Autos in Flammen

Brandanschläge spalten die linke Szene

Fast jede Nacht brennt in Berlin mittlerweile ein Auto. Dahinter stecken diverse linksextreme Gruppen und sicher auch Einzeltäter. Doch auch in der linke Szene lösen die Attacken mittlerweile scharfe Debatten aus. Und die Bewohner der Kieze beginnen sich zu wehren.

Foto: Andreas Markus

Sonnabend, 21. November, 17.20 Uhr. 2000 Menschen demonstrieren in Friedrichshain gegen Gewalt von Neonazis. An der Spitze des Zuges formiert sich der schwarze Block. Obwohl es gegen die Auflagen verstößt, werden Transparente verknotet. Einige Demonstranten haben sich vermummt und marschieren in Ketten. Der Block wirkt wie eine schwarze Wand, die sich geballt durch die Straßen schiebt.

Plötzlich knallt es am Straßenrand. Ein junger Mann hat mit voller Wucht gegen einen BMW getreten. Kein altes Modell, eher hochpreisig. In der Motorhaube ist jetzt eine Delle. Der Vermummte verschwindet in der anonymen schwarzen Masse. Fast niemand der Umstehenden reagiert. Es gibt vereinzelt Beifall, niemand aber ruft: Lass den Unsinn!

Sechs beschädigte Autos registrierte die Polizei nach der Demonstration. Es blieb bei leichten Schäden. Doch es hätte schlimmer kommen können: Mehr als 270 Fahrzeuge sind in diesem Jahr bereits angezündet worden. Täglich kommen neue Wrack-Meldungen hinzu. Mutmaßlich sollen es Täter aus der linken Szene sein, die für die Schäden verantwortlich sind. Getreu dem Motto: Ein brennendes Auto ist eine Straftat – hundert brennende Autos sind eine politische Aktion. Ein gewaltsames Vorgehen, das sich vorwiegend gegen die Gentrifizierung richtet, also gegen die schleichende Übernahme des (ehemals alternativen) Kiezes durch Reiche, Yuppies und Kapitalisten. Die Logik der Brandstifter: Wer und um seinen Besitz fürchten muss, zieht weg. Raus aus Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg. Doch funktioniert der Plan?

Eine traurige Tradition in Berlin

In der linken Szene ist jetzt eine Diskussion um das "Abfackeln" von Autos ausgebrochen. Weniger in den Internetforen, eher in den sogenannten Bezugsgruppen, den engen und mitunter privaten Netzwerken von Aktivisten. Offenbar soll damit verhindert werden, dass die extreme Linke nach außen hin gespalten wirkt. Doch die Fragen sind gleich: Lässt sich mit brennenden Autos tatsächlich das Kapital schlagen? Oder ist es nur asozialer Quatsch? Eine abschließende Bewertung blieb bislang aus. Und wird es wohl auch bleiben. Der aktuelle Stand der Diskussion ist ähnlich der Situation am vergangenen Sonnabend, als der BMW mittels Fußtritt attackiert wurde: Wenig Beifall, aber auch kein deutliches ,Lasst den Unsinn!'

Brennende Autos haben in Berlin eine traurige Tradition. Verschiedenste Gruppen haben in den 90er-Jahren bereits in der Hauptstadt gezündelt. "Klasse gegen Klasse" hießen die einen. Andere nannten sich "Wagensportliga" und erhoben das Abfackeln von Luxuskarossen zum "Volxsport". Vor dem G-8-Gipfel im Jahr 2007 nahmen die Anschläge überproportional zu, kurz danach sanken sie wieder ab – auf "Normalniveau" mit wöchentlichen Abständen.

Einen erneuten Anstieg verzeichneten die Ermittler zu den "Actiondays" in 2008. Seitdem brennen fast jede Nacht Autos auf dem 5800 Kilometer langen Straßennetz der Stadt. Neben privaten Fahrzeugen der Luxusklasse trifft es Firmenwagen, Autos der Bundeswehr sowie der Post. Aber auch die Polizei wird zur Zielscheibe: Zuletzt ging in der Nacht zum Mittwoch in Lichtenberg ein Streifenwagen in Flammen auf. Außerdem hagelte es Farbbeutel auf Polizeiwagen und die Wache im Neuköllner Rollbergviertel. Wer steckt dahinter?

