Stadtentwicklung

Mit der Seilbahn vom Zoo bis zum Potsdamer Platz

Für die Entwicklung der Berliner Innenstadt gibt es eine neue spektakuläre Idee. Investoren wollen eine Seilbahn bauen, die vom Bahnhof Zoo bis zum Potsdamer Platz führt. Die Wirtschaftlichkeit soll bestätigt sein. Doch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist dagegen.

Foto: Ullstein/Senat / Ullstein/Senat/Ullstein/Senat/ Montage BM

In 30 Metern Höhe lautlos über die Wipfel der Bäume im Tiergarten schweben. Links schweift der Blick bis zur Siegessäule, rechts liegen Botschaftsviertel, Kulturforum, schließlich der Potsdamer Platz. Was bisher nur in den virtuellen Welten des Internets möglich war, soll Realität werden – zumindest wenn es nach Horst-Achim Kern und Klaus-Jürgen Meier geht.

Der Chef der Projektentwicklungsgesellschaft Prohacon und der Vorstand der AG City West haben einen kühnen Plan. Eine Seilbahn soll die City West mit der neuen Mitte verbinden. Vom Hardenbergplatz, am Rand des Zoos vorbei, dann südostwärts zur Hofjägerallee und am Südrand des Tiergartens entlang bis zum Nordende des Potsdamer Platzes. Drei Kilometer lang ist die Trasse, zehn bis elf Stelen sollen die Seilkonstruktion in bis zu 35 Meter Höhe führen und den Blick über Berlins Mitte ermöglichen.

Eine Schnapsidee? Ein weiteres hauptstädtisches Luftschloss, das für Schlagzeilen und Debatten sorgt, aber letztlich an den Realitäten scheitert? „Nein“, sagen Kern und Meier. Die Pläne und Kalkulationen stammen von namhaften Experten. „Die Wirtschaftlichkeit ist bescheinigt“, sagt Kern.

15 bis 18 Millionen Euro würde die Seilbahn am Tiergarten demnach kosten. Bei einer auf mindestens 15 Jahre befristeten Betriebserlaubnis und bis zu 2000 Passagieren pro Stunde und Richtung würde sich das Ganze lohnen, so die Berechnung. Private Investoren stünden bereit, versichert der Projektentwickler. Geht es nach ihm, könnte der Bau bereits im kommenden Jahr beginnen. Ende 2011 würde dann nach etwa zwölfmonatiger Bauzeit der Betrieb starten. Aber auch eine Realisierung zu einem späteren Zeitpunkt sei problemlos möglich, sagt Kern.

Seit Monaten werben Kern und Meier für ihre Idee, bei Senatoren, beim Regierenden Bürgermeister, bei Tourismusmanagern und Wirtschaftsverbänden. Die Resonanz sei durchgehend positiv, sagen die Initiatoren.

Mit einer Ausnahme allerdings. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist eine erklärte Gegnerin der Seilbahn. Das ganze Projekt sei „städtebaulich völlig inakzeptabel“, sagt Junge-Reyers Sprecherin Manuela Damianakis. Ein „Gartendenkmal von so exorbitanter Bedeutung wie den Tiergarten auf diese Weise zu verändern“ komme nicht infrage. Zudem zweifelt die Verwaltung die Kostenkalkulation und Wirtschaftlichkeitsberechnung der Seilbahninitiatoren an. Völlig ungeklärt sei etwa die Frage der Grundstücke, auf denen die Stelen stehen sollen.

Kern und Meier gehen nach eigenen Angaben davon aus, dass ihnen der landeseigene Grund und Boden für ihre Masten kostenlos oder „gegen eine geringe Pacht“ überlassen wird. Auch die Zahlung einer Lizenzgebühr der Seilbahnbetreiber an das Land sei denkbar. Zudem habe man sich von ursprünglichen Überlegungen, die eine Trasse mitten durch den Tiergarten vorsahen, längst verabschiedet. Auf aktuellen Plänen streift die Bahn tatsächlich auf weiten Strecken nur den Südrand des Parks in unmittelbarer Nähe der Tiergartenstraße. Junge-Reyers „Totalablehnung ohne genaue Prüfung“ sei daher unverständlich, kritisiert Meier.

