"Guerilla Gardening"

Mit Hacke und Schippe für ein blumiges Berlin

Viele Bezirke haben nur noch wenig Geld für die Grünpflege. Nun suchen sie engagierte Blumenpaten. Und dann gibt es noch diejenigen, die man gar nicht bitten muss: Garten-Guerillas.

Foto: Massimo Rodari

Eine Schachtel Pralinen, von einem Passanten spontan überreicht, war für Anne-Gret Krämer bisher die schönste Belohnung. Seit fünf Jahren bepflanzt die Charlottenburgerin vier Baumscheiben vor ihrem Wohnblock an der Preußenallee. „Damals sind mein Mann und ich an einem tristen Winterabend nach Hause gekommen und fanden: Es sieht hier furchtbar aus“, erinnert sich die pensionierte Religionslehrerin. „Wir haben den Schmutz von den Baumscheiben entfernt, Blumen aus unserem Garten mitgebracht und alles bunt bepflanzt.“

Gegen die Tristesse auf Berlins Straßen und in den Parks setzen immer mehr Bürger mit eigenen Farbtupfern ein Zeichen. Sie funktionieren die Baumscheiben und Mittelstreifen vor ihrer Haustür zur blühenden Kleinoase um. Oder bilden Anwohnerinitiativen, um Plätze und Parkanlagen zu pflegen. Ob im Wröhmännerpark in Spandau, auf dem Johann-Jessel-Platz in Wilmersdorf oder dem Pistoriusplatz in Weißensee – quer durch die Stadt greifen die Berliner selbst zu Besen, Heckenschere und Pflanzschaufel, um ihren Kiez zu verschönern. In Reinickendorf können die Bürger sogar Patenschaften für Grünflächen übernehmen und dürfen diese ganz offiziell bepflanzen.

Eine gute Idee, denn Berlins Grünflächenämtern fehlt Geld und Personal, um Parkanlagen und Kübel auf öffentlichem Straßenland in Schuss zu halten. Einige verzichten deshalb dieses Jahr bereits ganz auf die Frühjahrsbepflanzung, andere konzentrieren sich auf wenige repräsentative Orte wie die Rathausvorplätze oder die Bahnhöfe. Einzig der Bezirk Mitte kann sich noch üppige Frühlingsrabatten leisten. 5,8 Millionen Euro stehen für die Pflege seiner Grünflächen aber nur deshalb zur Verfügung, weil Mitte die Hauptstadt repräsentieren soll. Selbst dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, in den ebenfalls viele Touristen kommen, geht das Geld für den Blumenschmuck aus. Weniger als 1,2 Millionen Euro kann der Bezirk zur Pflege seiner Grünflächen ausgeben. Wie berichtet, hat Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) nun den Notstand ausgerufen, weil er die Müllentsorgung nicht mehr bezahlen kann.

Selbst der Außenbezirk Spandau hat mit 1,5 Millionen Euro für alle Grünarbeiten mehr Geld zur Verfügung. Dennoch mussten in der Altstadt, der guten Stube des Bezirks, schon Blumenkübel entfernt werden, weil Mittel für die Bepflanzung fehlten. Seit Jahren bezieht Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU) mit der Aktion „Bleib sauber, Spandau“ Bewohner ein, um öffentliche Flächen von Laub, Unrat oder Graffiti zu befreien. Auch die Charlottenburgerin Anne-Gret Krämer ist keine Einzelkämpferin mehr. An den rund 180 Euro, die sie jährlich für die bunt bepflanzten Beete an der Preußenallee ausgibt, beteiligen sich inzwischen viele Nachbarn. „Mein Mann macht jedes Jahr im Frühjahr einen Aushang“, erzählt die 66-Jährige. „Viele Nachbarn geben dann etwas Geld, damit ich Pflanzen kaufen kann.“ Anne-Gret Krämer hält die Baumscheiben in Schuss – sie gießt, jätet Unkraut und räumt unverdrossen die Hinterlassenschaften der Vierbeiner weg. Seit 25Jahren lebt die Frau aus dem Ruhrgebiet im Viertel zwischen Reichsstraße und Preußenallee. „Wir wohnen hier, also wollen wir es schön haben“, sagt sie.

Auch für die Bezirksämter geht es weniger um die Anschaffungskosten für die Pflanzen als um den Aufwand für Pflege und regelmäßige Bewässerung. Da die Bezirke freiwerdende Stellen nicht mehr ohne weiteres neu besetzen dürfen, sind viele Grünflächenämter dramatisch unterbesetzt. Neukölln hat schon 2006 ein Drittel seiner damals 150 Mitarbeiter im Grünflächenamt in den Stellenpool versetzt. Mit dem so gesparten Geld wurde der Sachmitteletat des Grünflächenamtes aufgestockt, um mehr Aufträge nach außen zu vergeben. Die 2,9 Millionen Euro, die der Bezirk für Pflege seiner Grünflächen hat, gehen nun überwiegend an Privatunternehmen. „Aber jeder Sonderauftrag muss auch extra bezahlt werden“, sagt Baustadtrat Thomas Blesing (SPD).

„Guerilla Gardening“

Engagierte Bürger wie Anne-Gret Krämer sind dennoch den Behörden nicht überall willkommen. Denn eigentlich ist es nicht erlaubt, Pflanzen nach eigenem Gutdünken in die Botanik zu setzen. „Guerilla Gardening“ heißen neudeutsch spontane Pflanzaktionen im öffentlichen Raum. Schon kritisieren einige Verwaltungen, dass Anwohner nicht immer fachgerecht gärtnern oder öffentliche Grünstreifen zur privaten Parzelle mit Bänken und Zäunen umfunktionieren. Auch die Boutique Schneider an der Westfälischen Straße ist wegen der mit bunten Primeln übersäten Baumscheibe vor ihrer Tür mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf in Konflikt geraten. Die Erde, in die Inhaberin Anna Schneider und ihre Mitarbeiterinnen dreimal jährlich wechselnde Pflanzenarrangements setzen, sei zu hoch aufgeschüttet und müsse abgetragen werden, heißt es. „Die feuchte Erde greift die Baumrinde an“, sagt Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Verkäuferin Sabine Radecke hat dafür kein Verständnis: „Die Stadt hat kein Geld. Und dann wirft sie Leuten, die sich kümmern, noch Steine in den Weg.“

Als einziger Bezirk gibt das grüne Reinickendorf mehr Geld als früher für die Grünpflege aus. 140.000 Blumenzwiebeln und Pflanzen hat das Grünflächenamt des Bezirks nach eigenen Angaben gesetzt. Dabei ist der Grünetat am nördlichen Stadtrand mit 1,8 Millionen Euro ebenfalls nicht üppig. Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) hat auch dieses Jahr die Aktion „Sauberes Reinickendorf“ gestartet: Alle Bürger sind aufgerufen, beim Frühjahrsputz in Parks, auf Plätzen und Straßen zu helfen. Und auch vor Garten-Guerillas ist dem Bezirksamt nicht bange. Baustadtrat Martin Lambert (CDU) ruft die Reinickendorfer auf, „Blumen an Straßen und um Straßenbäume zu pflanzen“.