Nach tödlichen Unfällen

BVG lehnt zusätzliche Tram-Warnsignale ab

Wieder ist es in Berlin zu einem tödlichen Tram-Unfall gekommen: Eine 38-Jährige wurde in Friedrichhain von einem Zug erfasst. Nun wird über zusätzliche Sicherheitstechnik für die Straßenbahnen diskutiert.

Foto: schroeder

Der Fahrer hatte keine Chance. Wie aus dem Nichts sei auf den Gleisen auf der Petersburger Straße weitab von jeder Haltestelle eine menschliche Gestalt aufgetaucht, sagten die Polizisten, die mit dem unter Schock stehenden BVG-Mitarbeiter noch gesprochen hatten. Der Versuch des 59-Jährigen, seine tonnenschwere Tram noch rechtzeitig zu stoppen, blieb erfolglos. Die menschliche Gestalt war eine 38 Jahre alte Frau aus Friedrichshain. Beim Versuch, die Straßenbahn-Gleise zu überqueren, wurde sie Mittwochmorgen gegen 2.40 Uhr von der Straßenbahn auf der Linie M10 erfasst. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod der alleinstehenden Frau feststellen.

Der tödliche Straßenbahnunfall war in Berlin bereits der zweite innerhalb von nur 36 Stunden. Am Montag war in Wedding ein zwei Jahre alter Junge tödlich verunglückt. Wie berichtet, hatte seine Mutter mit ihren beiden Söhnen an der Hand einen Gleis-Übergang über die Osloer Straße passiert, ohne auf die herannahende Straßenbahn zu achten. Damit haben in diesem Jahr in Berlin bereits vier Menschen bei Zusammenstößen mit Straßenbahnen ihr Leben verloren. Die Zahl der Todesopfer hat sich somit gegenüber dem Vorjahr bereits verdoppelt.

BVG-Mitarbeiter geschockt

Auch wenn bislang in allen Fällen Unachtsamkeit der Fußgänger als Unfallursache ermittelt wurde, sind die Verantwortlichen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sichtlich schockiert über die jüngsten Vorfälle. Müht sich doch das kommunale Verkehrsunternehmen seit knapp zwei Jahren, sowohl mit einer Erziehungskampagne („Achte auf Deine Linie“) als auch mit verschiedenen baulichen Veränderungen die Zahl der Tram-Unfälle zu reduzieren. Doch die aktuelle Entwicklung ist eine andere: Die Zahl der Unfälle, an denen Straßenbahnen beteiligt waren, steigt kräftig an. Wurden etwa im gesamten Vorjahr 252 Unfälle mit anderen Fahrzeugen registriert, gab es in den ersten elf Monaten dieses Jahres bereits 502 Crashs. Auch die Anzahl der Unfälle, an denen Fußgänger beteiligt waren, erhöhte sich deutlich von 39 (2009) auf inzwischen schon 52.

Angesichts dieser Entwicklung forderte Jörg Becker vom Automobilklub ADAC den Senat und BVG auf, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für den Straßenbahnverkehr zu treffen. „An besonders unübersichtlichen Stellen sollten optische Signale ähnlich wie an Bahnübergängen vor herannahenden Zügen warnen“, schlägt der Verkehrsexperte vor. .Zugleich appelliert Becker an die Berliner, egal ob sie Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer sind, achtsamer im Straßenverkehr zu sein „Gerade in der dunklen Jahreszeit und zudem bei hektischen Weihnachtsvorbereitungen lässt die Aufmerksamkeit stark nach“, sagt er. Was bauliche Veränderungen an den Tram-Strecken betrifft, hält er den Aufbau weiterer Z-Gitter an den Übergängen für notwendig. Solche Absperrungen werden in Berlin seit 2008 so montiert, dass sie die Fußgänger an Übergängen zwingen, vor dem Passieren in Richtung einer möglicherweise heranfahrenden Straßenbahn zu schauen.

Laut BVG-Sprecherin Petra Reetz gibt es derzeit 31 Z-Übergänge, weitere zehn sollen 2011 folgen. Das Aufstellen lehnen die Verkehrsbetriebe weiterhin ab. „Die Bahnen fahren immer mit Licht und sind besonders nachts gut zu sehen“, sagt Reetz. Auch die Forderung des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“, Straßenbahn-Übergänge zusätzlich mit „Stroboskop-Leuchten“ zu sichern, hält die BVG für wenig sinnvoll. Die Leuchten, die kurz aufblitzen, kurz bevor ein Zug kommt, könnten Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer blenden, heißt es zur Begründung.

Mehrere Meter mitgeschleift

Doch auch ein Z-Gitter oder Blitzlichter hätten am frühen Mittwochmorgen Sibylle S. wohl das Leben nicht retten können. Denn die 38-Jährige versuchte die Gleise an der Petersburger Straße auf freier Strecke zu überqueren. Laut Polizei betrat die Frau kurz hinter dem Bersarinplatz plötzlich von rechts die Gleisanlage der Tram. Dabei soll sie zwischen zwei parkenden Autos hervorgetreten sein. Offenbar war sie auf dem Weg nach Hause, denn auf der anderen Seite der Straße befindet sich die Wohnadresse der Friedrichshainerin. Von der abbremsenden Bahn wurde Sibylle S. noch mehrere Meter mitgeschleift.

Es dauerte mehr als ein Stunde, bis die Tote geborgen war. Insgesamt waren etwa 25 Feuerwehrleute im Einsatz. Für den Zeitraum der Bergung war die Linie M10, die zwischen dem Bahnhof Warschauer Straße in Friedrichshain und dem Nordbahnhof in Mitte verkehrt, bis 3.45 Uhr unterbrochen. Die Ursache des tödlichen Zusammenstoßes ist laut Polizei noch unklar. Nach Informationen von Morgenpost Online soll die aus Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt stammende Frau kurz vor dem Unfall gestolpert sein. Ob sie dabei unter Alkoholeinfluss stand, ist bisher nicht geklärt. Aufschluss kann erst eine Obduktion geben, die von der Staatsanwaltschaft angeordnet werden muss.

Auch die Ursache des tödlichen Tram-Unfalls am Montag, bei dem auf der Osloer Straße in Wedding ein zweijähriger Junge sein Leben verlor, gibt der Polizei weiter Rätsel auf. Es sei weiterhin vollkommnen unklar, warum die 26 Jahre alte Frau türkischer Herkunft die Gleise überquerte, obwohl sie die herannahende Straßenbahn hätte sehen müssen. Sirin D. hatte mit ihren beiden Kindern an der Hand gegen 17 Uhr an der Osloer Straße Ecke Wriezener Straße an einem „Z-Übergang“ versucht, das Gleisbett der Straßenbahn zu überqueren. Offenbar hatte die Mutter den Zug übersehen und war daraufhin mit ihren Söhnen frontal erfasst worden. Die Frau wurde mit ihren Kindern noch mehrere Meter mitgeschleift, bevor der Fahrer die Tram stoppen konnte. Ein Notarzt hatte noch vergeblich versucht, den Zweijährigen zurück ins Leben zu holen, doch die Verletzungen des Jungen waren zu schwer. Die Mutter und ihr sechsjähriger Sohn wurden schwer verletzt.