Riskante Fortbewegung

Radfahren ist in Berlin gefährlicher als in Polen

Polen hält mit seinen Verkehrstoten einen traurigen EU-Rekord. Doch das Risiko für einen Radfahrer oder Fußgänger in Berlin bei einem Unfall ums Leben zu kommen, ist noch größer als im Nachbarland. Die Verkehrsteilnehmer der Hauptstadt sind einfach zu rücksichtslos.

Foto: Anne Strickstrock

Mit dem Rad oder zu Fuß in Berlin unterwegs zu sein, das ist nicht ganz ungefährlich. Dieses weit verbreitete Gefühl bestätigt jetzt auch der aktuelle Verkehrssicherheitsreport der Prüforganisation Dekra. Nach Auffassung der Dekra-Experten sind Berlins Straßen für Fußgänger und Radfahrer sogar noch gefährlicher als die im Nachbarland Polen. Begründet wird dieses – ziemlich provokante – Urteil mit einem Vergleich des Anteils beider Verkehrsteilnehmergruppen an der Gesamtzahl der Verkehrstoten.

Polen hält demnach mit einem Anteil von 42,6 Prozent toter Radfahrer und Fußgänger an der Gesamtzahl der Verkehrstoten den traurigen EU-Rekord. Doch der Anteil dieser beiden Gruppen an den Verkehrstoten ist laut Dekra in Berlin noch höher und liegt zudem auch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. In ganz Deutschland betrug dieser Anteil 2010 nur 24 Prozent, in Berlin aber waren es knapp 70 Prozent, wie der Vergleich der Prüforganisation ergab. „In der deutschen Hauptstadt scheint es einen großen Nachholbedarf zu geben, was die Rücksicht im Straßenverkehr besonders den schwächsten Verkehrsteilnehmern gegenüber angeht“, sagte Dekra-Vorstandsmitglied Clemens Klinke am Freitag. Der Verkehrsexperte forderte von allen Seiten mehr gegenseitige Achtung und Respekt im Straßenverkehr. „Wir haben ja die interessante Konstellation, dass die Autofahrer stets über das Verhalten der Radfahrer schimpfen, und die Radfahrer beschweren sich über die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer. Es würde schon helfen, wenn jeder sich in die jeweilige Situation des anderen versetzt“, sagte Klinke.

Nach Ansicht des Dekra-Gebietsleiters Carsten Bräuer war im Vorjahr die Zahl der Verkehrstoten in Berlin mit 44 zwar relativ niedrig. Doch der Anteil der Fußgänger und Radfahrer sei nach wie vor unverhältnismäßig hoch. Dies mache auch der Vergleich mit Hamburg deutlich – einer Großstadt, die wegen ihrer Topographie (kaum Berge) ähnlich stark von Radfahrern und Fußgängern genutzt werde wie Berlin und daher gut vergleichbar sei. Hamburg hatte demnach im Vorjahr nicht nur weniger Verkehrstote: 22. Auch der Anteil der getöteten Radfahrer und Fußgänger fiel mit 36 Prozent deutlich geringer aus als in Berlin.

Elektrofahrrädern könnten Situation verschlimmern

Dekra-Niederlassungsleiter Bräuer führte diese Differenz auch auf das Verhalten der hauptstädtischen Radfahrer zurück. „Manche unternehmen hier einen Ritt auf der Kanonenkugel“, sagte er. Gefahren werde oft mit hohem Tempo, in falscher Richtung auf dem Radweg und ohne rote Ampeln zu beachten.

Die Dekra-Prüfer fürchten: Mit dem Trend zu Elektrofahrrädern könnte es noch schlimmer werden. Einerseits seien die Nutzer der sogenannten E-Bikes deutlich schneller unterwegs, was bei Zusammenstößen mit Autos oder anderen Radlern oft schwerere Verletzungen zur Folge habe. Andererseits würden Autofahrer die reale Geschwindigkeit der E-Bikes oft nicht richtig einschätzen können, was gleichfalls die Crash-Gefahr erhöhe. Die Dekra fordert daher, dass alle Fahrer von Fahrrädern, die durch einen Elektromotor angetrieben werden, einen Schutzhelm tragen müssen. Eine generelle Helmpflicht für alle Radfahrer wird von der Dekra aber nicht gefordert. „Dies ist stets ein Abwägungsprozess: Insgesamt setzen wir auf die freiwillige Einsicht und das Verantwortungsbewusstsein der Radfahrer“, so Klinke.

Radfahrer und Fußgänger sind keine Störfaktoren

Angesichts des starken Anstiegs der Zahl der Fahrradfahrer in den vergangenen Jahren ist die Diskussion über deren oftmals gefährliches Verhalten nicht neu. Erst vor Kurzem hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine Debatte über „Kampfradler“ angefacht. „Unverkennbar gibt es eine deutlich wahrnehmbare Gruppe von Radfahrern, die nicht der Meinung ist, dass rote Ampeln, Vorfahrtregelungen und sogar Geschwindigkeitsbegrenzungen in Ortschaften auch für sie gelten“, schreibt Ramsauer auch im Verkehrssicherheitsreport 2011, den die Dekra am Freitag vorlegte.

Der Verkehrsclub Deutschland VCD warnte davor, Radfahrer einseitig als Verkehrsrowdys darzustellen. „Radfahrer und Fußgänger sind keine Störfaktoren im Straßenverkehr, sondern gleichberechtigte Partner.“ Nur bei einem Viertel der Unfälle zwischen Auto und Radfahrer sei der Radler Hauptverursacher, so der Verkehrsclub.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es auch darüber, wie ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Auto- und Fahrradfahrern organisiert werden kann. Der Berliner Senat und die Radfahrerorganisation ADFC setzen auf markierte Radspuren auf der gemeinsam genutzten Straße. Der Automobilklub ADAC sieht darin ein eher größeres Konfliktpotenzial und plädiert für mehr gesonderte Radwege und Fahrradstraßen. Auch der Dekra-Experte Carsten Bräuer hält wenig von Radspuren auf der Fahrbahn. „Überall, wo die Spuren für die einzelnen Verkehrsteilnehmer räumlich nicht getrennt sind, steigt das Konfliktpotenzial“, warnte er.