BBI

Pilot testet umstrittene Flugrouten - im Simulator

Für Morgenpost Online ist Flugkapitän Thomas Kärger die umstrittenen BBI-Routen im Airbus-Simulator nachgeflogen. Er findet die neuen Routen "nicht optimal", hält die Aufregung darüber aber für überzogen.

Foto: Marion Hunger

Thomas Kärger wartet auf die Startgenehmigung. Der Flugkapitän blickt auf die 3600 Meter lange Nordbahn des neuen Single-Airports Berlin Brandenburg International (BBI). Die Außentemperatur in Schönefeld beträgt 15 Grad Celsius. Der Himmel ist blau, es weht kaum Wind. Aus dem Cockpit des Airbus A320 kann der Pilot deutlich die Werften von Lufthansa-Bombardier sehen. Soeben kommt das "Ready to take off". Kärger gibt Schub. Die voll besetzte Maschine rast mit 177 Passagieren an Bord über die Startbahn. Bei 280 Stundenkilometer zieht Kärger den Airbus hoch. Kurz darauf leitet er eine leichte Rechtskurve ein. Der A320 hat nordöstlich von Blankenfelde-Mahlow 700 Meter an Höhe gewonnen.

Rechts unten erscheint jetzt Lichtenrade. Die Maschine befindet sich über dem engen, weniger besiedelten Korridor zwischen dem Berliner Ortsteil und dem brandenburgischen Mahlow. 1000 Meter Höhe sind erreicht. Von den Gärten aus wäre das Flugzeug zu sehen und auch deutlich zu hören. Im richtigen Leben steuert der 50-jährige Thomas Kärger Maschinen nach Bangkok oder Dubai. Heute testet der erfahrene Pilot für die Morgenpost Online, wie hoch ein Airbus vom Typ A320-200 und A330-200 – einmal mit maximalem Gewicht und einmal nur leicht beladen – auf den umstrittenen Flugrouten vom künftigen BBI fliegen würde. Glaubt man dem Bordcomputer im Simulator, den die Berliner Firma Jet Sim in Moabit betreibt, würde es laut, aber vielleicht nicht so laut, wie es die Berliner und Brandenburger seit Bekanntgabe der Flugrouten durch die Deutsche Flugsicherung befürchten. Zumindest nicht mit den Maschinen, die Thomas Kärger steuert: einen Mittelstrecken-Airbus A320-200 und einen Langstrecken-Airbus A330-200, der dreimal so schwer wie der A320 ist. "Der A320 und die vergleichbare Boeing737 machen derzeit gut 80 Prozent des Verkehrsaufkommens an den Berliner Flughäfen aus", sagt Kärger. Der Rest seien Langstreckenflugzeuge wie der Airbus A330.

Der Pilot hält die Aufregung für überzogen. Aber auch für hausgemacht. "Die Politiker", sagt er, "hätten den Leuten rechtzeitig die Wahrheit sagen müssen." Ein Flughafen in einem solchen Ballungsraum wie Berlin sei eben nicht nur ein großer Gewinn, er mache auch Lärm. Kärger findet die neuen Flugrouten "nicht optimal", wie er es formuliert. "Sie führen unnötig über bewohntes Gebiet." Das "Horrorszenario", das die Bürgerinitiativen im Berliner Süden und den angrenzenden Brandenburger Gemeinden skizzieren, sei allerdings durch nichts gestützt.

