Stadtentwicklung

Hauptbahnhof - Baupläne schrecken Experten auf

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Sabine Gundlach

Foto: Massimo Rodari

Die Debatte über die Gestaltung des Hauptbahnhof-Areals nimmt an Fahrt zu. Jetzt schaltet sich die Bundesstiftung für Baukultur ein. Ihr Chef Michael Braum fordert Qualität statt schneller Rendite.

Die Bundesstiftung für Baukultur lädt am Donnerstag zur Podiumsdiskussion. Wenn nur Hotels am Berliner Hauptbahnhof entstehen, droht dort Verödung, sagt Michael Braum. Der Vorsitzende der Stiftung plädiert im Gespräch mit Morgenpost Online für eine Vielfalt der Nutzungen auf dem Areal, das nicht ein Ort für Abschreibungsobjekte werden dürfe. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher brauche mehr Kompetenzen, um hier Stadt gestalten zu können, sagt Braum und fordert Architekturwettbewerbe für jedes Baufeld.

Morgenpost Online: Herr Braum, der Hauptbahnhof wurde vor viereinhalb Jahren eröffnet, der Planungsvorlauf reicht in die 90er-Jahre zurück. Warum meldet sich die Bundesstiftung erst jetzt zu Wort?

Michael Braum: Wir wurden aufgeschreckt durch die Neubauten, die in keiner Weise der Bedeutung des Ortes gerecht werden sowie durch die Kritik des Architekten von Gerkan und Medienberichte.

Morgenpost Online: Teilen Sie von Gerkans Kritik?

Michael Braum: Ja, was da bislang steht, ist alles andere als außerordentliche Architektur, ist viel zu dicht an den Bahnhof gebaut und reagiert nicht auf seine Figur. Auch wird die Geste der großen Treppen in keiner Weise aufgenommen. Das Hotel kehrt dem Bahnhof den Rücken zu. Die Treppen führen in eine Art Hinterhofsituation.

Morgenpost Online: Sie laden zur Podiumsdiskussion ein. Was können Wortgefechte jetzt noch bewirken?

Michael Braum: Es ist nicht so, dass wir nur diskutieren. Wir haben alle Eigentümer der Grundstücke um den Hauptbahnhof vor der Diskussion zu einem Gespräch eingeladen. Die Bundessstiftung für Baukultur muss den Investoren deutlich machen, dass es an diesem wichtigen Areal nicht nur um die schnelle Rendite gehen kann. Investoren haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die sich auch in der Qualität der Architektur widerspiegeln muss.

Morgenpost Online: Klingt ja alles schön, aber Sie sind ja nicht der Erste, der hier Qualität einfordert.

Michael Braum: Wir können als Bundesstiftung für Baukultur nur Überzeugungsarbeit leisten, indem wir für Wettbewerbe werben.

Morgenpost Online: Aber der Senat sollte doch die Mittel haben, die Gestaltung der Bauten nicht den Investoren zu überlassen.

Michael Braum: Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. Berlin hat das Glück, eine kompetente Senatsbaudirektorin zu haben. Wenn ich sie aber nicht mit den Kompetenzen ausstatte, die notwendig sind, um beispielsweise Wettbewerbe durchzusetzen, dann kommt auch die ambitionierteste Senatsbaudirektorin nicht weiter. Hinzu kommt: Anders als ihr Vorgänger Hans Stimmann, der als SPD-Parteimitglied sehr gut vernetzt war, fehlt Regula Lüscher der politische Rückhalt. Sie braucht mehr Macht. Man muss ihr das Instrument geben, damit sie entscheiden kann.

Morgenpost Online: Welches Instrument meinen Sie?

Michael Braum: Das Bahnhofsgelände gehört zur Entwicklungsmaßnahme Hauptstadt. Hier müssen innerhalb des Vertragsrechts rechtliche Verbindlichkeiten für Architekturwettbewerbe geschaffen werden, die für jedes Baufeld gelten und auch bei Verkäufen der Grundstücke bindend bleiben.

Morgenpost Online: Halten Sie auch eine Gestaltungssatzung am Hauptbahnhof für erforderlich?

Michael Braum: Ach, wissen Sie, solche zu engen Gestaltungssatzungen sind das letzte Mittel. Wenn juristische Raffinessen über gestalterische Qualitäten entscheiden, ist die Baukultur oft schon auf der Strecke geblieben. Eine Gestaltungssatzung ist gut, wenn sie auch Ausnahmen zulässt, wie am Pariser Platz. Wäre dort alles eins zu eins umgesetzt worden, hätten wir nicht so beeindruckende Gebäude wie die Akademie der Künste und die französische Botschaft. Ich will aber nicht in Abrede stellen, dass die Rigidität der Gestaltungssatzung auch erreicht hat, dass in Berlin eines der besten Gebäude von Gehry steht. Baukulturelle Qualitäten setzt immer ein Ringen um das Beste voraus.

