Nach Fukushima

Die Angst vor verstrahltem Sushi in Berlin

Nach dem Atom-Unfall von Fukushima gab es Berichte über radioaktiv belastetete Lebensmittel aus Japan. Jetzt meidet so mancher Sushi-Liebhaber japanische Restaurants. Doch ist die Angst wirklich berechtigt?

Foto: Christian Kielmann

Die Mitteilung hängt gleich am Eingang: Wegen verstärkter Nachfragen wolle das Restaurant „Ishin“ seinen Kunden die Sorge nehmen: Sushi und andere japanische Gerichte könnten auch nach dem Atomunfall von Fukushima verzehrt werden, Lebensmittelkontrollen seien gewährleistet. Dass „Ishin“-Chef Hirotaka Machida ebenso wie andere japanische Gastronomen in die Offensive gegangen ist, hat seinen Grund. „Die Menschen fragen häufiger, woher unsere Lebensmittel kommen. Manche wollen auch keinen Seetang mehr essen“, erzählt Masaki Miura, Chefkoch des „Musashi“ am Kottbusser Damm. Aufgeschreckt wurden die Verbraucher mit einer Vorliebe für fernöstliche Kost durch Berichte aus Japan. Kurz nach Beginn der Katastrophe in Fukushima hatte die japanische Regierung Berichte über radioaktive Belastungen unter anderem in Milch und Grundwasser veröffentlicht. Noch im März verhängte die Europäische Union einen Kontrollzwang für Einfuhren aus mehreren japanischen Präfekturen. Auch Tokio selbst verfügte Exportbeschränkungen.

900.000 Tonnen Fisch aus aller Welt

Das Verbraucherschutzministerium in Berlin versuchte zu beschwichtigen: Einfuhren aus Japan seien zahlenmäßig gering, heißt es. So seien 2010 zum Beispiel nur 60 Tonnen Fisch aus Japan importiert worden. Insgesamt wurden in Deutschland über 900000 Tonnen Fisch aus aller Welt eingeführt.

Nicht allen Sushi-Liebhabern scheint dies aber zu genügen. Auf zehn bis 15 Prozent beziffert Günter Limbach den aktuellen Nachfragerückgang nach japanischer Ware. Limbach ist bei der Good Life Handels GmbH für lebensmittelrechtliche Fragen zuständig. Der Großhandel für asiatische Produkte mit Sitz am Westhafen beliefert asiatische Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. Allerdings ist die Zahl der Importwaren aus Japan gering: „Von 100 Produkten, die man zum Beispiel für Sushi benötigt, kommen bei uns vielleicht zwei oder drei wirklich aus Japan“, sagt Limbach. Große Exportländer seien dagegen China, Thailand oder Singapur. „Nehmen wir unsere speziellen Sushi-Algen“, sagt Limbach. „Denen merkt man es nicht an, dass sie in China hergestellt wurden und nicht in Japan.“ Ohnehin seien die derzeit gehandelten Waren schon vor der Fukushima-Katastrophe produziert worden. Erst in den kommenden Wochen erwartet Limbach die ersten Lieferungen aus der Ära nach dem Unglück.

20 Prozent weniger Bestellungen

Anders als der Großhandel halten sich Gastronomen mit Angaben über Umsatzrückgänge zurück. Er merke das gar nicht, beteuert Miura vom Kreuzberger Restaurant „Musashi“. Auch im „Daitokai“ im Europacenter wird ein Rückgang der Gästezahlen verneint. Touristenbusse halten hier, Mitglieder der japanischen und koreanischen Botschaften gehören zu den Stammkunden. Von geschätzt 20 Prozent weniger Bestellungen im Vergleich zum Frühjahr 2010 spricht dagegen Gerald Richter, Geschäftsführer der Lieferservicekette „Papa No“ für Sushi und asiatische Speisen mit Filialen in vier Bezirken. Intern höre er in der Branche durchaus von zurückgehenden Umsätzen. Dabei spiele allerdings auch das Wetter eine Rolle: Als Hauptsaison gilt den Gastronomen die kalte Jahreszeit, und die dauerte im vergangenen Jahr bis in den April.

Bei „Papa No“ wird jetzt überlegt, für die Kunden wichtige Zutaten in den Gerichten sowie deren Herkunftsländer aufzulisten. Schließlich kommen laut Richter nur zwei typische Sushi-Würzmittel klassischerweise aus Japan. „Und auch die gibt es aus anderen Ländern. Es ist überhaupt nicht schwer, die gefährdeten Gebiete zu umgehen.“

Aufklärungsarbeit ist gefragt

Auch westliche Länder wie Italien, die Niederlande und die USA seien Hersteller von Rohstoffen der asiatischen Küche, beteuert Shoko Kono. Die japanische Köchin führt Berliner in der Volkshochschule oder dem asiatischen Kochstudio an der Katzbachstraße in die Geheimnisse der fernöstlichen Küche ein. Frisches Gemüse und Fisch aus Japan verwende auch sie dort jetzt nicht, aber diese Frischwaren seien ohnehin so gut wie gar nicht im Angebot. Kono: „Ich persönlich mache mir keine Sorgen.“

Aufklärungsarbeit müssen auch die Mitarbeiter der vier Berliner Ishin-Restaurants in diesen Wochen leisten. „Wenn wir mit unseren Gästen sprechen, können wir sie meist schnell beruhigen“, sagt Serviceleiterin Yang Xiaoou. In der Küche steht Lee Wongma und entgrätet ganze Berge von Lachs. Rund 165 Kilogramm Sushi werden in den Deli-Läden in Wilmersdorf, Steglitz und Mitte täglich serviert. Allein 120 Kilogramm Lachs müssen dafür jeden Tag verarbeitet werden, dazu kommen Dorade und Thunfisch. Der Fisch stammt aus Norwegen, Spanien und Schottland. Produkte original aus seiner Heimat verarbeiten die Restaurants von Hirotaka Machida gar nicht – obwohl der 53-Jährige japanischen Handelsfirmen vertraut, seit er vor 14 Jahren das erste Restaurant an der Schloßstraße eröffnete.

Botschaft bestätigt Kontrollen

Eine ungewöhnliche Geschäftsflaute sieht Machida nicht. Danach gefragt, holt er einen Ordner herbei. Darin hat er Unbedenklichkeitsbescheinigungen seiner Zulieferer abgeheftet. Auch ein Schreiben seiner Botschaft ist darunter, in dem diese auf die japanischen Kontrollen verweist.

René und Saskia Otto, die mit Töchterchen Florentine am Nachbartisch ihre Sushi genießen, machen sich allerdings ohnehin weniger Sorgen um ihre Gesundheit. „Ich habe tatsächlich gerade an das Unglück gedacht, aber eher an die Zerstörung und daran, ob wohl vom Personal jemand betroffen ist“, sagt Saskia Otto. Dass japanische Speisen nicht notwendigerweise aus original japanischen Zutaten bestehen, ist den Eltern ohnehin klar. Ihre Vorliebe für die Fischhäppchen will sich die Familie nicht nehmen lassen.

Abzuwarten bleibt nun, wie sich die Strahlenbelastung im gesamten pazifischen Raum entwickelt. Leicht erhöhte Werte wurden Anfang April in China in Spinat gemessen. Lebens- und Futtermittelimporte im Wert von 1,1 Milliarden Euro kamen 2010 aus der Volksrepublik. Das ist fast 50-mal so viel wie aus Japan.