Berliner Szene

Im Berghain wird der Tag zur Nacht

Die Berliner Clubszene ist groß und unübersichtlich. Neben Eintagsfliegen gibt es Klassiker: Einer davon ist das "Berghain". Es gehört zu den angesagtesten Clubs in Europa. Wenn andere längst geschlossen haben, beginnt dort erst so richtig das Leben. Besuch in einem Club, in dem nicht alles, aber sehr vieles möglich ist.

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Irgendwann will A nur noch allein sein. Völlig verschwitzt schließt er die Toilettentür und hält sich an der dünnen Wand fest. Einmal durchatmen. Nasser Boden, Armaturen aus Edelstahl, überall Papier. Seltsam: A riecht nichts. Eine Frau lacht ordinär. Er schaut auf sein Mobiltelefon. Viel zu grell steht dort: „14.33 Uhr“. Ihm fällt ein, dass es Sonntag ist. A schüttelt seinen Kopf. Plötzlich vibriert das Gerät. Eine SMS: „Na, mein Lieber, wir machen gerade eine Fahrradtour ins Grüne. Und du? Liebe Grüße, deine Mutter.“ „Was soll ich ihr schreiben?“, ruft A kurz darauf seinen Freunden B und C auf der Tanzfläche ins Ohr: „Ich stehe im besten Club der Welt“?

Das „Berghain“ hat diesen Titel vor kurzem von einem DJ-Magazin verliehen bekommen. Abgestimmt hatten diejenigen, die Musik machen, nicht die Besucher. Doch um den Club, der ungefähr an der Grenze von Kreuzberg und Friedrichshain liegt, rankt sich schon länger ein Mythos. Tageszeitungen schreiben vom „kollektiven Rausch“ im „wummernden Schlangennest“. Alle Welt weiß inzwischen, dass es dort keine Spiegel gibt, Fotografieren nicht erlaubt ist. Richtig ist, dass die Menschen zu einer anonymen Masse verschmelzen. Deshalb hier nur Buchstaben statt Namen. Und doch ist es Zeit, diesen Mythos für einen Moment ans Licht zu zerren.

Von vorn: A ist um 6.30 Uhr am Sonntagmorgen hier angekommen. Ein Freund von ihm, D, hatte gesagt: „Zwischen 0 und 6 Uhr teilt sich die Menge auf: in die, die Spaß haben, und die, die zuschauen.“ Erst kamen die Franzosen, Dänen und Niederländer. Aber seit es Billigflieger gibt, sind Italien, Griechenland und Spanien auch zu Nachbarländern geworden. Freund D geht deshalb nur noch am Sonntagmorgen aus. Heute ist er nicht dabei. „Ohne 100 Prozent Energie macht das ,Berghain‘ keinen Spaß.“ Wenn D das sagt, klingt das, als rede er von Arbeit. Die Türpolitik sei lockerer geworden, heißt es. Wegen der Krise? In Wahrheit ist alles noch undurchsichtiger. Die Grundregeln lauten: kein Glamour, keine Starallüren und keine großen Gruppen. Außerdem: Robust sollte man aussehen. Das gilt auch für Frauen. Wird m,an doch weggeschickt, sollte man auf keinen Fall diskutieren. „Einfach leise schlafen gehen“, sagt D. Er kam bisher immer rein.

Vor A stehen zwei junge Berliner: Die beiden sehen müde aus, tragen bunte Kapuzenshirts mit Computerfiguren, wie man sie gerade oft in Berlin sieht. Trotzdem werden sie weggeschickt. A, B und C hingegen sehen wacher aus. Freund B arbeitet für einen Nachrichtensender und muss häufig früh aufstehen. Freund C verkauft alte Platten in einem Laden. A isst noch schnell ein Nuss-Nougat-Croissant. Erst jetzt fällt ihm auf: Alle drei tragen die gleichen Brillen. Schwarz umrandet, wie Architekten. Bloß nicht drüber nachdenken. Doch der Türsteher hat schon genickt. Sie sind drin.