Der AG-City-Chef betont ohnehin lieber den Nutzen der Seilbahn für Berliner und Touristen, für die Stadtzentren Ost und West, für die Umwelt und das Hauptstadt-Marketing. Natürlich würde das Projekt ein „neues touristisches Highlight“ setzen, so Meier. Zugleich sei die Bahn aber auch für die Berliner ein schnelles und komfortables Verkehrsmittel zwischen den Stadtzentren. Beide Ausstiegsstationen am Hardenbergplatz und am Potsdamer Platz seien bestens an das Nahverkehrsnetz von S-Bahn und BVG angebunden.

Elf Minuten würde die Fahrt dauern und nach vorläufigen Kalkulationen etwa vier Euro kosten. Geplant sind Kabinen für acht Passagiere. Selbst bei Windgeschwindigkeiten bis 60 Stundenkilometern könnten die Gondeln durch die Höhe sausen, versichern Experten, auf deren Planungen sich Kern und Meier stützen. Angesichts des dichten Autoverkehrs und häufiger Sperrungen auf der Straße des 17. Juni wären sie wohl schneller als Autos und kaum langsamer als die U-Bahn, die vom Zoo zum Potsdamer Platz zehn Minuten benötigt. Wenn täglich Tausende Fahrgäste vom Auto auf die Seilbahn umstiegen, würden Lärm und Abgase verringert, so Meier.

Dass es große Visionen in Berlin nicht immer leicht haben, wissen beide Seilbahn-Initiatoren. Bereits Mitte der 90er-Jahre scheiterte ein ähnliches Projekt, eine Seilbahn vom Leipziger Platz zum Spreebogen, unter anderem am Widerstand des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Der Plan sah vor, dass eine 60 Meter hohe Gondelbahn den freien Blick auf das entstehende Regierungsviertel eröffnen sollte. Die Politik sah jedoch die Würde des Bundestags gefährdet und verhinderte den Bau.

Und auch jüngere Planungen erweisen sich nicht selten als schwierig. Bisweilen liegt es an bürokratischen Hürden. Oder daran, dass in einer Stadt der Macher und Möchtegerne, der Denker und Desperados, eine Ideenflut herrscht, die es schwierig macht, mutige, aber machbare Visionen von versponnenen Träumereien zu unterscheiden. Kern weiß das. Er verfolgt als Zoo-Aufsichtsrat und Förderer des Projekts seit Jahren hautnah die Debatten um das am Zoo geplante Riesenrad.

Politische Spitze hält sich bedeckt

Auch die Seilbahnpläne bieten genügend Stoff für hitzige Auseinandersetzungen. Angesichts ihrer Erfahrungen und des Widerstands der Stadtentwicklungsverwaltung setzen die beiden Ideengeber umso mehr auf die Unterstützung aus Politik und Tourismuswirtschaft. In persönlichen Gesprächen wollen sie Zustimmung signalisiert bekommen haben. Offiziell will sich die politische Spitze der Stadt jedoch nicht als Befürworter zeigen. Derzeit gebe es für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) „keinen aktuellen Vorgang“, sagt Senatssprecher Richard Meng. Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing (BTM), äußert sich wohlwollender. Berlin stünde „für Neues und Kreatives, warum also nicht auch eine Seilbahn zwischen City-Ost und City-West?“, so Kieker. „Wir begrüßen grundsätzlich alles, was das touristische Angebot der Stadt bereichert und Berlin-Besuchern ein unvergessliches Erlebnis bietet.“

Und Meier ergänzt: „Eine Stadt, die zu Recht den Anspruch erhebt, zur internationalen Spitze zu zählen, muss immer etwas Neues bieten.“ Beide Seilbahn-Initiatoren betonen die Zukunftsfähigkeit ihres Projekts. Dabei wäre ein Blick in die Vergangenheit für den Erfolg des Vorhabens ebenso zielführend. Denn: Eine Seilbahn am Tiergarten gab es bereits vor mehr als 50 Jahren

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