Neues Verfahren

Drogenarzt auch im zweiten Prozess geständig

Im Prozess gegen den ehemaligen Arzt Garri R. stellt der 52-Jährige den Tod zweier Patienten erneut als Unfall dar. Er betonte, dass ihr Tod für ihn immer noch unverständlich sei.

Es gab einen Moment im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts, da hatten die Eltern des verstorbenen Marcel K. Mühe, an sich zu halten. Der Anklagte Garri R. erzählte, wie er am 19. September 2009 kurz vor seiner Verhaftung noch einmal mit seinem kleinen Sohn gesprochen hatte. „Ich habe ihm gesagt, es ist was Schlimmes passiert, aber es wird alles wieder gut.“

Für Familie K. jedoch konnte es nicht mehr gut werden. Ihr 28-jähriger Sohn war an diesem 19. September verstorben. Und mit ihm ein zweiter Patient, dem der Allgemeinmediziner und Facharzt für Psychotherapie Garri R. bei einer in Deutschland wissenschaftlich nicht anerkannten „psycholytischen Psychotherapie“ die illegale Droge Ecstasy verabreicht hatte.

Ein Schwurgericht verurteilte Garri R. am 10. Mai 2010 wegen Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen zu vier Jahren und neun Monaten Haft. Zudem erteilte es ein dauerhaftes Berufsverbot für eine Tätigkeit als niedergelassener Arzt und Psychotherapeut. Gegen dieses Urteil ging Garri R. beim Bundesgerichtshof (BGH) erfolgreich in Revision. Am Montag begann nun die zweite Auflage des Strafprozesses.

Zehnmal stärkere Dosis als geplant

Garri R.s vorbereitete Erklärung ähnelte sehr dem Geständnis, das er schon im ersten Prozess abgelegt hatte. Auch das Fazit war fast gleich: „Ich bin schuldig, ich bereue zutiefst meine Fehler.“ An einem entscheidenden Punkt hatte er seine Argumentation diesmal jedoch verstärkt: Das Sinnieren darüber, warum er am 19. September sieben Patienten die Droge Ecstasy in einer Menge verabreicht hatte, die zehnmal höher war als geplant – was in der Konsequenz zum Tod von Marcel K. und eines weiteren Patienten führte.

Garri R. gab erneut zu, die Droge LSD genommen zu haben. Er habe sich „dafür entschieden“, weil es ihn „offener, aufmerksamer und einfühlsamer“ mache. „Ich fühlte mich aber in keiner Weise eingeschränkt.“ Vor dem Wiegen des Ecstasy habe er die Waage zunächst mit einem Prüfgewicht getestet. Als alles in Ordnung schien, habe er die Portionen abgemessen. Schon die erste sei ihm „etwas zu groß“ erschienen. Er habe es noch einmal versucht – wieder mit dem gleichen Resultat, er habe extra seine Brille aufgesetzt. Auch diesmal war die Dosis größer als erwartet. „Trotzdem verließ ich mich auf die Waage“, sagte er. Und erst Stunden später, unmittelbar nach seiner Verhaftung, sei er zum ersten Mal auf den Gedanken gekommen, dass er seinen Patienten vielleicht versehentlich zu viel Ecstasy verabreicht hatte.

Beeinflusste ein Handy die Waage?

Einen Grund, sagte er, habe er bis heute nicht finden können. Es gebe jedoch viele Möglichkeiten: Die Waage war nicht kalibriert. Die Batterien waren nicht mehr genügend geladen. Die Waage stand auf einer unebenen Fläche. Nach Meinung eines Experten sei auch möglich, dass in der Nähe ein empfangsbereites Handy gelegen und Einfluss auf die Waage genommen haben könnte.

Es ist für Garri R. sehr wichtig, nachzuweisen, dass er lediglich fahrlässig gehandelt habe. Folgt ihm das Gericht, würde das seine Strafe entscheidend verringern.

Im ersten Prozess sahen die Richter in dem falschen Wiegen nicht die prozessentscheidende Situation. Sie gingen bei ihrem Urteil noch davon aus, dass Garri R. die Patienten generell nicht ausreichend über die möglichen Folgen des Ecstasy-Konsums aufgeklärt habe. Für ihn sei vorhersehbar gewesen, dass die Patienten daran sterben könnten, sagten die Richter. Diese Einschätzung wurde beim BGH jedoch infrage gestellt. Nach Meinung der höchsten Richter seien die Patienten das Risiko im Umgang mit dem Ecstasy bewusst eingegangen. Im BGH-Beschluss ist von einer „eigenverantwortlichen Selbstgefährdung“ die Rede.

Auch dieser Passus wurde im aktuellen Prozess von Garri R. sicher nicht ganz zufällig aufgenommen. Er betonte, dass die Patienten das Ecstasy am 19. September „selbstbestimmt“ eingenommen hätten. „Alle hatten bereits Erfahrungen damit gemacht. Und nicht nur bei mir.“

Der Prozess wird fortgesetzt.