Morgenpost Online: Auch die Gestaltung der Bahnhofsvorplätze steht in der Kritik. Der Washingtonplatz wird mit Granit gepflastert. Reicht das?

Michael Braum: Der Markusplatz in Venedig hat auch nur eine Natursteindecke. Er funktioniert als Teil eines städtebaulichen Ensembles. Ein Platz lebt davon, welche Angebote es im Umfeld gibt, damit er als Ort genutzt wird

Morgenpost Online: Nutzung ist ein gutes Stichwort. Was sagen Sie dazu, dass im Hauptbahnhof-Umfeld bislang nur Hotels entstehen?

Michael Braum: Wenn dort ausschließlich in cleanen Nutzungen von Hotels oder Kongresscentern gedacht wird, verödet das Umfeld. Das hat dann nichts mehr mit Berlin zu tun. Ein urbanes Stadtquartier lebt immer von der Vielfalt der Nutzungen. Schauen Sie sich die alten Bahnhofsquartiere an! Bahnhofsquartiere hatten auch immer etwas ein wenig „Verruchtes“, das sollte so bleiben. Und: Man muss im Bahnhofsumfeld auch Wohnanteil festlegen.

Morgenpost Online: Der war ja auch mit 30 Prozent geplant, kann aber laut Senat aus Gründen des Lärms infolge der verkürzten Überdachung der Obergleise nicht realisiert werden.

Michael Braum: Abgesehen davon, dass ich die Verlängerung des Daches, wie es von Gerkan ursprünglich geplant war, für unabdingbar halte, scheint mir diese Debatte undurchsichtig. Ich denke bei all dem Lärm finden sich dennoch Lagen, in denen Wohnen realisiert werden kann. Dass dies nicht möglich sein soll, weil dort hundert Meter Glasdach fehlen, sollte man nicht so im Raum stehen lassen.

Morgenpost Online: So argumentiert aber der Senat.

Michael Braum: Es ist sicher schwierig, hier Wohnanteil zu realisieren, und das wird auch nicht preiswert. Aber wenn Sie bedenken, dass in Berlin andernorts gründerzeitliche Quartiere dicht an der ICE-Strecke liegen, frage ich mich, ob wir mit der strengen Auslegung der Vorschriften nicht päpstlicher als der Papst agieren.

Morgenpost Online: Wenn Sie für die Stadtplanung Berlins etwas wünschen könnten, was wäre das?

Michael Braum: Ich wünsche mir die Wiederbelebung des Stadtforums in der Art und Weise, wie wir es unter Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer hatten: eine offene Debatte, in der nicht bereits beschlossene Konzepte vorgestellt, sondern zuvor auf einem hohen Niveau diskutiert wurden.

Morgenpost Online: Das Stadtforum gibt es doch nach wie vor.

Michael Braum: Ja, der Name ist geblieben, hat aber mit der von mir beschriebenen offenen Debatte nichts mehr zu tun. Der Umgang mit Stadt und die Einbindung ihrer Bewohner ist so wichtig, dass man solche ,Think Tanks' einfach pflegen und nutzen muss.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Wunsch für den Berliner Hauptbahnhof?

Michael Braum: Beim Hauptbahnhof ist der perspektivische Wunsch, die Investoren zu überzeugen, dass dort ein anspruchsvolles und wertiges Stück Stadt entstehen muss. Für Abschreibungsobjekte, wenn es sie denn geben muss, sollten Flächen auf den großen Gewerbegebieten dieser Stadt zur Verfügung gestellt werden, aber nicht auf diesem wichtigen Areal.

Podiumsdiskussion „Großer Bahnhof für die Baukultur?“ ist Thema der öffentlichen Diskussion der Bundesstiftung Baukultur an diesem Donnerstag, 2. Dezember 2010, um 19 Uhr in der Tape Gallery an der Heidestraße 14 in Moabit. Interessenten melden sich bitte bis zum 30. November 2010 unter mail@bundesstiftung-baukultur.de an. Auf dem Podium sitzen: Hauptbahnhof-Architekt Meinhard von Gerkan von GMP Architekten Hamburg, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, ein Vertreter des Investors OVG Real Estate, Coen van Oostrom, die Berliner Schriftstellerin und freie Publizistin Barbara Sichtermann und Markus Neppl von Astoc Architects and Planners Köln.