rausziehen, weil sonst die Krankenversorgung in die Knie geht.

Morgenpost Online: Sie sind Mediziner. Würde ein Betriebswirt nicht andere Prioritäten setzen?

Einhäupl: Man kann sich fragen, ob ich der richtige Wissenschaftler an der Spitze bin, aber es muss eine Person sein, die den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, medizinischem Sachverstand und wissenschaftlichem Denken vereint, wie es auch an allen Universitätsstandorten realisiert wird. Im Übrigen haben wir ausgezeichnete Wirtschaftskompetenz im Vorstand. Unser Finanzvorstand Matthias Scheller ist ein exzellenter Fachmann mit Expertise aus der Industrie. Außerdem macht die Kombination aus Wissenschaft und Krankenversorgung ja gerade ein Universitätsklinikum aus. Das ist eine andere Aufgabe als in einem normalen Krankenhaus wie Vivantes. Die Charité ist kein reiner Produktionsbetrieb. Ein Wissenschaftsunternehmen hat gleichzeitig die Aufgabe, Innovationen zu generieren, Studenten und Ärzte auszubilden.x

Morgenpost Online: Aber der Vorwurf ist doch der: Die Professoren tun sich gegenseitig nicht weh und deshalb werden alte Strukturen konserviert.

Einhäupl: Das ist ein infamer Vorwurf. Wir tun den Professoren mehr weh als ihnen jemals in der Geschichte der Charité wehgetan worden ist. Und die tragen das sogar mit und wissen, dass wir wirtschaftlich sein müssen. Aber sie müssen die Leute auch mitnehmen. Sonst kriegen Sie keine guten Leute nach Berlin. Und das müssen wir schaffen, denn die Charité ist das Herzstück der Gesundheitsstadt Berlin.

Morgenpost Online: Ihr Finanzvorstand war für einen Neubau, Sie wollten das Bettenhochhaus sanieren und haben sich durchgesetzt.

Einhäupl: Dass man in unserer schwierigen Situation in einem Vorstand diskutiert, ist normal und erforderlich. Der Vorstand der Charité, also auch ich, hat 2009 einen Neubau vorgeschlagen, um für eine lange Sanierungszeit des Hochhauses die Erlösausfälle zu vermeiden. Wir haben aber festgestellt, dass wir mit dem Geld, das wir haben, nur einen kleinen Neubau errichten können mit weniger Betten als im Hochhaus. Dann hätten wir nicht mehr das Potenzial gehabt, um den Standort in Mitte auf dem nötigen Stand zu halten. So haben wir uns für die Sanierung des Hochhauses entschieden.

Morgenpost Online: Fürchten Sie nicht, dass dieser Zickzack-Kurs das Misstrauen nährt?

Einhäupl: Wir hatten ursprünglich vorgeschlagen, neu zu bauen und das Hochhaus anders zu nutzen. Das hat die Politik abgelehnt. Der Finanzsenator hat mehrmals kategorisch abgelehnt, dass die Charité einen Neubau erhält. Dass wir uns dann umorientiert haben und mit der Hochhaussanierung geplant haben, ist doch normal. Zumal wir erkannt haben, dass wir die Hochhaus-Sanierung und den Neubau zur Überbrückung der Bauzeit nicht kriegen werden. Aber wir halten die Hochhaussanierung für die strategisch bessere Variante. Wobei wir das Risiko tragen müssen, dass uns während der Bauphase Erlöse wegbrechen, weil wir Betten verlieren. Das haben wir immer angezeigt und in die Kostenplanung einberechnet.x

Morgenpost Online: Letzte Frage: Wie würden Sie heute Ihr Verhältnis zu Herrn Nußbaum beschreiben?

Einhäupl: Es ist bekannt, dass wir keine guten Freunde sind, aber die Probleme Berlins und der Charité sind zu groß, um auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten gelöst zu werden. Ich werde mich nicht von einem professionellen Weg abbringen lassen.