Wintereinbruch

Schnee und Eis - Warum die BSR machtlos ist

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Tanja Kotlorz

Foto: Christian Hahn

Trotz zusätzlichem Personal hat der Wintereinbruch am Donnerstag Berlin phasenweise lahmgelegt. Der Chef der Straßenreinigung bei der BSR, Winfried Becker, sagt, warum tiefe Temperaturen und Schneefall ein solches Problem für das Unternehmen sind.

Der Winter ist da, und durch die Stadt war am Donnerstag wieder kein Durchkommen. Auf wichtigen Hauptverkehrsstraßen wie dem Kurfürstendamm und der Leipziger Straße lag am Morgen noch zentimeterhoch Schnee. Fahrzeuge und Busse kamen schlecht voran, Fußgänger tippelten unsicher über die glatten Gehwege. Am Freitag, 24 Stunden nach dem großen Schneefall, sind die Hauptstraßen frei.

Doch warum hat das so lange gedauert? Schnee, eine „Mission impossible“ für die Berliner Stadtreinigung (BSR)? Eigentlich sah sich die BSR gut gerüstet, hatte sogar noch neue Aufgaben hinzubekommen in diesem Jahr. Der Leiter der Straßenreinigung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR), Winfried Becker, sprach mit Morgenpost Online darüber, warum die BSR alles in ihrer Macht stehende tut, aber gegen Minustemperaturen einfach machtlos ist.

Morgenpost Online: Herr Becker, der Winter ist da. Hat die BSR überhaupt einen Plan?

Winfried Becker: Wir haben nicht nur einen Plan, sondern viele für unterschiedliche Situationen und vor allem für festgelegte Streckenabschnitte.

Morgenpost Online: Den Eindruck hat man nicht. Die Fahrzeuge der BSR schaffen es offenbar nicht, den Schnee von den Straßen, Wegen und Plätzen zu räumen. Ist es richtig, dass erst Donnerstagfrüh überhaupt Räumfahrzeuge der BSR unterwegs waren, obwohl es bereits um 22 Uhr am Mittwochabend anfing zu schneien?

Winfried Becker: Nein, das stimmt nicht. Am Mittwoch hatten wir schon die Schichtdienste von 7,7 auf 10 Stunden verlängert. Zwei Schichten waren im Einsatz, von 13.50 bis 0 Uhr nachts und wieder ab 3 Uhr früh bis 14 Uhr. Anschließend geht es nahtlos mit der zweiten Schicht weiter. Außerdem haben wir nachts die gesamte Stadtautobahn geräumt.

Morgenpost Online: Dennoch waren die Straßen morgens nicht frei, auch große Tangenten, der Kudamm oder die Leipziger Straße, waren nicht geräumt. Dagegen war der Bergmannkiez schneefrei. Wie kommt das?

Winfried Becker: Es ist falsch, wenn Sie sagen, die Straßen waren nicht geräumt. Wir haben geräumt, unsere Schneepflüge sind permanent im Einsatz. Wenn man dann in der Stadt unterwegs ist, nimmt man das unterschiedlich wahr. Wenn es unentwegt schneit, sehen vor kurzem geräumte und gestreute Abschnitte natürlich besser aus, als solche, bei denen die Bearbeitung schon eine Weile her ist. Aber wir haben die Hauptstraßen nicht schwarz bekommen, weil das Feuchtsalz bei so niedrigen Temperaturen weniger wirkt – das ist eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Vergangene Nacht war es minus zehn Grad, die Tageshöchsttemperatur lag bei minus acht Grad. Bei solchen Temperaturen ist die Wirkung von Auftausalz geringer, so dass der nach einem Pflugeinsatz unweigerlich verbleibende Schnee nur teilweise wegtaut. Dann kommt neuer hinzu und es muss wieder geräumt und gestreut werden.

Morgenpost Online: Aber diese Erkenntnis dürfte doch nicht neu sein für die Straßenreinigung. Warum setzen Sie dann nicht mehr Räumfahrzeuge ein?

Winfried Becker: Wir haben alle 2100 eigenen Beschäftigte im Einsatz, außerdem 470 Fahrzeuge und aktuell etwa 600 Hilfskräfte.

Morgenpost Online: Die rot-rote Koalition hat das Straßenreinigungsgesetz geändert: Demnach hat die BSR für den Winterdienst mehr Aufgaben, muss auch auf Gehwegen an Bushaltestellen und bestimmten Straßenbahnhaltestellen räumen, große Plätze und Fußgängerzonen von Schnee und Eis befreien. Ist die BSR dieser Aufgabe gewachsen?

Winfried Becker: Ja, alle wurden in den Morgenstunden geräumt und mit Splitt abgestreut und bei den anhaltenden Schneefällen auch wiederholt bearbeitet. Die Eigentümer der anliegenden Grundstücke müssen allerdings auch jetzt den Winterdienst auf den Gehwegen vor ihren Häusern selbst realisieren.


Morgenpost Online: Wo wohnen Sie eigentlich und wie sind Sie zur Arbeit gekommen?

Winfried Becker: Außerhalb von Berlin, da war die Situation auch nicht besser. Ich gebe Ihnen Recht, dass der Verkehr am Donnerstag in der Stadt nur langsam voran ging, darauf zielte doch Ihre Frage. Ja, es gab Einschränkungen, aber die BVG war unterwegs.

Morgenpost Online: Wer entscheidet eigentlich, nach welchen Kriterien die BSR räumt?

Winfried Becker: Der für den Winterdienst verantwortliche Abteilungsleiter. Wir haben 15 Liegenschaften in der Stadt, die für die Straßenreinigung zuständig sind, beziehungsweise von wo aus unsere Mitarbeiter und Fahrzeuge ihre Arbeit starten. Jeder Mitarbeiter hat einen geografischen Plan, nach dem er bei seinen Räumtouren vorgeht. Der Kudamm ist zum Beispiel in drei Zonen unterteilt, die, wie alle anderen, mehrmals geräumt wurden. Jeden Tag um 12 und um 18 Uhr bekommen wir die Wettervorhersagen für die nächsten 72 Stunden und viele Zusatzinformationen. Alles ist web-basiert für die Einsatzleitungen abrufbar. Nach diesen Informationen legt der Winterdienstverantwortliche die Maßnahmen fest.

Morgenpost Online: Was hatte denn Ihr Wetterdienst für Donnerstag vorhergesagt?

Winfried Becker: Dass es nur bis Donnerstagfrüh schneien soll. Die Information ist nun überholt, es schneit weiter.

Morgenpost Online: Es soll noch kälter werden. Wie sieht denn die weitere Strategie der BSR aus?

Winfried Becker: Das ist richtig, in der Nacht zu Freitag sollen es bis minus 18 Grad werden. 1978 hatten wir das letzte Mal bei minus 20 Grad Schneefall. Das sind eigentlich Umstände, wie sie am Nordpol üblich sind, aber nicht in Berlin. Wir sind der Winterdienst. Wir können den Winter nicht abschaffen. Wenn Sie Berlin gänzlich schneefrei bekommen wollen, dann müssten Sie eine Käseglocke über die Stadt stülpen.