Nach dem Überfall

Poker-Turnier wird zur Hochsicherheitszone

Die Veranstalter des Poker-Turniers in Berlin haben aus dem Überfall im März 2010 gelernt und sich dieses Mal auf alles vorbereitet: mit Metalldetektoren wie am Flughafen, einem Sicherheits-Dresscode und Ausweiskontrollen. Doch ein mulmiges Gefühl bleibt.

Foto: Massimo Rodari

Akkreditierung mit Personalausweis, Eingangsschleusen mit Metalldetektoren wie am Flughafen und anschließend ein strenger Blick des Wachmanns in die Tasche – das Sicherheitspersonal nimmt es beim größten deutschen Turnier der European-Poker-Tour (EPT) in diesem Jahr ganz genau. Erst nach dieser Prozedur wird Spielern und Besuchern Zugang zur videoüberwachten Spielbank gewährt. Sogar einen Sicherheits-Dresscode gibt es: Im Eingangsbereich ist das Tragen von Sonnenbrille und Mütze verboten, erst an den Pokertischen dürfen sie die Teilnehmer wieder aufsetzen.

Wirklich verwundert ist über diese konsequente Umsetzung der Sicherheitsstandards aber niemand, hatten im vergangenen Jahr doch Räuber die Spieler brutal um ihr Preisgeld gebracht. Dieses Szenario soll sich nicht noch einmal wiederholen. „Wir wollen dieses Ereignis so schnell wie möglich in Vergessenheit geraten lassen“, sagt Mike Kleiß, Pressesprecher von EPT und Spielbank Berlin. Am Dienstag hat das Poker-Tunier in Berlin begonnen.

Der Preisgeldpool wird sich insgesamt auf rund drei Millionen Euro belaufen – die es zu schützen gilt. Doch dabei will sich der Veranstalter nicht ausschließlich auf die Courage von Sicherheitsmann Roman H. verlassen, sondern hat das Sicherheitskonzept zusammen mit der Polizei komplett überarbeitet. Dem Wachmann Roman H., der im vergangenen Jahr einen der Räuber, die insgesamt 242000 Euro erbeuteten, in den Schwitzkasten genommen hatte, steht in diesem Jahr ein Dutzend Sicherheitsleute zur Seite. „Das Team ist dasselbe“, sagt Mike Kleiß. Trotzdem werden vor der Spielbank Berlin zusätzlich noch fünf bis sieben Sicherheitskräfte postiert.

„Raus aus dem Hinterzimmer“

Als Held fühle sich Roman H. wegen seines couragierten Einsatzes nicht, sagt Mike Kleiß: „Natürlich sind wir ihm für seinen Einsatz sehr dankbar. Aber er möchte im Team keine Sonderstellung einnehmen.“ Roman H. wird deshalb vor den Journalisten abgeschirmt. Die Firma, die für die Sicherheit zuständig ist, blieb dieselbe, der Austragungsort hingegen nicht. Statt im Hotel Grand Hyatt wird das Turnier nun in der Spielbank Berlin ausgetragen. Aus organisatorischen Gründen, wie Kleiß sagt. Man wolle raus aus dem „Hinterzimmer“, das Pokern mit diesem Schritt als Sport weiter salonfähig machen. „Ich hoffe, dass alle den Charme des Casinos und des optimierten Sicherheitskonzepts genießen“, sagt Kleiß.

Unbehagen vor dem Turnierbeginn am Dienstag will er nicht aufkommen lassen, betont stattdessen demonstrativ das Vertrauen in die Sicherheitsstandards. Doch ganz ausblenden lässt sich der Vorfall aus dem Vorjahr trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht. Schon ein Knall oder Stühlerücken reicht, um bei Theresa Schwingenheuer die Erinnerung an den Überfall wieder wachzurufen. Die Geschäftsführerin von „Muskeltiere Massage“ lockerte gerade die Muskeln eines Pokerspielers, als die Räuber durch die Tür stürmten. „Wir haben uns alle sofort unter die Tische geworfen“, erinnert sich die 25-Jährige. Die hohen Sicherheitsstandards beim diesjährigen Turnier beruhigten daher zwar, aber, so sagt sie: „Das mulmige Gefühl bleibt.“

