Flughafen Tegel

Das Leben im Mikrokosmos TXL

Nach 63 Jahren soll der Flughafen Tegel Ende 2012 schließen. Dabei gibt es viele Gründe, warum er bleiben könnte. Ein Ortsbesuch.

Foto: Massimo Rodari

Heute ist ein guter Tag. Zwei ausländische Regierungsmaschinen sind gelandet. Ingolf (43) und sein 16-jähriger Sohn Lucas haben alles fotografiert. Einen A 310 und eine Boeing 757. Ingolf hebt seine Kamera mit dem schweren Teleobjektiv und stellt den Sucher scharf. Ein paar Hundert Meter weiter steht eine Jak-40. "Jakowlew, Kurzstreckenflugzeug aus sowjetischer Produktion, eine absolute Rarität." Die Kamera klickt schnell hintereinander. "Sieht man nur noch total selten." Fasziniert betrachtet er die Bilder auf seinem Kameradisplay. Vater und Sohn stehen vor der Fensterfront im zweiten Obergeschoss von Terminal A im Flughafen Tegel. Sie sind sogenannte Planespotter und fotografieren Flugzeuge beim Starten und Landen. Tegel lässt ihr Herz höher schlagen.

Drei Stockwerke tiefer zückt Helga Mielke einen Lappen und fährt damit über die Waschbecken. Sie schüttelt ihr schneeweißes Haar, rückt die Brille zurecht. Gäste, die sich die Hände nach dem Waschen nicht abtrocknen und das Wasser im ganzen Raum verteilen, die mag sie nicht. "Und dann noch nichtmal zahlen!" Ein Blick zur Untertasse auf dem Tisch vor den Toilettenräumen. 1,50 Euro in kleinen Münzen. Helga Mielke ist 75 Jahre alt und arbeitet seit vier Jahren in der öffentlichen Toilette des Flughafens. Früher war sie mal kaufmännische Angestellte in einem großen Unternehmen, aber die Rente reicht nicht, deswegen steht sie jeden Tag noch vor Sonnenaufgang auf und fährt von Spandau nach Tegel. Schlimmer als die Wasserabschüttler, sagt sie, seien bloß noch die, "die anscheinend nicht wissen, dass es so was wie ne Spülung gibt". Der Flughafen ist für sie mehr als bloß Arbeitsstätte, dies ist ihr Reich, sie ist die Königin.

TXL hat bald ausgedient

Berlin-Tegel "Otto Lilienthal", Flughafencode TXL, ist Arbeitsplatz für etwa 9800 Menschen. Er ist Berlins verkehrsreichster Flughafen, jedes Jahr starten und landen mehr Flugzeuge, 2010 wurden mehr als 15 Millionen Passagiere abgefertigt. Das waren sechsmal so viele wie ursprünglich geplant, beim Bau des Flughafens hatte man mit 2,5 Millionen Passagieren im Jahr gerechnet. 1965, gerade mal ein Jahr nach Abschluss seines Studiums, hatte der Architekt Meinhard von Gerkan mit seinem Entwurf den Wettbewerb für den Neubau gewonnen. Bis 1975 wurde dieser Entwurf von seiner Bürogemeinschaft von Gerkan, Marg und Partner realisiert. Nun steht es da, das sechseckige Terminal A, das aus der Luft aussieht wie eine Schraubenmutter. An der Mutter docken die Flugzeuge an, 15 Gates hat das Terminal. Die Wege sind kurz, vom Taxi bis zum Gangway vielleicht 20 Meter, von Terminal A zu den Terminals B, C, D oder E ist man kaum länger als zehn Minuten unterwegs. Doch es ist auch genau diese Übersichtlichkeit, die den Flughafen für manche provinziell macht.

