Duogynon-Prozess

Schering-Akten bleiben wohl für immer zu

Das Berliner Landgericht sieht derzeit für die mutmaßlichen Arzneimittel-Opfer kaum Chancen, dass der Pharma-Konzern Bayer Schering gezwungen werden kann, 30 Jahre alte Akten zu öffnen. Das endgültige Urteil um die Duogynon-Klage wird erst im Januar 2011 erwartet.

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André Sommer konnte seine Enttäuschung nur schwer verbergen. Zwar gab es noch kein Urteil im Saal 156 des Berliner Landgerichts. Aber die „vorläufige Sicht“ des Richters Udo Spuhl ließ keinen Platz für Zweifel. Der Verkauf des Arzneimittels habe sich 1975 ereignet, sagte er, und somit sei der Fall aus seiner Sicht verjährt.

In jenem Jahr 1975 hatte sich Lydia Sommer das Schering-Produkt Duogynon von ihrem Arzt verschreiben lassen. Sie wollte prüfen, ob sie schwanger sei. Sie war schwanger. Acht Monate später kam ihr Sohn André mit schweren Missbildungen an Blase und Geschlechtsorganen zu Welt. Seitdem wurde André zwölf Mal operiert. So musste der Genitalbereich „neu aufgebaut“ und ein künstlicher Blasenausgang gelegt werden. Und es wird wohl nicht die letzte OP für den Lehrer aus Pfronten/Bayern gewesen sein. Der 34-Jährige weiß, dass er den Rest seines Lebens die Folgen der Missbildungen spüren wird. Und er sieht, wie inzwischen viele andere, einen Zusammenhang in der Einnahme der Arznei Duogynon und seinen Leiden. Genau deshalb hat er geklagt – offenbar jedoch fünf Jahre zu spät.

Lydia Sommer hatte schon 1978 den Verdacht, dass die gesundheitlichen Probleme ihres Sohnes nicht auf einen Schicksalsschlag zurückzuführen seien, den keiner hätte beeinflussen können. In Großbritannien war bekannt geworden, dass nach der Einnahme von Duogynon Kinder mit Missbildungen geboren wurden. Seit 1967 gab es dazu sogar eine Studie. Aber erst 1978 benannte Schering Duogynon in Cumorit um und warnte künftig, das Hormonpräparat „nicht bei Schwangerschaft oder Schwangerschaftsverdacht anzuwenden.“ Parallel wurde festgestellt, ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und den embryonalen Fehlbildungen sei „ein zufälliges Zusammenfallen“. Eine Strafanzeige der „Interessengemeinschaft duogynongeschädigter Kinder“ blieb ohne Erfolg. Die Ermittlungen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. 1981 wurde die Arznei dann endgültig vom Markt genommen.

Sommer wollte mit seiner Klage vor dem Zivilgericht erreichen, dass Bayer Schering Pharma – wie das Unternehmen nach der Übernahme durch den Bayer-Konzern inzwischen heißt – gezwungen wird, die Akten zu öffnen. Das wurde von dem Konzern jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass der Fall längst verjährt sei.

Genau so sieht es nun auch der Vorsitzende der 7. Kammer. Die Verjährung beginne 30 Jahre nach „dem schadensstiftenden Ereignis“, also dem Verkauf der Arznei, so Richter Spuhl. Schlusspunkt war folgerichtig das Jahr 2005. Ergo können keine Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden, ergo gebe es von Seiten des Pharma-Konzerns auch keine Auskunftspflicht. André Sommers Anwalt Jörg Heynemann sieht es anders. Heynemann geht davon aus, dass die Verjährungsfrist erst mit der vorerst letzten Operation seines Mandanten begonnen habe. Und diese Operation habe 2005 stattgefunden. Offen bleibt indes, warum André Sommer nicht schon damals geklagt hat.

Richter Spuhl hört aufmerksam zu, schüttelt den Kopf, wirkt, als würde er selber gern anders entscheiden. Es wird unruhig in dem dicht gefüllten Saal 156. Unter den Beobachtern sind mehrer mutmaßliche Duogynon-Opfer und ihre Angehörigen. So auch die 61-jährige Margret-Rose Pyka, die 1976 das Hormonpräparat Duogynon eingenommen und Monate später eine Tochter mit einem Klumpfuß geboren hatte. Margret-Rose Pyka ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen. „Man macht sich ja auch selber Vorwürfe“, sagt sie. Und dann zeigt sie Fotos ihrer Tochter, einer hübschen, inzwischen 34 Jahre alten Frau. Ihr Fuß ist verhüllt. Wolf-Dietrich Molzow wollte sich diesen Prozess ebenfalls nicht entgehen lassen. Der 53 Jahre alte Berliner wird im Gerichtsflur immer wieder fotografiert. Er misst wegen einer Missbildung seiner Beine nur 1,25 Meter. Auch er sieht die Ursache darin, dass seine Mutter vor seiner Geburt auf Rat eines Arztes Duogynon eingenommen hatte.

André Sommer hat für sie alle geklagt. Für Margret-Rose Pyka, Wolf-Dietrich Molzow und rund 200 weitere mutmaßliche Opfer. Sommer will auch selber noch einmal reden. „Meine Behinderung verjährt nicht“, sagt er spürbar aufgeregt zu Richter Spuhl. Und er berichtet von den Tausenden E-Mails, die er seit dem Bekanntwerden seiner Klage bekommen habe. „Von Duogynon-Opfern und verzweifelten Müttern, die Antworten haben wollen.“ Er könne die Haltung von Bayer Schering nicht verstehen, sagt er. „Warum zeigen sie uns nicht die Akten, wenn an den Vorwürfen angeblich nichts dran ist und es keinen Zusammenhang zwischen dem Duogynon und den Behinderungen gibt?“, fragt er den Anwalt des Pharma-Konzerns. „Warum setzen sie sich nicht mit uns an einen Tisch und reden? Wir sind an einen Dialog sehr interessiert.“

Wenig später, beim Verlassen des Gerichtssaals, kündigt Sommer an, „wenn nötig, in die nächste Instanz“ zu gehen. Nach dem 11. Januar, wenn das Urteil verkündet wird. „Ich ziehe das durch!“

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