Uta Felgner

Hotelchefin soll Lebenslauf erfunden haben

Lange war Uta Felgner ein Liebling der feinen Gesellschaft. Prominente zeigten sich gern mit der Hotelchefin. Seit Morgenpost Online über ihr Vorleben als Top-Agentin der Stasi berichtet hat, reagieren ehemalige Hotelgäste, Freunde und Arbeitgeber geschockt. Doch nicht nur das: Felgner legte sich nach 1990 eine akademische Karriere zurecht, die offenbar in weiten Teilen frei erfunden ist.

Der Regierungssprecher des Großherzogtums Luxemburg ist ein wenig genervt. "Die Stasi-Vergangenheit der Dame war natürlich nicht bekannt", beteuert er. Die Dame - das ist Uta Felgner, die einst in Berlin das "Schlosshotel im Grunewald" leitete. In ihrem elitären Haus beherbergte sie nicht nur während der WM 2006 die Spieler der Nationalelf, sondern auch zahlreiche hohe Staatsgäste. Darunter war Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, der laut Zeitungsberichten eine "enge Freundschaft" zu Felgner unterhielt.


Junckers Sprecher mag das so nicht stehen lassen. Es stimme schon, Luxemburg habe die romantisch gelegene Luxusherberge oft gebucht. Juncker selbst habe dort übernachtet und sei dabei erstmals Gregor Gysi begegnet. Außerdem habe er seinerzeit Joschka Fischer und den damaligen Wirtschaftsminister Werner Müller angetroffen.

Die Auflistung der Namen kommt nicht von ungefähr. Diesen Politikern, so lautet die Botschaft des Regierungssprechers, könne man doch ebenso wenig wie Juncker eine enge Freundschaft zu der Hoteldirektorin unterstellen.

Einst Liebling der feinen Gesellschaft

Lange war Uta Felgner ein Liebling der feinen Gesellschaft. Prominente aus dem In- und Ausland zeigten sich gern mit der gelernten DDR-Krankenschwester, einer quirligen, redegewandten und attraktiven Frau, die im vereinten Deutschland eine traumhafte Karriere gemacht hatte. Doch seitdem Morgenpost Online über ihr Vorleben als Top-Agentin des DDR-Geheimdienstes berichtet hat, gehen viele ihrer Bekannten demonstrativ auf Distanz. Laut ihrer Stasi-Akte soll Felgner zwischen 1980 und 1986 einflussreichen Männern aus dem Westen, die die DDR besuchten, so manche brisante Information entlockt haben - mit "frauenspezifischen Methoden" und "mit dem Ziel der Erlangung materieller Vorteile", wie aus Papieren der Birthler-Behörde hervorgeht.

Als Meisterspionin des Ostens hatte Felgner die hohe Kunst der Verstellung perfektioniert. An der Camouflage hielt sie fest, als die DDR längst untergegangen war. Ein früherer Lebensgefährte sagt, er sei erschüttert, dass ihm die Frau, die er einmal geliebt habe, ihre Stasi-Verstrickung verschwiegen habe: "Es ist wie ein Dolchstoß." Geschockt sind auch ihre ehemaligen Arbeitgeber. Ex-Dorint-Vorstand Michael Theim, unter dessen Ägide Felgner zum Schlosshotel stieß, bittet wortreich um Verständnis, dass er sich "zu dieser Sache nicht äußern möchte".

Hingegen räumt der Unternehmer Eugen Block, der Felgner von 2007 bis 2009 als Generalmanagerin an seinem Hamburger Luxushotel Grand Elysée beschäftigt, ganz offen eigene Versäumnisse ein. Er habe sich zu sehr auf das Wort von Felgner verlassen, als er mit ihr den Vertrag geschlossen habe. Die leitende Angestellte habe ihm beispielsweise ihre fünf Scheidungen verschwiegen.

Wohl nicht nur das: Felgner legte sich nach 1990 eine akademische Laufbahn zurecht, die nach Recherchen von Morgenpost Online offenbar in weiten Teilen frei erfunden ist. So schmückte sie sich mit einem Studium der Betriebswirtschaft an der Freien Universität Berlin. In der Presse ließ sie sich unwidersprochen als "staatlich geprüfte Betriebswirtin" und "Diplom-Kauffrau" bezeichnen. An einer Podiumsdiskussion über Frauen in Führungspositionen ("Mut zur Macht") nahm sie als "Diplom-Betriebswirtin" teil. Dabei hat Felgner nach einem von ihr zu DDR-Zeiten selbst geschriebenen Lebenslauf nicht einmal das Abitur abgelegt. Die FU Berlin hat auf Bitte von Morgenpost Online nach einem Hochschulabschluss gesucht. In den Archiven fand sich kein Hinweis auf ein Diplom Felgners.

Die angeblich studierte Betriebswirtin, die heute mit einem Unternehmer in Zürich lebt, mag sich auf Anfrage nicht äußern. Über ihren Anwalt lässt sie ausrichten, sie sei "krankheitsbedingt weder willens noch in der Lage" Auskunft zu geben. Deshalb bleibt auch ein anderes Rätsel der früheren Agentin mit dem Decknamen IM "Schmidt" ungelöst. Im Jahr 1986 hatte Felgner vom tristen Arbeiter-und-Bauern-Staat genug. Heimlich plante sie ihre Flucht, gemeinsam mit ihrem damaligen Liebhaber, einem Handelsvertreter aus West-Berlin. Diesem hatte sie ihre eigene Verstrickung verschwiegen, ihm aber einen Brief mit brisanten Informationen über Geheimnisträger der DDR zugesteckt. Der Fluchtplan flog auf, und das Paar landete im zentralen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

Seitdem stilisiert sich Felgner zum Opfer des SED-Regimes. Auffällig ist freilich, dass Felgner nach ihrer Verhaftung eine ungewöhnlich zuvorkommende Behandlung zuteil wurde. So durfte sie im Gefängnis ihren Freund treffen und in der Bibliothek arbeiten. Die Staatsanwälte ließen den Vorwurf der Spionage fallen, Gutachter bescheinigten Felgner verminderte Zurechnungsfähigkeit. Das Ost-Berliner Militärgericht verurteilten die Angeklagte schließlich zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe, von denen sie aber lediglich knapp 15 Monate verbüßen musste.

Offenbar hat damals irgendjemand seine schützende Hand über Uta Felgner gehalten. Möglicherweise war das eine der umstrittensten Persönlichkeiten des SED-Regimes: die langjährige Justizministerin Hilde Benjamin, die für Walter Ulbricht eine Reihe von politischen Schauprozessen durchgezogen hatte. Diese berühmt-berüchtigte Genossin, im Volksmund "rote Guillotine" und "blutige Hilde" genannt, soll mit Felgner verwandt gewesen sein. Einer ihrer früheren Lebenspartner behauptet, Uta selbst habe ihm diese Verbindung gebeichtet. Und Stasi-Offiziere wiesen gegenüber einer früheren Bekannten von Felgner auf die Verwandtschaft hin.

Als die spätere Hotelchefin verhaftet wurde, war Hilde Benjamin noch Mitglied des Zentralkomitees der SED. Gut möglich, dass sie damals auf das Ermittlungsverfahren und den Strafprozess Einfluss genommen hat. In den Stasi-Unterlagen von Uta Felgner finden sich dazu allerdings keine Hinweise. Doch das hat nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Der Geheimdienst scheute sich, in seinen Akten die Namen von verdienten Spitzengenossen festzuhalten.

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