Und fast ein halbes Jahrhundert später baut das gleiche Architektenteam wie damals gemeinsam mit dem Büro JSK International wieder einen Flughafen für Berlin: den Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI). Er soll alleiniger Großflughafen der Hauptstadt werden, im Süden der Stadt, ein Drehkreuz in Europa, modern und von internationalem Standard. Der gute alte TXL hat ausgedient. Spätestens ein halbes Jahr nach Fertigstellung des BBI, die für Juni 2012 geplant ist, soll Tegel geschlossen werden. Noch aber herrscht Vollbetrieb.

Promiauflauf am Flughafen

An Gate 3 hat sich eine Warteschlange gebildet, Check-In für den Flug nach München. Nebenan, an Gate 4 und 5, werden London-Reisende abgefertigt. Ein paar Fotografen knipsen einen kleinen blonden Jungen dabei, wie er eine Karre vor sich herschiebt. Es ist der Sohn von Boris Becker. Dessen Frau Lilly steht daneben und schiebt den Kleinen in Richtung Fotografen.

An den Gates elf bis 14 ist nichts los, ein paar Jugendliche dösen auf den Sitzbänken neben ihrem Gepäck. Vor der Hauptanzeigetafel sitzt eine elegante blonde Dame im Café, wer genau hinsieht, erkennt unter der Hutkrempe die Schauspielerin Michaela May.

Ein Mann im grauen Anzug bleibt vor der Tafel stehen und studiert die gelb leuchtenden Zeilen. Tripolis: gestrichen. Amsterdam: Check-In. Dirk van Moll war am Vortag für einen geschäftlichen Termin nach Berlin geflogen, jetzt muss er zurück nach Amsterdam. Für ihn ist Flughafen Alltag, der 45-jährige Holländer fliegt mehrmals im Monat, davon mindestens einmal nach Berlin-Tegel, die Firmenzentrale seines Arbeitgebers hat ihren Sitz in der deutschen Hauptstadt.

Dirk van Moll mag diesen Flughafen. "Der beste in ganz Europa", findet er. Weil er so schön klein "und gemütlich" sei. "Man kann 20 Minuten vor Abflug hier sein und trotzdem klappt alles perfekt - wo ist das schon so?" Wenn es dann irgendwann nur noch den neuen Hauptstadtflughafen BBI gibt, sagt Dirk van Moll, "dann wird mein Weg in die City sehr viel länger sein als jetzt, das ist schade!" Er biegt um eine Ecke, zieht seinen Rollkoffer zehn, vielleicht zwanzig Meter. Schalter A 14, Flug KL 1826 nach Amsterdam. Er wuchtet sein Gepäck auf das Kontrollband. Die Wege sind kurz in TXL, hinter der Fensterfront zum Rollfeld ist schon die Fokker 100 zu sehen, mit der Dirk van Moll gleich nach Hause fliegen wird.

Ort für Träumereien

Zwei Stockwerke höher rollt eine perfekt geschminkte Sahra Wagenknecht gerade ihr Köfferchen in die Lufthansa-Lounge. Um hier hinein zu dürfen, muss man ein First Class-Ticket haben oder Vielflieger sein. Die Linke-Politikerin erntet ein paar bewundernde Männerblicke. Die Planespotter wenige Treppenstufen weiter aber interessieren sich nicht für die prominente Dame.

Normalerweise positionieren sich Ingolf und Lucas draußen, je nach Flughafen entweder so nah wie möglich an der Rollbahn oder, wie hier in TXL, auf der Aussichtsterrasse. Für sie sind Start- und Landebahn ein Roter Teppich, auf dem sich ihre Stars präsentieren. Die Terrasse ist wegen der Staatsbesuche heute aber für Publikum geschlossen. TXL sei ein super Spot, "vor allem heute." Die deutschen Flughäfen kennen sie alle, in Europa die meisten. Heute nutzen die Leipziger ihre Wartezeit bis zum Rückflug, um am Ende ihres Vater-Sohn-Berlin-Kurztrips noch ein paar gute Bilder zu machen. "Dass es so spannend wird, hätte ich nicht gedacht." Ingolf betrachtet fasziniert die geparkten Regierungsmaschinen. Lucas nickt.