Meistens geht es gegen die Gentrifizierung

Martin* zuckt mit den Schultern. Mit wachen Augen beobachtet er die Antifa-Demonstration am Sonnabend in Friedrichshain. Er ist seit Jahren in der Szene, kennt viele von denen, die im schwarzen Block mitmarschieren. Er selbst findet sich dafür zu alt. "Es gibt definitiv keine einzelne Gruppe, die für die Brandanschläge verantwortlich zeichnet", sagt er. Das Abfackeln von Autos sei unkoordiniert, die meisten Anschläge richten sich gegen die Gentrifizierung, also gegen die "Bonzenautos" im Kiez.

Eine größere Rolle spielen auch Antimilitaristen, die die Bundeswehr "im ruhigen Hinterland" angreifen. Oder die Transporter von DHL, einem Tochterunternehmen der Post, weil die Firma die Armee logistisch unterstütze. Das Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder der "militanten gruppe" habe ebenfalls für einige Wracks gesorgt, vermutet er. Ziel seien auch Fahrzeuge der Bahn AG, weil das Unternehmen Atomtransporte unterstütze. "Abgesehen von den Trittbrettfahrern, richtet sich jeder Anschlag gegen das herrschende System und den Kapitalismus", ist sich Martin sicher. Durch jeden Brand werde der Widerstand sichtbar.

Oberstes Ziel: Sympathisantenschicht aufbauen

Sastagabend in Friedrichshain, Niederbarnimstraße. Es gibt Stress zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Lage beruhigt sich schnell. Martin hat alles im Blick. "Brandstiftung ist eine Form von Gewalt gegen Dinge", sagt er. Gentrifizierung sei strukturelle Gewalt gegen Personen. Genau wie Hartz IV, der neue Investor im Kiez oder die Ausgrenzung von Unterschichten.

"Die Leute haben angefangen, sich gegen ihre Vertreibung zu wehren" sagt Martin. Auch mit illegalen Mitteln. Leider sei für die Öffentlichkeit oft unklar, welche konkreten politischen Ziele verfolgt werden. Selten gebe es Bekennerschreiben, die übrigen Attacken erscheinen deshalb mitunter unklar und wahllos. "Zum Glück ist bislang kein Mensch bei den Anschlägen verletzt worden", sagt Martin. Mit dem ersten Toten würde der Sinn der Angriffe der Bevölkerung nur noch "schwer vermittelbar".

20.05 Uhr im Friedrichshain. Die Demonstration ist aufgelöst. Einige Teilnehmer reiben sich die Augen, die Beamten haben Pfefferspray eingesetzt. Martin ist unverletzt. Er hat genügend Erfahrung – auch im Bereich der Organisationsformen. "Ziel des Widerstandes muss es jetzt sein, eine Sympathisantenschicht aufzubauen", sagt er. Sie sei stets das "Rückgrat der Militanten" gewesen und könnte "einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess" in Gang setzen. Doch bislang fehle das revolutionäre Fundament. Die breite Bevölkerung lehne die "Hass-Brenner" ab. Und weder die Grünen noch die Linkspartei können sich für das Zündeln erwärmen; für sie ist das Anstecken von Autos purer Vandalismus. Auch in den Szene-Kiezen fehlt den Militanten offenbar eine größere Basis. Plötzlich tauchen sogar Anti-Hassbrenner-Plakate auf: "Pyromane! Du zündest Autos an, in deren Kofferraum sich Kinderwagen befinden!", steht darauf. "Du bist neidisch auf Wohlstand, weil Du selber Deinen Arsch nicht hochkriegst! Lass Dich hier nicht mehr blicken, Feigling!"

(* Name geändert)

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