Wintereinbruch

So erlebte Berlin das erste Schneechaos

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Schnee und Eis in Berlin

Bei der S-Bahn war der Verkehr am Donnerstag teilweise lahmgelegt, weil Weichen gestört und zugeweht waren. Etliche Flüge fielen aus. Die Berliner Stadtreinigung war seit den Nachtstunden mit 1300 Einsatzkräften im Einsatz.

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Alle guten Vorsätze von Bahn, Stadtreinigung und der Senat halfen nichts: Dem ersten Schnee folgte die ernüchternde Einsicht, dass die Vorbereitungen nicht ausreichend waren. Reporter von Morgenpost Online haben sich in Berlin umgeschaut.

Mittwochmorgen, 8 Uhr: Strahlende Gesichter bei den Kindern der Klasse 5b der Kant-Grundschule an der Grunewaldstraße in Steglitz. Der Deutsch-Aufsatz ist ausgefallen, weil sieben Kinder aufgrund der Verspätungen bei Bus und Bahn fehlten.

9 Uhr, Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg: An der neuen Haltestelle der Straßenbahn-Linie 12 an der Stargarder Straße ist kein Platz mehr unter dem Dach. Wer neu dazu kommt, wird sofort von den Umstehenden mit den unterschiedlichsten Angaben konfrontiert: Zehn Minuten, heute noch gar keine, eine halbe Stunde. Mittlerweile ist es 9:45 Uhr und noch immer keine bahn in Sicht. Ein Trupp bricht gemeinsam zur Ringbahn S42 auf. Am S-Bahnhof Schönhauser Allee verspricht die elektronische Ansage, die nächste Bahn käme in zwölf Minuten. 11, 10, 9, 8, 7…. Dann die Ansage: Die nächste S42 komme nun doch erst um 10:14. Auf Verständnis wird gar nicht erst gehofft. Also weiter zum Schienenersatzverkehr für die U2. Die M1 hatte gar nicht erst behauptet, heute zu fahren. Endlich kommt ein Bus, völlig überfüllt, ein paar Leute drängen sich rein. Der Rest steht weiter im Schnee und reimt sich was auf die BVG. Nicht unbedingt was Schönes. Judith Luig

9.17 Uhr, BVG-Haltestelle Hohenzollernstraße: Warten auf den Bus der Linie 125, Richtung Alt-Tegel. Es schneit. Der Bus soll planmäßig um 9.17 Uhr abfahren. Nach 70 Minuten und drei Zigaretten kommt der Bus, endlich. Doch der Bus fährt wegen Überfüllung vorbei. Kurze 20 Minuten später der nächste Bus. Auch überfüllt, aber der Fahrer hat Mitleid mit den Wartenden. Statt 12 Minuten nach Tegel dauert die Tour 30 Minuten plus 70 Minuten Warten. Michael Klocke

Kurz nach Neun, Bahnhof Lichterfelde-West: Warten auf eine S-Bahn der Linie S1, Richtung Waidmannslust. Während die Züge Richtung Wannsee fast alle zehn Minuten fuhren, warten etwa 50 Fahrgäste von 9.35 Uhr bis 10.25 Uhr vergebens auf eine Bahn Richtung Innenstadt. Die Frau im Bahnhofsschalter kann keine Auskunft geben. Sie sei nur für den Kartenverkauf zuständig. Auf vielerlei Bitten kümmert sie sich schließlich um eine Ansage. Die kam um 10.10 Uhr: „Achtung Fahrgäste, Richtung Waidmannslust, der Zug verspätet sich um 20 Minuten.“ Aber niemand wusste, worauf sich diese 20 Minuten nun beziehen sollten…alle waren sauer, die Bahn kam nach 20 Minuten und war knüppelvoll. Michael Behrendt

11:14 Uhr, Bushaltestelle Potsdamer Brücke: Als die Türen der M29 aufgehen, seufzt eine junge Frau mit Kinderwagen „Na, endlich! Ich warte schon seit 40 Minuten!“ Doch zum Einsteigen kommt sie gar nicht erst, denn neben ihr rutscht eine ältere Dame auf dem festgetretenen Schnee an der Haltestelle aus und fällt. Der Krankenwagen wird gerufen, die Fahrt ist beendet, der Fahrer schmeißt alle Fahrgäste aus dem Bus. Die nächste M29 fährt achtlos an den Wartenden vorbei – schließlich steht ja schon der Kollege an der Buchte. Danach: Kein Bus, nirgends. Fünf, zehn, fünfzehn Minuten vergehen, es fängt wieder an zu schneien. Der Krankenwagen kommt und nimmt die verletzte Dame mit. Der Busfahrer will trotzdem nicht weiter fahren, keiner erfährt warum. Seine etwa 20 Ex-Fahrgäste frieren vor verschlossenen Bustüren. Als nach einer halben Stunde endlich ein weiterer Bus hält, hört man beim Einsteigen Wortfetzen aus der Funkanlage des Fahrers: „…der Kollege steht an der Haltestelle und weigert sich einfach weiterzufahren…“ Christina Brüning

Noch mittags um 13 Uhr liegt über Berlins Prachtboulevard Kurfürstendamm ein Hauch von Sibirien. Die Autos, die von den Seitenstraßen in den Kudamm einbiegen wollen, schlittern über ungeräumte Kreuzungen, Passanten bahnen sich ihren Weg über die lediglich fragmentarisch geräumten Bürgersteige. Die BSR, die seit Montag für die Räumung der Bushaltestellen zuständig ist, hat für diese Aufgabe offensichtlich noch keine Zeit gefunden, die Wartenden in und vor den Wartehäuschen stehen im Schneematsch. Isabell Jürgens

