Wintereinbruch

Minus-Temperaturen halten Berlin in Schach

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Birgit Haas
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Eiskalter Winteranfang

Pünktlich zum meteorologischen Winterbeginn sinken die Temperaturen in Deutschland weiter.

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Bis zu minus zehn Grad Celsius ist es in der Hauptstadt. Die Folgen der Eiseskälte: Die BSR macht Überstunden, an den Flughäfen fallen Flüge aus und Bürgermeister Wowereit mahnt zum Schneeräumen.

Ganz Berlin friert – seit Mittwoch herrschen Temperaturen wie in einem Tiefkühlschrank. Die Straßen sind wie leergefegt, bei unter minus zehn Grad Celsius bleiben die Berliner am liebsten drinnen, wo es warm ist. Und das ist vielleicht auch am besten so. Tausende S-Bahn-Kunden mussten am Mittwochmorgen ab 9.30 Uhr länger als erhofft auf Bahnsteigen frieren. Grund war eine gut zweistündige Signalstörung am Vormittag als Folge einer Computerpanne im Stellwerk. „Die hatte allerdings nichts mit der Kälte zu tun“, sagte eine Sprecherin der Bahn. Kein Trost für die, die bei einer gefühlten Temperatur von minus 20 Grad Celsius auf den S-Bahnhöfen der Nord-Süd-Strecke auf die Bahn warten mussten. Erst nach etwa vier Stunden fuhren die S-Bahnen wieder planmäßig. „Witterungsbedingte Ausfälle gab es allerdings nicht“, sagte die Bahn-Sprecherin. Auch U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse der BVG fuhren regelmäßig. Trotz der Kälte schnellten die Fahrgastzahlen nicht in die Höhe. „Die trockene Kälte macht nichts. Erst wenn es Glatteis gibt, steigt die Anzahl der Fahrgäste sofort“, sagte die Sprecherin der BVG, Petra Reetz.

Nur bei den Fernzügen gab es wegen des Wintereinbruchs vereinzelt Verspätungen oder Zugausfälle. Die Deutsche Bahn zeigt sich jedoch kundenfreundlich. Wer am Berliner Hauptbahnhof mit mehr als 30 Minuten Verspätung ankommt, wird von der Bahn mit einem kostenfreien Heißgetränk entschädigt.

An den Berliner Flughäfen fielen 16 Flüge aus. „Schuld ist nicht die Kälte in Berlin, sondern der Schnee an den Flughäfen von London und Helsinki. Die Maschinen bekamen dort keine Starterlaubnis“, sagte der Flughäfen-Sprecher Leif Erichsen. In Schönefeld und Tegel seien allerdings viele Flüge verspätet gestartet, da jede Maschine vor dem Start enteist werden müsse, um die Aerodynamik beim Starten zu sichern. Dennoch sei am Mittwoch an den Berliner Flughäfen ein vergleichsweise ruhiger Tag gewesen. „Dienstag war es viel schlimmer, da sind 40 Flüge ausgefallen.“

Nach starkem Schneefall verändert sich jedoch auch die Lage an den Hauptstadt-Flughäfen – dann muss ständig geräumt und enteist werden. „Alle Fluggäste sollten sich vor Abreise im Internet über die aktuelle Lage an den Flughäfen informieren“, rät Leif Erichsen.

„Alle verfügbaren Kräfte im Einsatz“

Die Schneevorhersage versetzte die BSR in Alarmbereitschaft. Mit 470 Fahrzeugen – 20 Räumfahrzeuge mehr als noch im vergangenen Jahr – sollte die Winterflotte der Stadtreinigung um 3.Uhr früh ausrücken und die Straßen kontrollieren. Bis zu 2100 Mitarbeiter sind rund um die Uhr im Einsatz, um die Berliner vor einem größeren Schneechaos zu bewahren. „Zuerst räumen wir die Stadtautobahn, Kreuzungen, Haltebuchten der BVG und Hauptverkehrsstraßen. Wo es nötig ist, werden wir in umweltfreundlichen Mengen streuen“, sagte BSR-Sprecher Bernd Müller. Dann sind die rund 18.000 Berliner Fußgängerüberwege an der Reihe – dort wird bei Glätte Split gestreut. Erst dann fahren die Räumfahrzeuge durch Wohn- und Nebenstraßen. Trotzdem ist Vorsicht geboten. „Bei dem böigen kann es zu Schneeverwehungen kommen“, sagte Bernd Müller. Außerdem seien die Temperaturen so niedrig, dass es auf den Straßen glatt werden könnte. Erstmals übernimmt die Berliner Stadtreinigung den Winterdienst in diesem Jahr an Haltestellen, zwölf Berliner Plätze – wie etwa dem Alexanderplatz – und sechs Fußgängerzonen.