Die Überflughöhen, die kursieren, hält der Chef des Pilot Controller Club Berlin-Brandenburg für viel zu niedrig – und "zugunsten der Lärmgeschädigten" ausgelegt. Die Brandenburger Landeshauptstadt Potsdam wird nach seinen Berechnungen gar nicht überflogen. "4500 Feet" zeigt inzwischen der Bordcomputer über der Bundesstraße B101 südlich von Berlin-Marienfelde an. Das sind etwa 1500 Meter. Es geht weiter westlich. 2300 Meter zeigen die Bordinstrumente südlich von Teltow an. Der Airbus fliegt 2600 Meter hoch, als er den Stahnsdorfer Süden erreicht. Als Kärger zur Rechtskurve ansetzt, fällt der Blick auf den Wannsee. Dort, in den an Potsdam angrenzenden Ortsteilen, hatte der Flugroutenprotest begonnen. Kaum waren die Routenvorschläge der Deutschen Flugsicherung nach der ersten Sitzung der Fluglärmkommission in Schönefeld bekannt geworden, machte sich Marela Bone-Winkel, die in Nikolassee wohnt, auf die Suche nach Mitstreitern. Nach nur zwei Tagen gründete die 44-Jährige die erste Bürgerinitiative. Jeden Tag kamen neue Verbündete hinzu. Inzwischen gibt es mehr als 30 Bürgerinitiativen, die gegen den Fluglärm protestieren.

Vom Cockpit des Simulators aus hat man dieses Bild: In Wannsee fliegt Thomas Kärger mit seinem voll besetzten Airbus in einer Höhe von 3000 Metern südlich vorbei. Die Deutsche Flugsicherung hingegen gibt an dieser Stelle 2400 Meter an. Nur ein Mittelwert? Kärger hat mittlerweile Wannsee hinter sich gelassen und dreht nach Norden. 3600 Meter Höhe sind erreicht. Es geht weiter ostwärts, der ehemalige Flughafen Tempelhof ist zu erkennen. Kärger überfliegt die Mitte Berlins in 4000 Metern und landet – der Simulator macht es möglich – innerhalb einer Sekunde wieder auf der Nordbahn in Schönefeld. Er startet gleich noch mal. Diesmal mit dem gleichen Airbus 320, nur wesentlich leichter. Das Flugzeug geht statt mit 77 Tonnen nun mit 50 Tonnen, statt mit 177 Passagieren jetzt nur noch mit 70 Personen an den Start. Schon bei 250 Stundenkilometern hebt die Maschine ab. "Jetzt geht alles viel flotter", sagt Kärger. Nordöstlich von Blankenfelde-Mahlow hat das Flugzeug schon 1000 Meter an Höhe gewonnen. Zwischen dieser Gemeinde und Lichtenrade sind es 1700 Meter, 3000 bei Teltow, 3600 bei Stahnsdorf, und südlich von Wannsee hat das Flugzeug bereits 4200 Meter erreicht.

Wieder setzt Kärger in Schönefeld zum Start an. Das Ziel diesmal: Bangkok. An Bord des Langstreckenflugzeugs A330 sind 300 Fluggäste. Insgesamt 233 Tonnen rollen nun über die Startbahn. "Schwerer geht es nicht", sagt der Flugkapitän. Das wirkt sich natürlich auch auf den Steigflug aus. Nordöstlich von Blankenfelde-Mahlow hat die große Passagiermaschine erst 500 Meter an Höhe gewonnen. 1300 Meter aber sind es bereits südlich von Lichtenrade und nördlich von Blankenfelde-Mahlow. Dann geht es langsam, aber stetig nach oben. 1400 Meter sind es über der B101, 1700 südlich von Teltow, 2200 bei Stahnsdorf und 2800 Meter südlich von Wannsee.

Jetzt noch ein letzter Start. Dieses Mal ist es ein leicht beladener A330 mit Ziel Dubai. Mit einem Abfluggewicht von 190 Tonnen ist dieses Flugzeug unmittelbar nach dem Start genauso träge wie ein voll beladener Airbus vom gleichen Typ. Nordöstlich von Blankenfelde-Mahlow hat der Flieger erst 500 Meter erreicht. Doch dann geht es wesentlich schneller hoch. Südlich von Wannsee fliegt die Maschine bei 3800 Metern bereits 1000 Meter höher als sein Pendant Richtung Bangkok. Thomas Kärger sieht sich in seinen Berechnungen bestätigt. Er nimmt den Schub raus, steht auf und verlässt das Cockpit. Er ist sich sicher: Der Computer lügt nicht.

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