Dennoch zieht sie auch in diesem Jahr mit einer Flasche Massageöl, einem Schaumkissen und einer Box Kleenextüchern von Tisch zu Tisch. Für einen Euro und 50 Cent pro Minute können sich die Spieler während des Turniers die Schulter- und Nackenpartie massieren lassen. Denn das lange Sitzen strengt die Teilnehmer an. An den ersten beiden Turniertagen hocken die Spieler bis zu neun Stunden am Pokertisch – nach jeweils einer Stunde gibt es eine kurze Unterbrechung für 15 Minuten. Dann geht es weiter. Massagen bis zu zwei Stunden sind angesichts der permanenten Anspannung nicht selten. Spürt sie es, wenn ein Spieler ein gutes Blatt hat? „Nein“, sagt Theresa Schwingenheuer. Dennoch sei Sensibilität gefragt, die Massage müsse dem Spielverlauf angepasst werden: „Bei einem All-in unterbreche ich natürlich“, sagt die Geschäftsführerin.

Vielleicht auch demnächst bei Jan-Peter Jachtmann. Der 43-Jährige ist der deutsche Vizemeister von 2010 wartet auf einen „Schnapper“. Sein Ziel: am fünften Veranstaltungstag am Tisch sitzen. Denn dann wären ihm wohl 100.000 Preisgeld sicher. Seit dreieinhalb Jahren hat es ihm die Mischung aus Strategie, Mathematik und Menschenkenntnis beim Pokern angetan. Er spielt lieber live als Online-Turniere – der anderen Mitspieler wegen. Doch die können manchmal auch mehr Fluch als Segen sein, die Konzentration stören, verunsichern. Meistens trägt Jachtmann am Tisch deshalb eine Sonnenbrille. „Ich bluffe viel, spiele mit Instinkt. Da kann ein kurzer Blick in meine Augen schon zu viel verraten“, sagt der Profi. Andere Teilnehmer testeten das Blatt ihrer Mitspieler aus, indem sie diese in ein Gespräch verwickelten: „Die Stimme eines Spielers sagt viel über seine Verfassung aus“, sagt Jachtmann. Manche Pokerspieler schirmten sich deshalb mit Kopfhörern von ihrer Umwelt ab.

Andreas (45) aus Köln möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Noch immer werde das Pokern in der Öffentlichkeit abwertend als Glücksspiel betrachtet; diesem Verdacht möchte er sich nicht aussetzen. Mit seiner Partnerin Monika (43) sei er nach Berlin gekommen, um zu lernen – und nicht des Geldes wegen. Bei einem Online-Pokerturnier qualifizierte er sich für die Veranstaltung, gewann den Flug, sieben Übernachtungen im Grand Hyatt und das Startgeld in Höhe von 5000 Euro.

Warten auf die Chance

Zum ersten Mal nimmt er an der EPT-Veranstaltung in Berlin teil; entsprechend aufgeregt ist er: „Natürlich kribbelt es in den Fingern. Doch das Adrenalin muss ich am Tisch kontrollieren.“ Denn dort zählen nur Inszenierung, Disziplin und Ausdauer. Geduldig will der 45-Jährige am heutigen Mittwoch auf seine Chance warten, sich von seinen Mitspielern nicht reizen lassen. Erstmals wird er beim Pokern eine Sonnenbrille tragen: „Damit sehe ich zwar weniger, aber ich will mir nicht in die Augen sehen lassen.“

Auch Boris Becker ist auf der Suche nach dem Kick, auch er steigt am heutigen Mittwoch in das Poker-Turnier ein. „Es gibt besondere Situationen, in denen das Adrenalin kommt, und wo es um den nächsten Schlag, das nächste Ass, den nächsten Putt geht. Und der ist dann entscheidend“, sagt der ehemalige Tennis-Profi. Doch im Gegensatz zu Andreas und der Berliner Top-Spielerin Sandra Naujoks war Boris Becker beim Turnierauftakt am Dienstag nicht dabei. Die Poker-Gemeinschaft kennt ihn trotzdem, auf der Player-Party stellte er sich vor. „Die vielen Fragen von Amateuren und Profis hat er sehr charmant beantwortet“, erzählt EPT-Pressesprecher Kleiß.