Nahverkehr

S-Bahn-Chef verspricht problemlosen Winter

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Thomas Fülling

Foto: Amin Akhtar

S-Bahn-Chef Peter Buchner war auf Versöhnungstour. Doch kaum ein Berliner wollte mit ihm über die S-Bahn-Probleme sprechen - und sich versichern lassen, dass es im Winter nicht wieder schlimmer wird.

Zum gefühlten Winteranfang hatte die Berliner S-Bahn gleich zwei Geschenke für ihre Kunden parat: Obwohl am Mittwochmorgen die ersten Flocken fielen, fuhren alle Züge. Zwar nicht immer pünktlich, aber sie fuhren immerhin. „Das habe ich in den letzten Jahren auch schon anders erlebt“, sagte Michael Werner, der jeden Tag vom Berliner Stadtrand in die City fährt. Angekommen im Bahnhof Friedrichstraße gab es für ihn und viele andere Fahrgäste noch eine weitere Überraschung: einen Schoko-Adventskalender, persönlich überreicht von S-Bahn-Chef Peter Buchner. Insgesamt 80 Führungskräften des Unternehmens waren am Morgen auf 16 Bahnhöfen in Berlin und Brandenburg unterwegs. „Wir wollen uns damit bei allen bedanken, die uns trotz mancher Unannehmlichkeit treu geblieben sind“, sagte S-Bahn-Chef Buchner. Sein Angebot, über die Unannehmlichkeiten, die es bis heute im S-Bahn-Betrieb gibt, mit ihm zu reden, nahmen allerdings nur die wenigsten Fahrgäste an. Auch Michael Werner nicht. „Keine Zeit, muss jetzt schnell zur Arbeit.“

Für die wenigen, die im morgendlichen Berufsverkehr doch Zeit hatten, stand eine Frage ganz obenan: „Steht uns bei der S-Bahn wieder ein Winterchaos bevor?“ Zur Erinnerung: Sowohl beim ersten Frost Anfang 2009, als auch zu Beginn dieses Jahres fielen gleich Hunderte Fahrten aus, weil Weichen eingefroren, Türen vereist oder Motoren ausgefallen waren. Zehntausende Fahrgäste mussten bei Minusgraden frierend auf ihre Züge warten.

Ein solches Szenario wird sich nicht noch einmal wiederholen, zeigte sich S-Bahn-Chef Peter Buchner überzeugt. „Es gab zwei große Probleme in den Vorjahren: Das waren die Fahrmotoren und die Türen.“ Die Fahrmotoren waren speziell bei Zügen der modernsten S-Bahn-Baureihe 481 reihenweise ausgefallen, weil feiner Flugschnee in die sensible Elektrik eindrang und für Kurzschlüsse sorgte.

Nach den diesjährigen Wintervorbereitungen sieht sich die S-Bahn nun jedoch auf der sicheren Seite: Rund 150 Fahrmotoren mit besonders hoher Laufleistung seien in den vergangenen Wochen vorsorglich ausgetauscht worden, weitere 90 liegen derzeit auf Reserve, sagte Buchner. Auch gegen das Vereisen der Türen sei ein Gegenmittel gefunden. Die besonders anfälligen Türkanten, die sich beim Öffnen absenken, werden vorsorglich mit einer Glykollösung behandelt. Zudem hält die S-Bahn besonders wirkungsvolle Anti-Frost-Mittel bereit, wie sie auch zum Enteisen von Flugzeugen eingesetzt werden.

Von Zuverlässigkeit noch weit entfernt

Am Mittwoch kamen die neuen Wundermittel aber noch nicht zum Einsatz. Zwar fielen in den Berliner Außenbezirken und im Brandenburger Umland die ersten Schneeflocken. Doch sie tauten schnell wieder weg. Dauerfrost soll es erst in den kommenden Nächten geben. Laut dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) fuhren im morgendlichen Berufsverkehr 430 von 431 geplanten Zwei-Wagen-Einheiten. „Größere Probleme gab es nicht“, sagte VBB-Sprecherin Elke Krokowski. Kleinere schon. Auf der Linie S2 (Bernau–Blankenfelde) hatte etwa ein Zug zehn Minuten Verspätung, weil ein Scheibenwischer kaputt gegangen war. „So etwas gab es früher auch, aber die Fahrgäste sind unheimlich sensibilisiert und reagieren auf jede Störung“, sagte Buchner.

Was ganz sicher auch damit zusammenhängt, dass die S-Bahn von aller Zuverlässigkeit noch immer weit entfernt ist. Gerade erst am Wochenende waren auf dem Ring zwischen Neukölln und Treptower Park fast drei Stunden lang keine Züge gefahren, weil ein Stellwerk nicht besetzt war. Eine Kollegin habe sich krankgemeldet, als sie schon auf dem Weg zur Arbeit war, hieß es bei der S-Bahn. Das Problem: Bei so kurzfristigen Ausfällen sei ein sofortiger Ersatz nicht möglich. Zudem könne nicht jeder Fahrdienstleiter eingesetzt werden. „Für jedes Stellwerk ist eine spezielle Ausbildung und eine besondere Zulassung erforderlich“, sagte Buchner. Aus Sicht des Berliner Fahrgastverbandes ist der Ausfall jedoch ein Hinweis darauf, dass das in den vergangenen Jahren aus Kostengründen reduzierte Personal noch immer nicht ausreichend aufgestockt ist. „So etwas darf in einer Millionenstadt wie Berlin nicht passieren“, sagte Verbandssprecher Jens Wieseke.

Störung auf der Linie S47

Auch am MIttwoch blieb der Zugverkehr nicht ohne weitere Störungen: Auf der S47 fuhren die Züge am Nachmittag von Spindlersfeld nur bis Hermannstraße. Eigentlich hätten sie bis Südkreuz fahren müssen. Ursache für die Angebotsreduzierung war ein Fahrzeugschaden. Bereits vorige Woche hatte die S-Bahn kurzerhand Fahrten verkürzt, weil ein defekter Zug nicht ersetzt werden konnte. Ein Ausdruck dafür, dass die S-Bahn noch immer nur drei Viertel ihres Wagenparks einsetzen kann. Der Rest steht in den Werkstätten, weil Wartungen nachgeholt und zusätzliche Sicherheitschecks ausgeführt werden müssen.

S-Bahn-Chef Buchner hofft aber, dass sich die Fahrzeugverfügbarkeit in den kommenden Wochen deutlich stabilisiert. Anfang Dezember wird in den Werkstätten damit begonnen, die nicht ausreichend festen Radsätze an den S-Bahn-Wagen auszuwechseln. Der Bruch einer Radscheibe bei einem mit Fahrgästen besetzten Zug im Mai 2009 war Auslöser der S-Bahn-Krise. Es wurden neue Räder und Achsen konstruiert. Den Einbau hat das Eisenbahn-Bundesamt inzwischen genehmigt. Der Austausch wird aber wohl bis Ende 2011 dauern. 4000 Radsätze sind allein bei Zügen der Baureihe 481 auszuwechseln. Die S-Bahn erhofft sich von den neuen Rädern und Achsen mehr Stabilität und damit weniger Kontrollaufenthalte in den Werkstätten.