Schulplätze

Bescheide an 27.000 Sechstklässler versendet

Das Warten hat ein Ende: Die Schulbescheide für 2011 wurden versendet. Nun dürften Berliner Eltern entweder aufatmen oder zu fluchen beginnen - je nachdem ob der Nachwuchs auf das Wunschgymnasium gekommen ist oder eben nicht.

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Bei Familie Fischer in Lichterfelde herrscht derzeit große Aufregung. Sohn Florian (11), der zum kommenden Schuljahr an die Oberschule wechselt, aber auch die Eltern warten gespannt darauf, ob es mit dem Erstwunsch geklappt hat und Florian das Beethoven-Gymnasium besuchen kann. „Unser Sohn hat einen Zensurendurchschnitt von 1,6, deshalb sind wir guter Dinge“, sagt Mutter Banu Fischer. Auch als Zweit- und Drittwunsch haben Fischers jeweils ein Gymnasium angegeben. Sollte das nicht klappen, behalten sie sich vor, gegen die Entscheidung zu klagen.

Wie die Fischers warten derzeit viele Berliner Familien auf den Bescheid über den künftigen Schulplatz für ihre Kinder. Sie sind vor allem deshalb gespannt, weil bei besonders nachgefragten Schulen ein neues Auswahlverfahren zur Anwendung gekommen ist. Die Schulen konnten sich erstmals 60 Prozent der Kinder selbst aussuchen und haben dabei vor allem den Notendurchschnitt als Kriterium gewählt. Zehn Prozent der Plätze konnten an Härtefälle vergeben werden. 30 Prozent der Plätze wurden verlost.

Familien bangen seit Wochen

Berlinweit sind am Freitag 26787 Benachrichtigungen an die künftigen Siebtklässler verschickt worden. Laut Bildungsverwaltung konnte 24905 Wünschen entsprochen werden, davon 22512 Erstwünschen und 2393 Zweit- und Drittwünschen. „Somit haben bereits 93 Prozent, an Gymnasien sogar 96 Prozent der Schüler einen festen Schulplatz“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Schüler, die an keiner ihrer drei Wunschschulen angenommen wurden, werden vom Bezirk, in dem sie wohnen, mit einem Platz versorgt.

In den einzelnen Bezirken ist die Lage aber ganz unterschiedlich, wie eine Umfrage der Berliner Morgenpost ergab. Während etwa in Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg, Reinickendorf oder Neukölln Plätze fehlen, haben andere Bezirke wie Pankow, Mitte, Marzahn-Hellersdorf oder Treptow-Köpenick noch freie Kapazitäten. Am Mittwoch wird es ein Treffen aller Schulämter geben, um dies auszugleichen.

Ärger dürfte es vor allem in Tempelhof-Schöneberg geben. Dort fehlen 21 Plätze in Gymnasien und 85 Plätze an Sekundarschulen. Bildungsstadtrat Dieter Hapel (CDU) sagt, dass sein Schulamt allein bei den Erstwünschen 1000 Ablehnungen rausschicken musste. Sechs der elf Sekundarschulen seien total übernachgefragt, an erster Stelle die Sophie-Scholl-Schule. Laut Hapel haben sich in Tempelhof-Schöneberg 851 Kinder aus anderen Bezirken angemeldet, darunter 223 aus Friedrichshain-Kreuzberg, 133 aus Steglitz-Zehlendorf und 159 aus Charlottenburg-Wilmersdorf. „Die nachgefragten Schulen ziehen gute Schüler aus der ganzen Stadt an“, sagt Hapel. Der Bildungsstadtrat hält das Ziel der Schulreform, mit den Sekundarschulen Schulen zu schaffen, an denen eine gute soziale Durchmischung herrscht, deshalb für gescheitert.

Statt einer Durchmischung gebe es eine starke Trennung, weil die Noten ausschlaggebend seien. An den besonders gefragten Schulen würden sich so die guten Schüler sammeln. Alle anderen müssten mit den restlichen Einrichtungen vorliebnehmen. Diese Entwicklung hält auch Simone Pietsch für bedenklich. Die auf Schulrecht spezialisierte Anwältin geht davon aus, dass viele Eltern klagen werden, weil mit dem Vergabeprinzip gegen das Konzept der Sekundarschule verstoßen wird. „Übernachgefragte Schulen haben 60 Prozent ihrer Schüler aufgrund der Noten ausgewählt, die vorgesehene heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft ist damit ausgeschlossen“, sagt sie.

Die Feststellung der Anwältin deckt sich mit den Erfahrungen von Yvonne Dohle aus Steglitz. Ihre Tochter habe einen Zensurendurchschnitt von 3,0, sagt sie. Begehrte Sekundarschulen des Bezirks wie die Nikolaus-August-Otto-Schule oder die Alfred-Wegener-Schule hätten ihr bei Nachfrage mitgeteilt, dass ihr Kind mit diesem Durchschnitt absolut keine Chance habe. Yvonne Dohle macht das wütend. Ihre Tochter sei ein tolles Mädchen, das gern zur Schule geht und auch musisch sehr begabt sei. „Warum wird das nicht berücksichtigt?“, fragt sich die Mutter. Sie sehe nicht ein, dass für ihr Kind nur eine Restschule infrage kommt.

Änderungen im nächsten Jahr

Reinhard Naumann (SPD), Schulstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, geht davon aus, dass übernachgefragte Schulen im nächsten Jahr weitere Aufnahmekriterien nutzen werden, um ihr Profil zu stärken. „In diesem Jahr haben die Schulen vor allem auf die Noten gesetzt, um sicherzugehen. Das wird sich ändern“, so Naumann. Charlottenburg-Wilmersdorf konnte knapp 90 Prozent der Erstwünsche erfüllen. Im Bezirk gibt es noch 30 freie Plätze an den Gymnasien und 34 freie Plätze an den Sekundarschulen. „Wir können auf jeden Fall allen Kindern unseres Bezirks einen Platz nachweisen“, so der Stadtrat.

In Neukölln – dort mussten 400 Erstwünsche abgelehnt werden – fehlen 104 Gymnasialschulplätze. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass sie deshalb am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium zwei zusätzliche Klassen aufmachen wird. „Dann fehlen aber immer noch 40 Plätze.“ Giffey befürchtet, dass etliche Schüler in anderen Bezirken untergebracht werden müssen und künftig längere Schulwege haben werden. Die Neuköllner Sekundarschulen konnten indes alle Interessenten mit Plätzen versorgen.