Raub und Körperverletzung

Justiz machtlos gegen Berlins gewalttätige Kinder

Bei immer mehr Delikten in Berlin sind die Täter jünger als 14 Jahre alt, registriert die Polizei. So versucht eine Zwölfjährige einzubrechen und ein Elfjähriger bedroht auf dem Spielplatz andere Kinder mit einer Druckluftwaffe. Die Justiz ist machtlos.

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Ein zwölfjähriges Mädchen wird erwischt, als es versucht, in eine Wohnung einzubrechen. Ein elfjähriger Junge bedroht auf einem Spielplatz andere Kinder mit einer sogenannten Soft-Air-Pistole. Und ein Achtjähriger greift, ebenfalls auf einem Spielplatz, einen ein Jahr älteren Jungen mit einem abgebrochenen Küchenmesser an und verletzt ihn an der Lippe. Drei Fälle innerhalb von fünf Tagen machen deutlich, dass straffällige Kinder in Berlin immer mehr zu einem Problem werden. Nach Erkenntnissen der Behörden ist die Zahl der von strafunmündigen Minderjährigen (Kinder unter 14 Jahren) begangenen Straftaten innerhalb der vergangenen fünf Jahre kontinuierlich gestiegen. Insbesondere Gewaltdelikte wie Raub und Körperverletzung haben um etwa 25 Prozent zugenommen.

Der jüngste Fall, der versuchte Wohnungseinbruch einer Zwölfjährigen, ereignete sich am späten Dienstagnachmittag in Mitte. Gegen 17 Uhr bemerkte ein Bewohner eines Mehrfamilienhauses an der Berolinastraße zwei Mädchen, als diese gerade dabei waren, eine Wohnungstür aufzuhebeln. Als der Mann die jungen Täterinnen ansprach, ergriffen diese die Flucht. Dem aufmerksamen Mieter gelang es allerdings, die Zwölfjährige festzuhalten. Ihre kaum ältere Komplizin entkam unerkannt. Die von dem Hausbewohner alarmierte Polizei entdeckte bei dem Mädchen kurze Zeit später diverse Einbruchswerkzeuge. Erste Überprüfungen ergaben, dass die vermutlich aus Rumänien stammende Zwölfjährige ohne festen Wohnsitz in Berlin lebt. Nach Angaben eines Polizeisprechers hält sich das Kind offenbar ohne Angehörige in der Stadt auf. Das Mädchen wurde von den Beamten zunächst dem Kindernotdienst übergeben.

Kaum im Heim, schon entlaufen

Das Einzige, was die Polizei tun kann, wenn strafunmündige Kinder bei Straftaten erwischt worden sind, ist, sie zum Kindernotdienst oder nach Hause zu ihren Eltern zu bringen. Alles Weitere liegt dann bei den Jugendämtern der Bezirke, und auch deren Möglichkeiten sind begrenzt. In schweren Fällen werden die minderjährigen Täter schon mal in einem Heim für straffällige Kinder und Jungendliche im brandenburgischen Frostenwalde (Uckermark) oder in der Nähe von Strausberg untergebracht. Doch es gibt zu wenige Plätze für die vielen Kandidaten, und häufig verschwinden die aufgegriffenen Kinder kurz darauf wieder aus den Einrichtungen.

Das gilt vor allem für Minderjährige, die von organisierten Banden nach Deutschland eingeschleust werden. Sie kommen aus dem Nahen Osten oder Südosteuropa und agieren für die Banden vor allem als Drogenkuriere oder werden als Taschen- und Trickdiebe eingesetzt. Vor allem Kinder aus Rumänien sind oft ihren bitterarmen Familien schlichtweg abgekauft worden. Aber auch der Umgang mit straffälligen Kindern, deren Familien hier leben, ist für Jugendämter, Schulen und Sozialarbeiter problematisch. Wenden sie sich an die Eltern, erleben sie häufig Überforderung und völliges Desinteresse am Schicksal der Kinder. Und stammen die minderjährigen Täter aus einer der vielen arabischen Großfamilien, sind Pädagogen und Sozialarbeiter, die bei ihnen erscheinen, nicht selten Drohungen oder gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt.

5730 verdächtige Kinder

Aus einer Studie mit dem Titel „Jugenddelinquenz in Berlin“ der Zentralstelle für Prävention beim Landeskriminalamt geht hervor, dass sich die Zahl der tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren von 5312 im Jahr 2005 auf 5730 im Jahr 2009 erhöht hat. Durchschnittlich 2300 dieser Fälle beziehen sich auf Ladendiebstahl, mehr als 1000 auf Sachbeschädigung, wobei letzteres Delikt seit 2007 stark rückläufig ist. Dagegen hat die Zahl der Raubtaten wie etwa das Erbeuten von Handys oder Bekleidung im Jahr 2009 um 7,8 Prozent gegenüber 2008 zugenommen. Die 202 bekannt gewordenen Fälle liegen jedoch deutlich unter dem im Jahr 2007 registrierten Höchststand, als 283 Kinder Straßenraubdelikte begangen hatten.

Besorgniserregend wirken die laut Studie ermittelten Fallzahlen bei Körperverletzungen. Allein im Jahr 2009 stieg die Anzahl dieser von strafunmündigen Kindern begangenen Gewaltdelikte gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent auf 1480. In 1078 Fälle waren der Studie zufolge deutsche Kinder verwickelt, 402 tatverdächtige Schläger besaßen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Im Jahr 2005 hatte die Gesamtzahl noch bei 1170 Fällen gelegen. Diese Entwicklung scheint die Erfahrung von Experten und Ermittlern zu belegen, die eine auch bei Kindern deutlich zunehmende Gewaltbereitschaft sehen. Für Schlagzeilen hatte erst vorige Woche ein 13-Jähiger gesorgt, der mit einer Pistole bewaffnet einen Supermarkt in Charlottenburg überfallen hatte.

Aktuelle Daten zum Thema Jugendkriminalität sind in der kommenden Woche zu erwarten, wenn im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses die Polizeiliche Kriminalstatistik 2010 vorgestellt wird.