Tegels Anfänge reichen weit zurück. Luftschiffe wurden dort erprobt, Wernher von Braun testete auf dem Gelände Versuchsraketen. 1948 wurde dort die damals längste Start- und Landebahn Europas gebaut, für die Maschien der Luftbrücke. Air France war 1960 dann die erste Fluggesellschaft, die den ersten regelmäßigen Linienflug nach Tegel in den Flugplan aufnahm - der Beginn des zivilen Flugverkehrs in Tegel. Der Flughafen lag damals im Französischen Sektor.

Ingolf holt ein Buch aus der Tasche, ein Verzeichnis aller Flugzeug-Registriernummern. Er streicht die drei Flugzeuge von heute ab. Mit wie vielen Codes er das schon getan hat, weiß er nicht. "Mit vielen." Zu Hause werden sie ihre Fotos ausdrucken und in Alben kleben.

In Leipzig hatten die zwei mal ein weiteres Highlight vor der Linse: "Eine Antonow 225, das größte Flugzeug der Welt", Lucas nickt stolz. Ingolf stößt ihn in die Seite, deutet nach draußen. Ein Flugzeug setzt zur Landung an. Kameras klicken. Flughäfen sind auch Orte für Träumereien.

Für Träume ist im Kellergeschoss, am Tisch von Helga Mielke, zwischen der Damen- und der Herrentoilette, kein Platz. "Um fünf geh ich runter, acht Stunden später wieder rauf und sofort raus zum Bus", sagt sie. Wenn ihre Schicht zu Ende ist, will sie nur nach Hause, dann tun die Knie weh und der Rücken, dann freut sie sich darauf, etwas Leckeres zu kochen. "Im Flughafen kenne ich nur das Klo und den Briefkasten. Zum Spazierengehen hat man hier keene Zeit." Sie legt einen Stapel Papierhandtücher nach, ein dicker Schlüsselbund klimpert an ihrer Schürze. "Der Jauch" sei mal da gewesen, "aber den mag hier ja keener, der hat mal ne Reportage gebracht über Klofrauen, da hieß es, wir würden ja so viel verdienen." Sie schüttelt verärgert den Kopf, nimmt die paar Münzen von der Untertasse und steckt sie in ihre Schürze. Kurz hinsetzen. Helga Mielke streicht die Tischdecke glatt. "Naja, es gibt ja auch nette Gäste. Die haben ja auch wat Schönes vor sich, wenn sie kurz vor Abflug herkommen." Manchmal denkt sie an früher, als sie auch noch reisen konnte. In den Bergen, da gefiel es ihr. Eine Gruppe italienischer Jugendlicher stürmt in die Toilettenräume. Es gibt zu tun.

Letzter Stopp Flughafenapotheke

Vor dem Wäschegeschäft im Erdgeschoss steht ein Wegweiser mit Pfeilen in alle Himmelsrichtungen, "Ulan Bator 6193 km", "New York 6387 km". Daneben Pfeile zu den Einrichtungen des Flughafens. Toilette unten, Apotheke oben.

Im ersten Stockwerk, in der Apotheke zwischen den Cafés sucht eine asiatisch aussehende Dame die Regale ab. Ob sie helfen könne, fragt Apothekerin Denise Klarr auf Englisch. Die Asiatin klingt erkältet, sie bittet um Vitaminpräparate.

Viele Reisende machen hier den letzten Stopp vor dem Check-In. "Vor allem Schmerztabletten, Insektenschutzmittel, Sonnenschutz, Vitamine und Durchfall-Prophylaxe werden kurz vor der Abreise noch gekauft", sagt Denise Klarr. In Gedanken haben sie und ihre Kolleginnen schon eine Art Katalog erstellt, je nachdem, woher die Kunden stammen: Russen, so ihre Erfahrung, fragen besonders oft nach Zahnpflegeprodukten und Fußcreme, Asiaten nach Vitamin C und D sowie nach bestimmten Kosmetika ("made in Germany"), Amerikaner nach Kombipräparaten. "Jede Nation hat so ihre Vorlieben, die kennt man mittlerweile."