Angesichts des zu erwartenden massiven Wintereinbruchs rief Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zur Beachtung der neuen Schneeräumregeln auf: „Die Grundstückseigentümer stehen jetzt in der Verantwortung für den Winterdienst an den Gehwegen, für die sie zuständig sind.“ Sie müssen kontrollieren, dass beauftragte Firmen ordnungsgemäß geräumt haben. Die neuen Regeln zur Schneebeseitigung besagen nämlich, dass Schnee nach Ende der Niederschläge, bei länger andauerndem Schneefall in „angemessenen Zeitabständen“ zu beseitigen ist. Wowereit hoffe zudem, dass sich die öffentlichen Verkehrsbetreiber, insbesondere die S-Bahn, „auf die kältebedingten Anforderungen“ eingestellt haben.

Wowereit nahm auch die Berliner Bürger in die Pflicht. Sie müssten mit anpacken, denn Dauerfrost und Schneefälle, „sind in einer Millionenmetropole ein Hindernis für die alltäglichen Abläufe“, sagte Wowereit. Mit Beginn dieses Winters müssen in Berlin Gehwege an Hauptstraßen auf einer Breite von 1,50 Meter von Schnee und Eis befreit werden, an kleineren Straßen auf einer Breite von einem Meter. Wer den Schnee liegen lässt, dem drohen 10.000 Euro Strafe.

Obdachlose in Lebensgefahr

Ob der Schnee geräumt wird oder nicht, interessiert eine Bevölkerungsgruppe nur am Rande. Für die von der Diakonie geschätzten 10.000 Obdachlosen in der Stadt geht es bei diesem Wetter ums Überleben. Die Notunterkünfte sind überfüllt. „In den vergangenen Nächten haben etwa 155 Menschen in der Unterkunft beim Hauptbahnhof übernachtet“, sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission. Dabei seien die Schlafsäle eigentlich nur für 60 Menschen gedacht. „Aber wir wollen bei der Kälte keinen Menschen vor der Türe stehen lassen.“

Die Diakonie würde die Notunterkünfte gern erweitern. Doch das sei nicht so einfach, es fehle an Mitarbeitern und finanziellen Mitteln. Die Stadtmission habe jedoch als eine erste Maßnahme die Öffnungszeiten des Nachtcafés City-Station verlängert – die Unterkunft am Kurfürstendamm habe nun auch montags und dienstags geöffnet. „Weil wir Leben retten wollen, ist unser Kältebus anders als vorher nun auch freitags und sonnabends zwischen 21 Uhr und 3 Uhr im Einsatz“, sagte Wohlwend.

Auch die Kältehilfe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist unterwegs. Der DRK-Wärmebus fährt zwischen 18 Uhr und 24 Uhr alle Stammplätze der Obdachlosen an. „Wer nicht in eine Notunterkunft will, wird von uns medizinisch versorgt und bekommt bei Bedarf warme Kleider und Tee“, sagt Wohlfahrts-Referent Hans-Joachim Fuchs. Die kommenden Tage werden sehr anstrengend für die Kältehelfer, weil viele Obdachlose ihre angestammten Plätze verlassen, um sich eine geschützte Stelle zu suchen. „Die kennen wir nicht“, sagt Fuchs. Trotzdem versuchen die Sozialarbeiter, sie zu finden – zum Beispiel in den Eingängen zu U-Bahn-Stationen.

Fuchs bittet die Berliner um Mithilfe. Wer abends oder nachts einen Obdachlosen auf der Straße entdeckt, solle den Kältebus der Stadtmission unter 0178/523 58 38 oder den DRK-Wärmebus unter 0170/910 00 42 anrufen.