Pädophilie

So locken Kinderschänder ihre Opfer zu sich

Mitarbeiter der Beratungsstelle "Berliner Jungs" warnen vor neuen Maschen der Sexualtäter: Sie tarnen ihre Wohnungen als Jugendzentrum. Neun solcher Einrichtungen soll es allein in Neukölln geben.

Seit geraumer Zeit schon vergeht in Berlin kaum eine Woche, in der nicht neue entsetzliche Details über die Aktivitäten von Kinderschändern bekannt werden. Jetzt berichten Hilfsorganisationen von einem Phänomen, das in erschreckender Deutlichkeit zeigt, welchen Aufwand die Täter bei der Suche nach minderjährigen Opfern betreiben. Und damit offenbar großen Erfolg haben. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle „Berliner Jungs“ verwenden für diese Masche der Sexualtäter den Begriff „offene Wohnungen“. Dutzende solcher Wohnungen gibt es nach Erkenntnissen des Vereins in der Hauptstadt. In die werden offenbar im großen Stil Kinder und Jugendliche gelockt und missbraucht.

„Es handelt sich dabei um die Privatwohnungen von Sexualtätern, aber viele sehen aus wie ein Jugendzentrum“, berichtet Marek Spitczok von Brisinski, einer der Mitarbeiter des Projektes „Berliner Jungs“. „Kinder und Jugendliche, die einmal da waren, konnten praktisch Tag und Nacht dort ein- und ausgehen, Freunde mitbringen, im Internet surfen, oder sich mit Computerspielen vergnügen. Es gab zu essen und zu trinken und hin und wieder kleine Geschenke“, gibt der Sozialpädagoge die teilweise begeisterten Schilderungen der Minderjährigen wieder. Doch die verlockenden Angebote dienten und dienen nur dazu, ein enges Vertrauensverhältnis und eine Abhängigkeit aufzubauen, bei der am Ende der sexuelle Missbrauch steht.

Neun solcher Wohnungen soll es derzeit in Neukölln geben, fünf in Treptow- Köpenick. Auch in den Bezirken Tempelhof-Schöneberg und in Mitte sollen nach Informationen von Morgenpost Online vier beziehungsweise fünf einschlägige Wohnungen bekannt sein. Marek Spitczok von Brisinski kann und will keine Zahlen nennen, sagt jedoch, es gebe solche „offenen Wohnungen“ in allen Berliner Bezirken. Aus dem Landeskriminalamt hieß es gestern, das Problem sei auch dort bekannt, Kinder und Jugendliche berichteten in Befragungen durch Beamte der Fachdienststelle für Sexualdelikte immer wieder davon.

Ihre minderjährigen Opfer suchen sich die Sexualtäter an Orten, an denen Kinder und Jugendliche sich vorzugsweise aufhalten: auf Spielplätzen, in Schwimmbädern oder Einkaufszentren. Dort sind auch die Streetworker von „Berliner Jungs“ anzutreffen, ebenso wie an Schulen. Sie sprechen mit ihrer jungen Klientel, warnen vor Besuchen in solchen Wohnungen und erfahren so manches von denen, die schon einmal da waren. Offenbaren sich den Streetworkern Opfer von sexuellen Übergriffen, wird ihnen und auch ihren Eltern jede mögliche Betreuung angeboten. „Wir begleiten sie auch, wenn sie sich entschließen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten“, erklärt Spitczok von Brisinski. Selbstverständlich, so der Sozialpädagoge, gebe seine Organisation auch alle erhaltenen Hinweise an Polizei und Jugendämter weiter.

Dass Kinder über ihre schrecklichen Erlebnisse berichten und Eltern sich entschließen, Anzeige zu erstatten, ist häufig nicht der Fall. Opfer schweigen aus Scham, weil sie von den Tätern unter Druck gesetzt wurden oder sich mitschuldig fühlen. Und ihre Eltern schrecken häufig vor einer Anzeige zurück, weil sie nicht möchten, dass das, was ihren Kindern widerfahren ist, an die Öffentlichkeit gelangt. „Man muss den Kindern klar machen: Du bist nicht schuldig, du musst dich nicht schämen, du bist das Opfer“, sagt dazu die Neuköllner Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne), die eng mit den „Berliner Jungs“ zusammenarbeitet.

„Ideale Opfer für Sexualtäter sind zumeist Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen und solche, die von den Erwachsenen nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen“, weiß die Stadträtin aus dieser Zusammenarbeit. Man könne Eltern nur immer wieder raten, sich mehr für das zu interessieren, was ihre Kinder den ganzen Tag so machen, lautet das Fazit von Frau Vonnekold. „Wenn ein Kind sagt, es gehe zu einem Kumpel, kann man als Eltern ruhig mal fragen, wie alt denn der Kumpel ist“, ergänzt Spitczok von Brisinski.

Neu ist das Phänomen „offene Wohnungen“ nicht. „Das läuft schon seit Jahren auf hohem Niveau“, berichtet Spitczok von Brisinski. Früher habe es Kneipen gegeben, in denen sich die Täter mit ihren potenziellen Opfern trafen. Seit die geschlossen wurden, laufe das ganze in Wohnungen ab. Für die Polizei macht es diese Entwicklung nicht einfacher. „Eine Kneipe kann man auch nach vagen Hinweisen mal überprüfen, für die Durchsuchung einer Wohnung braucht man ausreichende Beweise und einen richterlichen Beschluss“, sagt ein Ermittler.