Arbeitskontrollen

S-Bahner klagen über "Überwachungsskandal"

Bei der S-Bahn bahnt sich möglicherweise eine neue Krise an - diesmal betrifft es die Mitarbeiter. Sie sollen bespitzelt worden sein. Der Betriebsrat spricht von einem Skandal. Die Stimmung der 3000 S-Bahn Mitarbeiter ist an einem Tiefpunkt.

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Bei der Berliner S-Bahn sind Mitarbeiter offenbar heimlich und ohne konkrete Verdachtsmomente von Vorgesetzten bei ihrer Arbeit kontrolliert worden. Betriebsratsvorsitzender Volker Hoffmann spricht von einem „Überwachungsskandal“.

Konkret geht es um eine Aktion, die in der Nacht vom 11. zum 12.März stattfand. In dieser Nacht sollen laut Betriebsrat Führungskräfte der S-Bahn – „manche versteckt hinter Pfeilern“ – unter anderem Zugabfertiger bei der Arbeit beobachtet haben. Außerdem seien Eisenbahnbetriebsleiter „als Fahrgäste getarnt“ in Zügen mitgefahren, um etwa festzustellen, ob der Triebfahrzeugführer zu schnell fährt. Insgesamt 60 solcher „Begleitungen“ sollen stattgefunden haben. Der Betriebsrat wurde nach eigenen Angaben erst vier Tage später informiert. „Eine solche heimliche Kontrolle der Mitarbeiter hat es bei der S-Bahn in der Vergangenheit nicht gegeben“, sagte Betriebsratschef Hoffmann. Viele S-Bahner seien wegen des Generalverdachts stark verunsichert.

Die S-Bahn-Geschäftsführung bestätigte die Kontrolle, wies aber zugleich die Vorwürfe des Betriebsrats als „haltlos“ zurück. „Die Kontrollen sind im Vorfeld angekündigt worden“, sagte ein Bahn-Sprecher. Im Rahmen ihrer Betriebsverantwortung müsse die S-Bahn sicherstellen, dass gesetzliche Vorschriften strikt eingehalten werden. „Neben regulären Kontrollen ist es dabei auch notwendig, unangekündigte Kontrollen zu machen“, so der Sprecher. Der Betriebsrat sei zwar nicht über den konkreten Zeitpunkt, wohl aber über die Art der Überprüfungen vorab informiert worden.

Gewerkschafter Hoffmann bezweifelt indes die Begründung, es gehe bei den Kontrollen um die Einhaltung von Sicherheitsnormen. So sei etwa in einem Fall festgestellt worden, dass ein Triebfahrzeugführer mit seinem Zug auf einer Strecke mit 100 Stundenkilometern unterwegs war, obwohl derzeit für alle Züge eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h vorgeschrieben ist. Der betroffene Kollege sei erst am nächsten Bahnhof auf sein Fehlverhalten hingewiesen worden. Statt das Sicherheitsrisiko sofort abzuwenden, habe der Betriebsleiter erst einmal sieben Minuten vergehen lassen, kritisierte der Betriebsrat.

Die Kontrolle dürfte die Stimmung unter den mehr als 3000 Mitarbeitern der krisengeschüttelten S-Bahn noch weiter drücken. Dabei ist die Arbeitszufriedenheit im Unternehmen nach zwei Krisenjahren ohnehin schon am Tiefpunkt angelangt. Bei einer bundesweiten Mitarbeiterbefragung im Konzernbereich DB-Regio mit der Bezeichnung „Regio-Barometer“ kommt die S-Bahn unter 13 Tochterunternehmen auf den vorletzten Platz. Bei der Beteiligung an der anonymen Befragung liegt die S-Bahn Berlin sogar ganz hinten. Lediglich ein Drittel der gut 3000 Mitarbeiter habe die Fragen zur Zufriedenheit mit dem Job und zu den Arbeitsbedingungen überhaupt beantwortet. „Das zeigt doch deutlich, wie die Stimmung ist“, so Hoffmann. Angesichts der vielen Probleme im Unternehmen gebe es für viele eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Doch statt auf die konkreten Probleme der Mitarbeiter zu reagieren, würden diese jetzt zur Teilnahme an Workshops zur Auswertung der Umfrageergebnisse verpflichtet, kritisierte Hoffmann.