Missbrauch in Berlin

„In Haiti ist es leicht, ein Kind zu entführen"

Carel Pedre (30) ist ein preisgekrönter Radiojournalist und lebt in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Mit Morgenpost Online spricht Pedre über die Hintergründe des Berliner Pädophilenrings.

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Morgenpost Online: Herr Pedre, waren Sie überrascht, als sie von dem Fall des Pädophilenrings in Berlin gehört haben?

Carel Pedre: Nein, als es gestern in den Nachrichten hier verbreitet wurde, war ich nicht überrascht. Wir haben schon häufiger von Fällen von Kindesentführung in diesem Zusammenhang gehört. Es ist leicht, hier in Haiti die Mutter eines Kindes davon zu überzeugen, es zur Adoption freizugeben.

Morgenpost Online: Kommt das denn häufig vor und wie genau funktioniert das?

Carel Pedre: Ja, es passiert immer häufiger und auch nicht nur von Pädophilen, sondern auch von Adoptionsagenturen, die den Eltern hier versprechen, Waisenkinder ein besseres Leben bei einer Familie in Europa oder den USA zu vermitteln. Meist sprechen sie Eltern in der Provinz an, weil sie diese leichter überzeugen können und außerdem deren Armut meist noch größer ist. Sie bieten ihnen mehrere Tausend Dollar für ihr Kind und viele Eltern gehen darauf ein. Vor allem die Grenze zur Dominikanischen Republik ist dafür bekannt.

Morgenpost Online: Warum diese Gegend?

Carel Pedre: Weil sie sich in Grenzregionen leichter gefälschte Pässe besorgen können und sie über die Dominikanische Republik in andere Länder gelangen können. Die haitianischen Behörden schauen hilflos zu. Auch dann, wenn die Menschenhändler direkt bei Waisenhäusern anfragen. Es gibt keine Infrastruktur in Haiti gegen solche Machenschaften. Die Justiz hier ist noch immer im Chaos.

Morgenpost Online: War das schon vor dem Erdbeben im Januar des Jahres 2010 so?

Carel Pedre: Durch das Erdbeben ist es auf jeden Fall noch einmal viel schlimmer geworden. Viele Kinder müssen auf der Straße leben und bei den Hilfsorganisationen, die hier arbeiten, ist es unmöglich, herauszufinden, wer es mit der Nothilfe nicht so ernst meint und andere Interessen verfolgt.

Morgenpost Online: Was tut die Polizei?

Carel Pedre: Polizisten verdienen hier wenig und sind bestechlich. Internationale Menschenhändler können ihnen leicht den fünffachen Monatslohn bieten, damit sie wegsehen.

Morgenpost Online: Gibt es eine Aufmerksamkeit für dieses Thema in der Bevölkerung?

Carel Pedre: Die Aufmerksamkeit wächst, ja. Es gibt ein bekanntes Video, dass viele im Internet gesehen haben. In dem Video sieht man einen englischen Reporter, der zeigt, wie leicht es ist, ein Kind mit falschen Papieren außer Landes zu bringen. Das hat etwas verändert.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie persönlich die Situation der Kinder in Haiti?

Carel Pedre: Vor einem Jahr war es noch besser, da verteilte die Regierung noch Notrationen an Mütter mit Kindern. So kamen viele Kinder noch an regelmäßige Mahlzeiten. Aber nach fünf Monaten wurde dieses Hilfsprogramm eingestellt.

Morgenpost Online: Kennen Sie einige Kinder persönlich?

Carel Pedre: Das nicht, aber ich gehe regelmäßig sonntags auf einen Platz im Cité Soleil, einem riesigen Elendsviertel in Haiti. Dort sehe ich vielleicht 500 Kinder, die hungrig herumsitzen. Wenn ich ihnen etwas zu essen mitbringe, sehen sie immer so aus, als wäre es die erste Mahlzeit seit Langem.