14.30 Uhr, Regionalzentrum BSR: Das Telefon in der Einsatzzentrale der Berliner Stadtreinigung klingelt unaufhörlich. Mario Orlowski beendet ein Gespräch am Handy, nimmt sofort den anderen Hörer in die Hand. An der amerikanischen Botschaft muss geräumt werden, die Diplomatenfahrzeuge kommen wegen des Schnees nicht in die Tiefgarage der Botschaft, tönt es aus dem Hörer. „Das muss ich jetzt mal schnell organisieren“, sagt der Einsatzleiter des Schneeräumdienstes. Er greift sofort zum nächsten Hörer. Mario Orlowski ist für die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Tiergarten und Teile von Mitte zuständig. Darunter fällt auch das Regierungsviertel. Wenn dort ein Politiker im Konvoi losfährt muss Mario Orlowski sicherstellen, dass die Straßen frei sind. Dass er dafür Touren der Räumdienste ändern muss ist heute aber gar nicht sein größtes Problem. „Eigentlich müssten die Hauptstraßen schon frei sein, der schwarze Asphalt müsste zu sehen sein“, sagt Orlowski. Doch auf der Mühlenstraße vor seinem Büro kann er sehen – die Straßen sind nicht schneefrei. „Weil so viel los ist, stehen die ganzen Fahrzeuge im Stau und es schneit immer weiter.“ Birgit Haas

15 Uhr, Flughafen Tegel: Morgens ist die Stimmung noch entspannt – die meisten Passagiere haben sich darauf eingestellt, dass Flüge gestrichen und man umgebucht wird. Um 15 Uhr sieht das anders aus: Die Menschen sind genervt. Denn die Schalter, an denen man umgebucht wird, sind rar, die Schlangen werden immer länger. Beim Lufthansa- und Star-Alliance-Schalter geht die Schlange den Gang hinunter. Erst am Nachmittag entschließt man sich Saft und Wasser auszuschenken. „Der Winter ist nicht die beste Zeit für Flugreisen“, sagt Flughafensprecher Leif Erichsen. Trotz aller Vorkehrungen seien gestern bis zum späten Nachmittag rund 40 Flüge gestrichen worden. Die Airlines hätten einen Schulterschluss gemacht und Flüge zusammengelegt, so dass die Flugzeuge, die starten konnten, bis auf den letzten Platz besetzt waren. Durch die Räumarbeiten würden sich außerdem viele Flüge verspäten. Erichsen empfiehlt den Fluggästen sich vor Abreise mit ihren Airlines in Verbindung zu setzen, um lange Wartezeiten im Flughafen zu vermeiden. Derzeit seien die Flughallen zwar voll mit wartenden Fluggästen, aber nicht überfüllt. Alexandra Bülow, Birgit Haas

Kurz nach 16 Uhr, Autowerkstatt Beer im Werdauer Weg in Schöneberg. Kfz-Meister Uwe Beer wechselt mit seinen drei Kollegen Winterreifen im Akkord. Die Nachfrage ist riesig. „Wenn es schneit, fällt den Leuten plötzlich auf, das Winter ist“, sagt Beer. „Wir versuchen, so viele Kunden wie möglich zu bedienen, aber wir müssen schon Termine absagen.“ Dabei habe die Wechsel-Saison in diesem Jahr schon früh begonnen, bereits im Oktober seien die ersten Kunden da gewesen, um Winterreifen aufziehen zu lassen, erzählt der 49-Jährige. „Das war ungewöhnlich.“ Den Grund dafür sieht Beer in der neuen Winterreifenpflicht und den Lehren aus dem letzten langen Winter. „Wir dachten dann Ende November, wir sind durch mit dem Thema, aber jetzt kommt noch mal ein richtiger Schub.“ Christina Brüning

16.30 Uhr, Spittelmarkt: Stephan Prause will mit seinem BSR-Räumfahrzeug in die Leipziger Straße einbiegen. „Stau“, stöhnt er. Der Fahrer der BSR hat gerade die zweite Runde seiner etwa 25 Kilometer langen Route durch Mitte begonnen. Während der ersten Fahrt lag überall noch Schnee auf der Straße. „Aber jetzt wird es so langsam schwarz“, sagt der 43-jährige aus Lichtenberg. Das Auftaumittel wirke, dass die Streufahrzeuge der BSR auf den Hauptverkehrsstraßen streue. Langsam fährt Stephan Prause mit dem orangefarbenen Truck die Busspur entlang, „die wird immer zuerst geräumt.“ Aber es geht nur langsam vorwärts – trotz Schnee muss Stephan Prause immer wieder Fahrradfahrer überholen. Trotzdem – langsam geht es voran. Das schlimmste, was nun passieren könnte wäre Neuschnee. „Dann müssten wir wieder von ganz vorne beginnen.“ Birgit Haas

19.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle: Der Rekord des Basketballteams von Alba Berlin stand bisher bei 27 Stunden. So lange dauerte Mitte April die Busfahrt aus dem spanischen Vitoria heim nach Berlin. Wegen der Aschewolke über Europa konnten die Berliner nach dem Finale um den Eurocup nicht per Flugzeug zurückkehren. Doch im Schneechaos stellte Alba nun eine neue „Bestmarke“ auf. Gestartet am Mittwochfrüh um 10.15 Uhr in Caserta bei Neapel, erreichte der Alba-Tross Berlin erst am Donnerstag um 19.30 Uhr. „Irgendwann denkst du, du kommst nie mehr an“, meinte Teammanager Mithat Demirel nach der knapp 34-stündigen Odyssee. Sebastian Arlt

( BMO )