Gleich hinter dem Eingang warten mehrere Sicherheitsmänner, die jeden Neuankömmling genau abtasten. Taschen werden nach außen gestülpt, selbst in Portemonnaies wird hineingeschaut. An der Kasse dann ein Gespräch zwischen Sicherheitsmann und Kassiererin: „Gehst du noch rein später?“ – „Nee, wie ich dann wieder zu Hause aussehe. Keine Lust.“ – „Ja, man wird irgendwann zu alt dafür, oder?“ – „Genau.“ Die Kassiererin lacht und wendet sich der Kundschaft zu: „12 Euro, bitte.“

Zusammen mit 1,50 Euro für die Garderobe macht das 13,50 Euro – für den „besten Club der Welt“. Berliner Preise. Selbst die Getränke sind für Studenten bezahlbar: 5,50 Euro für Gin-Tonic, 3 Euro für ein Bier. Im zweitbesten Club der Welt, dem „Fabric“ in London, zahlt man schnell das Dreifache. Und im drittbesten, dem „Space“ auf Ibiza, kostet schon der Eintritt 60 Euro. Dabei sind im „Berghain“ die Gläser immer bis oben hin gefüllt und die Barkeeper überraschend freundlich und schnell, beinahe schon Berlin-untypisch. Sogar an die Gesundheit wird gedacht: Wer will, bekommt an der Bar kostenlos kleine gelbe Ohrstöpsel und im Erdgeschoss Kondome.

Die drei besteigen die breite Treppe zum ersten Stock, auf die Tanzfläche. Alles ist schwarz: die Wände, die mannshohen Boxen, die Lederkleidung vieler Tänzer. Und doch leuchtet alles. Blitze im Rhythmus der Musik. Rote, grüne, blaue Lichtkegel beweglich anmontierter Spots gleiten über den Boden. An der Wand acht Quadrate, die violett flackern, wie zu groß geratene Kontrolllampen aus der ,Enterprise‘. Davor das DJ-Pult, die Lautsprecher hängen an riesigen Ketten von der Decke.

8.12 Uhr: E und F kommen auf die drei zu. „Warum kommt ihr erst jetzt“, ruft E. „Wir wollen gleich nach Hause!“ E arbeitet in einer Kultureinrichtung und muss am Montag ausgeschlafen sein. Seine Freundin F pflegt Menschen, die bald sterben werden. Sie zündet sich eine Zigarette an. Ein Barmann wackelt freundlich mit dem Zeigefinger. F nickt, und alle gehen in den Raucherbereich. Dort bricht die Realität über alle herein: das Tageslicht. F erzählt von ihrer Arbeit im Sterbehospiz. Von einem Jugendlichen mit Krebsdiagnose. Die Außenwelt ist doch nicht ausgeschaltet. Eine halbe Stunde später verabschieden sie sich endgültig – just als Tobias Rapp hinzukommt.

Große Umarmung. Seinen Namen darf man nennen – Tobias Rapp veröffentlichte jüngst ein Buch über die Berliner Clubmeile zwischen Alexanderplatz und Oberbaumbrücke. Die erste Auflage seines im Februar erschienenen Buches „Lost and Sound“ ist verkauft, die zweite steht in den Buchläden. Auch das „Berghain“ wird an vielen Stellen des Buches erwähnt. Dort wird es „die Mitte der Welt“ genannt.

Wer dorthin komme, sei auf der Suche nach Sehnsuchtsorten, sagt Rapp. Ein Verlangen nach Entgrenzung. In Köln, München, selbst in New York oder London könne dieses Bedürfnis so nicht erfüllt werden. „Nur Berlin kann den Nährboden für diese Ausgehkultur schaffen.“ Das habe mit den günstigen Mieten zu tun, mit dem Willen der Menschen, Orte für sich neu zu definieren, und mit den ehemaligen Industrieanlagen im Zentrum der Stadt, die zu Clubs umfunktioniert wurden.

Mittlerweile ist es 10.25 Uhr: Zwei Mädchen stehen an der Bar des „Berghain“. Die eine trägt ein großes Brillengestell ohne Gläser. Die andere hat Glitter an der Wange. „Ich brauche noch einen Espresso.“ – „Aber haben wir noch genug Fahrgeld für die Mitfahrgelegenheit nach Hannover?“ – „Egal. Zuerst müssen wir dringend nüchtern werden“, sagt die eine. „Ich habe gerade ein Gesicht aus deinem Ohr wachsen sehen, oh Gott.“ Dann wendet sie sich an die Bardame: „Zwei Espressos bitte!“ Die Barfrau sagt: „Ihr wisst schon, dass das für jeden von euch der zwölfte ist.“

Einen weiteren Erklärversuch für dieses Gefühl versucht der Film „Feiern“ von Maja Classen, ein Porträt von Menschen, die 72 Stunden durchtanzen. Er beginnt mit einer Szene aus dem „Berghain“. Durch ein Fenster sieht man einen unbekannten Menschen sich langsam zur Musik bewegen. Wie in Trance. Ein Sicherheitsmann kommt und sagt ins Mikrofon, dass Filmen verboten sei. Manche sagen, es sei auch heute das einzige Verbot im Club. Alles andere: erlaubt. Trotzdem kursieren Fotos im Internet sowie bei Bildagenturen, es gibt YouTube-Videos von Partys aus dem „Berghain“.

