Wohnen und studieren

Berlins Studentenwohneime sind überfüllt

Berlin ist für Studenten attratktiv - es wird eng: Die Wohnheime sind überfüllt. Nichts zuletzt Stipendiaten aus dem Ausland haben Probleme, in Berlin eine Bleibe zu bekommen.

Foto: Michael Brunner

Sechs Stockwerke türmen sich aufeinander, die mit Fassadenplatten aus blauem und grauem Kunststoff verkleidet sind. An einigen Fenstern hängen Musikplakate, vor den Fensterbänken stehen Bierkästen. Hier, im größten Studentenwohnheim Berlins, dem Aristotelessteig am Stadtrand in Karlshorst, bewohnt Hristomir Goussev seine 30-Quadratmeter-Wohnung – eine von insgesamt rund 750 Studentenbuden, die sich auf zwei Gebäude verteilen. Viele Wohnungen, die dennoch nicht ausreichen.

„In letzter Zeit gibt es deutlich mehr Wohnungsanfragen, vor allem seitdem die Zimmer renoviert wurden. Das Wohnheim ist komplett belegt“, sagt der 23-jährige Student. Er arbeitet für das Studentenwerk als Tutor, berät dabei Wohnungs-Anwärter aus In- und Ausland, hilft ihnen bei der Suche. Eine Aufgabe, die immer schwieriger wird: „In den Wohnheimen wird es zunehmend enger: Berlin ist als Stadt und durch die wegfallenden Studiengebühren einfach sehr attraktiv.“

Tatsächlich ist die Kapazität der Wohnheime für Studenten in Berlin erschöpft. Das kritisiert auch die Leiterin der Studentenwohnheime, Ricarda Heubach. Vor dem Beginn des Sommersemesters in der zweiten Aprilwoche habe man täglich bis zu 25 Interessenten absagen müssen. Unterdessen machen die steigenden Mietpreise auf dem Wohnungsmarkt das Wohnen in einem Haus des Berliner Studentenwerks noch attraktiver. Ab 130 Euro kann hier ein Zimmer angemietet werden – warm. Die teureren Appartements kosten 325 Euro Warmmiete monatlich, im Durchschnitt zahlen die Bewohner 175 Euro Miete. Auf dem freien Markt sucht man mittlerweile lange nach einem vergleichbaren Angebot. Das Berliner Studentenwerk kann Wohnungen derzeit noch preiswerter anbieten als etwa Städte wie Freiburg und München.

Das führt auf lange Sicht zu einem eklatanten Wohnungsmangel. Besonders schmerzlich für die Leiterin Heubach: „Wir mussten etwa 60 Anträge der akademischen Auslandsämter, die internationale Studierende betreuen, abweisen.“ Zum Sommersemester konnten deshalb Stipendiaten aus dem Ausland ihr Studium nicht aufnehmen, da die Stipendien an den Berliner Hochschulen an eine Unterkunft in Berlin verknüpft sind.

Viele ausländische Studierende

Der Anteil ausländischer Studierender in den Wohnheimen beträgt im Schnitt etwa 60 Prozent „Da sie keine Papiere, wie etwa eine Schuldenfreiheitserklärung oder eine Bürgschaft der Eltern abgeben können, haben Jugendliche aus dem Ausland nur selten eine Chance bei den Vermietern in Berlin“, sagt Heimchefin Ricarda Heubach. Zudem seien sie meist nur wenige Monate im Land, so dass der Vermieter die Wohnung bald wieder neu vergeben müsste. Die meisten suchen jedoch langfristige Mieter. Ein weiterer Grund, weshalb die ausländischen Studierenden auf die Wohnheime angewiesen sind.

Eben diese Neu-Berliner versucht Hristomir Goussev als Tutor an die Hand zu nehmen. Der Student hat es sich auf seinem Ecksofa bequem gemacht, in der kleine Küche im Eingangsbereich, stapelt sich etwas Abwasch, aus den Laptopboxen klimpert bulgarische Musik, ein Lied aus Goussevs Heimat. Im „Ari-Steig“, wie der junge Bulgare sein Wohnheim liebevoll nennt, lebten vor allem ausländische Studenten: „Rund 75 Prozent sind Ausländer. Bei Deutschen ist es hier nicht so beliebt, weil es nicht im Zentrum liegt“, sagt der 23-Jährige, der einen Masterstudiengang in Public Management belegt. Einige Bekannte mussten drei, vier Monate oder länger warten, bis sie auf den langen Wartelisten auf Platz eins standen, berichtet Goussev. Dabei zeichne sich ab, dass in den beliebten, zentralen Wohnheimen vor allem deutsche Studierende unterkommen. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, sagt Hristomir Goussev. „Und die Deutschen sind mit dem System natürlich besser vertraut.“

Denselben Trend beobachtet auch die Wohnheims-Leiterin Ricarda Heubach. Schon jetzt etabliere sich eine Art Zwei-Schichten-Wohnsituation. Mieter aus dem Bundesgebiet schauten sich die Wohnheime im Internet an und wählten die besten aus, etwa das frisch sanierte Wohnheim auf dem Campus der Technischen Universität in Charlottenburg. Die übrigen Plätze gehen an die ausländischen Stipendiaten.

Die Situation bei den Wohnheimplätzen könnte sich in Zukunft noch verschärfen: Mit der Aussetzung der Wehrpflicht in diesem Sommer und den doppelten Abiturjahrgängen, die im kommenden Jahr in Berlin, Bayern und Baden-Württemberg die Schulen verlassen, drängen mehr Studierende an die Hochschulen. „Dazu bieten die Hochschulen mehr Stipendien an als bisher“, sagte Ricarda Heubach.

Ein ausgebuchter Wohnort für Studenten ist auch das Studentenwohnheim Viktor Jara in Biesdorf. Vor dem beigen Gebäude mit imposantem Eingang befindet sich ein kleiner Park, viel Grün und Ruhe. Studenten benutzen hier Magnetkarten statt Schlüssel, um ihre Wohnungen zu betreten. Der Student Matthias Weber (31) bewohnt hier ein Einzelappartement, 22 Quadratmeter für 200 Euro – inklusive Gas, Wasser und Strom.

„Die Wohnungssituation ist ideal, die Mietpreise sind in den letzten Jahren kaum gestiegen“, sagt Weber, der Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert. 110-Quadratmeter-Appartements seien für rund 320 Euro zu haben. „Der Hauptteil der Studierenden kommt aus dem Inland, nur etwa ein Drittel sind ausländische Studierende, vor allem aus Polen“, sagt Weber. „Wer sich früh genug um einen Platz kümmert, hat hier noch eine Chance. Bewirbt man sich hingegen ganz zentral, muss man damit rechnen, dass man tatsächlich kein Zimmer bekommt.“

Dass mehr Wohnraum geschaffen werden muss, sieht man auch beim Studentenwerk. „Es wären in diesem Jahr erstmals zum Start des Sommersemesters dringend mehr Wohnplätze gebraucht worden“, sagt Ricarda Heubach. Bisher hat das Studentenwerk jedoch keine neuen Räume finden können. Das Land Berlin stelle zu diesem Zweck keine Immobilien zur Verfügung. „Wir sehen uns also selbst nach preisgünstigen Immobilien um.“ Derzeit verwaltet das Studentenheim 35 Immobilien, mit insgesamt 8005 Wohnungen, in denen 9448 Studierende Platz finden. Im vergangenen Semester musste ein Haus des Jewish Claim Fonds in Hohenschönhausen aufgegeben werden, 164 Wohnungen fallen nun weg, was die Situation in den vollen Wohnheimen weiter verschärft.