Onlinespiel Mister X

Die wilde Handy-Jagd am Potsdamer Platz

Es ist ein Handy-Spiel - und es ist körperlich anstrengend: Die Deutsche Telekom hat gemeinsam mit der Uni Bonn den Spiele-Klassiker "Scotland Yard" ins richtige Leben geholt. Mit Berlin als Spielbrett jagt ein Dreier-Team Mister X - gespielt wird mit Internet-Handys. Morgenpost Online hat das Spiel, das erst in einigen Monaten auf den Markt kommt, ausprobiert. Nutzer von Morgenpost Online können das am 5. Dezember auch tun - und ein Hightech-Handy gewinnen.

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Fr, 13.11.2009, 10.06 Uhr

Auf der Jagd nach "Mister X"

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Das war knapp. Der Corsa ist einen Meter vor mir zum Stehen gekommen. Und der Fahrer schimpft und hupt. Mit Recht. Denn ich bin an der Kreuzung des Potsdamer Platzes durch die wartenden Autos auf die Linksabbiegerspur gesprungen. Just in dem Moment, als der Corsa ankam. Doch ich muss weiter. Ich bin auf der Flucht. Ich bin Mister X.

Seit mehr als 20 Jahren jagen Spieler im Ravensburger-Brettspiel "Scotland Yard" Mister X durch die Straßen von London. Einer flüchtet, alle anderen jagen. Jetzt hat die Deutsche Telekom das Spiel vom Wohnzimmertisch auf die Straße geholt. Und vom Spielbrett aufs Handydisplay. Ich bin ausgerüstet mit einem modernen Smartphone, auf dem eine Google-Maps-Straßenkarte vom Potsdamer Platz zu sehen ist. Auf der Karte werden auch vier Spielfiguren gezeigt: eine schwarze - das bin ich - und je eine rote, blaue und gelbe. Das sind die Detektive, die auch ein Smartphone in der Hand haben.

Nur zwei Minuten Vorsprung

Die Telefone werden während des Spiels ständig von GPS-Satelliten geortet und die verraten mir, wo meine Verfolger sind. Gehen sie einen Schritt, bewegen sich auch die Spielfiguren auf meinem Display. Aber noch stehen Sie an unserem Startpunkt in der Potsdamer Straße Ecke Ludwig-Beck-Straße. Zwei Minuten Vorsprung bekomme ich. Während ich die Bewegungen meiner Verfolger in Echtzeit auf dem Display sehe, wird ihnen meine Position nur alle zwei Minuten sichtbar - wie beim Brettspiel. Dazwischen müssen die drei raten und schätzen, wohin ich laufen könnte. In diesen zwei Minuten will ich mir einen möglichst großen Vorsprung schaffen. Nach dem Beinahe-Unfall auf der Kreuzung renne ich vorbei an den Mauerstücken in die Ebertstraße. Ich will weg, so weit es geht. Noch 30 Sekunden, dann starten sie.

Entwickelt wurde diese Variante des Brettspielklassikers von der Innovationsabteilung der Telekom, T-Labs, zusammen mit Informatikern der Uni Bonn. Die Idee, "Scotland Yard" in die Wirklichkeit zu holen, sei schon lange kursiert, sagt der Bonner Informatiker Pascal Bihler: "Doch erst jetzt durch den Fortschritt der mobilen Technologien konnten wir aus dem Brettspiel ein modernes Räuber-und-Gendarm-Spiel machen. Wir nennen das adaptive mobile gaming."

Mein Puls liegt bei 180

Zwei Jahre haben rund 20 Programmierer und Designer an diesem Spiel gearbeitet. Das Ergebnis: Ich renne durch die Ebertstraße und habe jetzt schon einen Puls von 180. Der Vorsprung ist jetzt bei Null. Mein Handy piept. Die Jäger sehen jetzt meine Position: Ebertstraße Ecke Berliner Freiheit. Wohin jetzt? Links, rechts, geradeaus? Ab in die Voßstraße. Denn wenn ich nach links ginge, könnte einer meiner Verfolger durchs Sony Center abkürzen und mich abfangen. Ich muss weiter weg.