Für Passagiere, deren Gepäck verloren gegangen ist, haben die Apothekerinnen kleine "Travel-Packs" vorbereitet mit all den Dingen, die am nötigsten sind. Manchmal, sagt Denise Klarr, helfe aber schon ein gutes Wort. "Wenn jemand Flugangst hat, ganz allein unterwegs oder aufgeregt ist zum Beispiel, manche wollen einfach reden." Sie und ihre Kolleginnen sind auch Lebensberaterinnen, Vertrauenspersonen. Flughäfen können auch die einsamsten Orte der Welt sein. An diesem hier, in TXL, ist so familiär, dass es immer jemanden gibt, der ein bisschen Zeit und ein Ohr für Sorgen hat.

Es ist keine Seltenheit, dass etwas in der Apotheke, auf der Toilette, im Café oder auf der Aussichtsterrasse liegen bleibt. Im besten Fall wird das alles im Fundbüro, im Erdgeschoss links hinter der Anzeigetafel, abgegeben. Kai Kelm ist der Verwalter der vergessenen Dinge. Im "Lost & Found"-Büro nimmt der 39-Jährige die Sachen entgegen, kennzeichnet sie mit dem Funddatum und einer Aufnahmenummer, fortlaufend mit Monatsangabe, und verwahrt sie, bis sie wieder abgeholt werden.

150 bis 160 Fundstücke archiviert er jeden Monat. Sehr gewissenhaft und mit Liebe zum Detail. Es gibt einen ganzen Karton voller Mobiltelefone und EC-Karten im Hinterraum, vergessene Bücher stapeln sich im Regal, Laptops, Portemonnaies, Kuscheltiere, Handtaschen. Auch drei Riesenlollies, Fundsache 48/10, wurden bisher nicht abgeholt, ebenso der Schal vom Februar, Nummer 57/02. Kai Kelm kennt alles, er weiß, seit wann was hier liegt.

Hinter jeder Ziffer verbirgt sich eine kleine Geschichte. Vor einiger Zeit brachte ihm jemand ein Gebiss, es war auf der Toilette liegen geblieben. "Kurze Zeit später kam ein älterer Herr, um es abzuholen." Weil Eigentümer beweisen müssen, dass sie tatsächlich die Eigentümer sind, habe der Herr das Gebiss kurzerhand eingesetzt. "Es war eindeutig seins." Kelm lacht. Manchmal hat sein Job etwas Skurriles.

Senat pant Umgestaltung

Bei einigen Fundstücken lässt sich der Eigentümer relativ einfach recherchieren, EC-Karten zum Beispiel, da ruft Kelm dann bei der Bank an und sagt Bescheid, die wiederum melden es bei ihrem Kunden. "Bei gefundenen Handys rufe ich die Nummer an, die als letztes gewählt wurde." Das funktioniert allerdings nicht immer, viele sperren ihre Geräte mit einem Sicherheitspin. Dann kann Kelm nur warten. 60 bis 90 Fundstücke pro Monat werden wieder abgeholt. Der Rest wird gesammelt und nach einem halben Jahr versteigert.

Gestern war jemand da, um sein Portemonnaie abzuholen, er schüttelte Kelm minutenlang glücklich die Hand. Heute fragte eine junge Frau nach ihrem Pass, vergeblich. Kelm bleibt immer ruhig und sachlich, er ist ein geduldiger Mensch. Trotzdem fließen im "Lost & Found"-Büro manchmal Tränen, aus Frust, oder vor Freude. TXL ist auch ein Ort der Trennung und des Wiedersehens. Auch für TXL selbst wird das nach seiner Schließung gelten. Das alte "Schraubemutter-Terminal" soll erhalten bleiben. Das insgesamt 4,6 Quadratmeter große Areal drumherum wird jedoch umgestaltet - zu einem "Forschungs- und Industriepark für Zukunftstechnologien".