Auch heute wird niemandem das Mobiltelefon abgenommen. Das Bilder- und Spiegelverbot im Club – für einen Moment könnte man glauben, all das sei Teil einer perfekten Marketingstrategie. Doch alle, die man fragt, warum sie herkommen, nennen die Musik als Hauptgrund, vergleichen das „Berghain“ mit der Staatsoper, der Philharmonie. Elektronische Musik könne sich in diesem Raum am besten entfalten.

11.41 Uhr: Auf der zweiten großen Tanzfläche, der „Panoramabar“, kreischt die Menge auf. A, B und C tanzen mit ihren Flaschen in der Hand. Gerade wurden wieder die Jalousien geöffnet. Grelles Tageslicht strömt für Sekunden in den Raum. Jemand geht durch die Reihen der Tanzenden und bietet rote, grüne und blaue M&Ms an. Auf seinem T-Shirt steht „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“. Für die Freunde A und B ist es das Erste, was sie heute essen. Weitertanzen. Die Nebelmaschine macht ihre Arbeit.

Allen ist bewusst, dass auch das „Berghain“ die üblichen Zutaten verwendet: bunte Lichter, künstlichen Nebel, große Boxen und eben sehr, sehr laute Musik. DJs wie Ben Klock, Norman Nodge oder Len Faki, inzwischen weltberühmt, treten in Tokio, Kapstadt und New York auf. Die Hoffnung vieler regelmäßiger „Berghain“-Besucher ist trotzdem, dass dieser aktuelle Hype, geschürt von all den Jubelartikeln in Szenemagazinen und den Reportagen in Tageszeitungen, an dem Betonklotz am Wriezener Bahnhof 70 abprallen wird. Ganz unbegründet ist diese Hoffnung nicht. Das „Berghain“ wurde in seiner viereinhalbjährigen Geschichte schon einige Male ausgezeichnet. Und jedes Mal lassen die Betreiber Michael Teufele und Norbert Thormann nur mitteilen, dass sie „weitermachen wie bisher“.

12.53 Uhr: In den Raumecken liegt B mit einer Frau, ein bisschen wie Zigarettenstummel im Aschenbecher. Sie lassen sich vollkommen gehen, so wie es viele vom „Berghain“ immer erzählen. Dass dort fast alles möglich sei. In einer Tageszeitung in Neuseeland stand, dass Menschen hier Sex auf der Tanzfläche haben. Heute passiert nichts davon. Zumindest nicht hier. Jemand zerrt einen muskulösen Mann an dessen Hosenbund in den Darkroombereich.

Für einen Moment blitzt es wieder auf, das harte Image des „Berghain“. Hier wurden und werden Fetischpartys gefeiert. Richtig. Aber wer sich umschaut, hat nicht das Gefühl, dass eine Mehrheit wegen des anonymen Sex hierherkommt. Es gibt auch Abende, an denen die Darkrooms vollkommen geschlossen sind. Dann lesen junge Autoren aus ihren neuen Büchern, oder es spielt eine japanische Cellistin eine Mozart-Sonate. Das „Berghain“ ist unter der Woche eine Kultureinrichtung wie viele andere in Berlin. Nur mit einer 20 Meter hohen Decke. Manchmal bekommt der Club dafür Geld aus dem Kulturfonds der Stadt Berlin.

Es ist 14.35 Uhr. A hat sich entschieden, seiner Mutter keine SMS zu schicken. Die Diskussion darüber hat C daran erinnert, dass er heute Abend zu einem Essen mit den Eltern seiner Freundin eingeladen ist. B ist verschwunden. Tobias Rapp, der Buchautor, ist längst gegangen, genau wie die Touristen. Die schon am Flughafen sind, um ihren Easyjet-Flug nach Rom, Athen und Madrid zu bekommen.

Das „Berghain“ ist nun leer und wird gefegt. Alle Tanzenden sind endgültig in die „Panoramabar“ gewechselt, es kommen noch immer neue Gäste dazu. Laut Plan geht das Fest im „besten Club“ noch bis 23 Uhr. Danach hat die „Bar25“ ganz in der Nähe des „Berghain“ geöffnet. Sie steht auf Platz 70 in der DJ-Mag-Liste. Auch die Freunde E und F tanzen noch immer. Ihre Verabschiedung ist jetzt acht Stunden her. Im Hintergrund rumpelt die Musik unaufhaltsam weiter, dunkel, wie der Herzschlag eines sehr großen, freundlichen Riesen.