Mini-Blutsauger

Vorsicht Zecken – Virologen warnen vor neuen Arten

Der strenge Winter hat den Zecken nichts anhaben können. Seit vier Wochen ärgern sie wieder die Menschen in Berlin und Brandenburg. Zu den bereits bekannten Arten sind aber noch neue dazu gekommen, die gefährliche Krankendheiten übertragen – wie die jetzt verbreitete Auwaldzecke.

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Auf dem Schreibtisch von Thomas Talaska liegt ein Foto. Darauf zu sehen sind ein paar Grashalme, auf einem davon sitzt ein achtbeiniges Spinnentier mit auffälligem Schildpattmuster. "Das ist eine Auwaldzecke", sagt Virologe Talaska. Nach seinen Angaben war diese Zeckenart - dreimal so groß wie der in Deutschland weit verbreitete Holzbock - bisher nur im Süden der Bundesrepublik heimisch, wo sie vor allem große Nutztiere wie Pferde und Kühe stach.

"Heute ist die Auwaldzecke auch in Berlin und Brandenburg zu Hause. Ihre Opfer sind inzwischen bevorzugt Menschen", konstatiert der Experte.

Auf der Suche nach Opfern

Das Foto stammt von einer Patientin aus Teltow. "Die Auwaldzecke gibt es bei uns inzwischen genau so häufig wie herkömmliche Holzböcke", schreibt sie.

Was diese Zeckenart jedoch besonders gefährlich macht: Sie wartet nicht, bis ein potenzielles Opfer vorbeikommt, von dessen Blut sie sich ernährt, sondern sie greift selbst an und sucht sich aktiv und gezielt ihre Opfer. Mit dem Frühling, der Sonne, der aufblühende Natur und Wärme wächst laut Talaska die Gefahr, von einer Zecke gestochen zu werden. Seit etwa drei Wochen sind die Mini-Vampire wieder aktiv, auch Menschen zählten bereits wieder zu ihren Opfern. Weil die Spinnentiere mit ihren Stichen tückische Krankheiten übertragen können, gelten sie mittlerweile als gefährlichste Tierart in Deutschland.

Wer hoffte, der lange und frostige Winter würde zumindest einigen der blutsaugenden Spinnentiere den Garaus machen, wurde enttäuscht. "Die dicke Schneedecke verhinderte, dass starker Frost in den Boden gelangte. Die achtbeinigen Spinnentiere haben dort also prächtig überwintert", sagt der Brandenburger Experte vom Institut für durch Zecken übertragbare Krankheiten. Zwar habe es zum Ende der kalten Jahreszeit auch ein paar sehr frostige Tage ohne Schnee gegeben. "Diese Periode war allerdings zu kurz, um wirklich Auswirkungen zu haben", sagt Talaska. Er befürchtet zudem, dass sich die Brandenburger und Berliner wie schon im vergangenen Jahr auch in der bevorstehenden Saison vor den Mini-Blutsaugern kaum retten können.

Zecken sind Überträger der Hirnhautentzündung

Der Virologe und seine Mitarbeiter untersuchten über Jahre immer die gleichen Flächen auf Zecken, um Vergleichsmöglichkeiten zu bekommen. "Auf den Spielplätzen von Waldkindergärten mussten wir seit 2008 eine kontinuierliche Zunahme der Zeckendichte registrieren. Die Vorkommen sind deutlich mehr geworden", sagt Talaska, nach dessen Angaben diese Einschätzung sowohl auf Woltersdorf im Berliner Speckgürtel, als auch auf Eisenhüttenstadt an der Grenze zu Polen zutrifft. Bekannt sind Zecken bisher als Überträger der Frühsommer-Hirnhautentzündung (FSME). Brandenburg und Berlin sind im Gegensatz zu Süddeutschland dafür aber kein Risikogebiet.

Hierzulande können Zeckenstiche hingegen die nicht minder gefährliche Lyme-Borreliose auslösen, eine heimtückischen Krankheit, die beim Menschen ohne medizinische Hilfe zu irreparablen Schäden wie Lähmungen oder Herzerkrankungen führen können. Mehrere tausend Menschen im Land Brandenburg erkranken jährlich daran. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Patienten.

Was Zecken mit ihrem Speichel außerdem für gefährliche Viren oder Bakterien in sich tragen, ist bis heute noch fast unerforscht, vor allem, was die tierischen Einwanderer wie zum Beispiel die Auwaldzecken betrifft. Französische Forscher haben nach Angaben Talaskas bei dieser Zeckenart einen Erreger identifiziert, der beim Menschen Infektionen der Lymphbahnen hervorrufen kann, mit Symptomen ähnlich einer Blutvergiftung.

Erreger des Fleckfiebers

Auch gibt es Hinweise darauf, dass Auwaldzecken Erreger ähnlich denen des berüchtigten Fleckfiebers in sich tragen. Doch die Untersuchungen von Biologen und Ärzten zur Gefährlichkeit der Zecken stecken nach Ansicht des Brandenburger Virologen noch in den Kinderschuhen. Durch Auwaldzecken gestochen zu werden, wird mehr und mehr wahrscheinlicher als ein Stich durch die heimische Zeckenart. Denn laut Talaska hat sich die Auwaldzecke in Brandenburg derart breit gemacht dass sie in einigen Regionen den gemeinen Holzbock völlig verdrängt. Die ersten Exemplare waren 2005 im Raum Potsdam-Mittelmark sowie in der Region zwischen Königs Wusterhausen und Erkner entdeckt worden.

Und es gibt noch einen gefährlichen Einwanderer: Vor Jahren entdeckt wurde in Brieskow-Finkenheerd eine Zecke, die längere Beine als der herkömmliche Holzbock und ein markantes, geripptes Rückenschild hat. "Wir haben sie schließlich als Reliktzecke identifiziert, eine bisher ausschließlich aus Osteuropa und Asien bekannte Zeckenart", berichtet Talaska. Inzwischen gebe es immer mehr Funde. "Das ist kein Zufall mehr. Die Reliktzecke lebt jetzt hier bei uns", stellt der Experte fest. Viren und andere Erreger haben Wissenschaftler in ihrem Blut bereits gefunden, welche Krankheiten sie verursachen - daran wird am Berliner Robert-Koch-Institut derzeit noch geforscht.

Zuzügler aus der Türkei

Thomas Talaska schließt nicht aus, dass noch weitere, bisher fremde Parasiten in Deutschland heimisch werden, beispielsweise die aus der Türkei stammende Hylomma-Zecke mit gelb-rot geringelten Beinen. Sie wurde bereits mehrfach in Süddeutschland, aber noch nicht in Brandenburg gefunden und soll ersten Untersuchungen zufolge durch Zugvögel eingeschleppt worden sein. "Stimmen die klimatischen Bedingungen, und gibt es genügend geeignete Biotope und Wirtstiere, dann bleibt auch diese Zeckenart hier und breitet sich aus."