30 Minuten lang muss ich unentdeckt durchstehen, dann habe ich gewonnen. Es gibt ein paar Regeln, die für alle gelten: Keine Verkehrsmittel benutzen, nicht in Gebäuden verschanzen, weil man dort von den Satelliten nicht geortet werden kann. Geschwindigkeit, Ausdauer und Ortskenntnis sind also meine Waffen.

Die drei anderen Spielfiguren auf meiner Karte sind jetzt vorm Ritz Carlton. Sie sind also noch nicht ausgeschwärmt. Meine größte Befürchtung ist nämlich, dass sie sich verteilen und über die Mobiltelefone die Jagd koordinieren. Meine Güte, ist die Voßstraße lang! Viel zu wenige Abbiegemöglichkeiten. Und die Verfolger kommen näher. Vielleicht kann ich querfeldein durch die Landesvertretungen. Versuche es über einen Parkplatz, doch was stelle ich fest? Der ist komplett eingezäunt. Oh Mann, das hat Zeit gekostet.

Mister X wirft die Nebelkerze

Wo sind die Verfolger? Ein Blick aufs Handy: Die Jäger haben sich aufgeteilt. "Gelb" ist die Ebertstraße weiter gelaufen. "Blau" ist sogar schon an der Hanna-Arendt-Straße. Und "Rot" ist auch in der Voßstraße. Ganz nah! Wie war das, was hat Pascal Bihler vorm Start erklärt? Die hatten sich da noch ein paar Dinge ausgedacht: "Ihr habt ein paar Gadgets auf dem Handy zur Verfügung. Damit könnt Ihr die Gegner täuschen und verwirren." Täuschen und verwirren ist genau das, was ich jetzt gebrauchen kann. Rot kommt immer näher! Und in ein paar Sekunden wird meine Position wieder bekannt gegeben. Nach ein paar Klicks auf dem Display finde ich im Inventar die "Nebelkerze". Die legt einen Grauschleier auf die Landkarte meiner Jäger, so dass sie nichts darauf erkennen. Und mich nicht sehen. Weg hier!

Ich sprinte, denn womöglich kommt "Rot" auf die Idee, sich einfach umzuschauen und die Umgebung nach mir abzusuchen. Ecke Wilhelmstraße. Blick nach Norden. Da ist "Gelb". Oh mein Gott! Wie kommt der denn da hin?! Hechtsprung zwischen zwei parkende Autos. Hat er mich gesehen? Von links kommt auch noch "Rot", also ab nach Süden. Von Auto zu Auto, von Hausecke zu Hausecke. Ein paar Passanten schauen mich an als wäre ich wirr. Andere suchen eine Hollywood-Filmcrew. Ich suche einen Ausweg!

Das Handy schreit

Jetzt ist "Blau" wieder am Potsdamer Platz. Ich muss also in den sauren Apfel beißen: 300 Meter sprinten bis zur Niederkirchner Straße. Ich kann nicht mehr. Ich wollte doch einfach nur zu einer Spielepräsentation! Blick auf die Uhr: 26 Minuten habe ich schon "überlebt". Das schaffe ich jetzt!

Ich kann aber nicht in die Zimmerstraße, weil unser vorher festgelegtes Spielfeld nicht bis dort reicht. Also vorbei an der Baustelle für die Topographie des Terrors und am Abgeordnetenhaus. Detektiv "Gelb" ist hinter mir, "Blau" kommt die Stresemannstraße runter. Vielleicht schaffe ich es in die Dessauerstraße. Quer über den Parkplatz. Hinter eine Mauer. Weniger Schnaufen, sonst hören die mich.

Was ist das?! Mein Telefon schreit. "Iiiiieeeehk!" Polyphon. Na, grandios diese modernen Telefone. Das was eine dieser Miniwaffen, das Schreien haben meine Verfolger ausgelöst. So können sie mich durch mein verräterisches Handy akustisch finden. Ab in die Jackentasche damit. Zu spät. "Gelb" steht neben mir und keucht: "Hab dich!" "Noch eine Runde?" "Dieses Mal bin ich Mister X."

Die Telekom will "Jagd nach Mister X" zum Jahresende als Application auf den Markt bringen. Der Preis steht noch nicht fest, wird aber deutlich unter 10 Euro liegen. Neben dem Preis für das Spiel kommen noch Kosten für den Datentransfer zum Spiele-Server dazu. Darum sollte man besser eine Internetflatrate auf dem Handy haben.

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