DDR-Tradition

Berliner Schüler bevorzugen die Jugendweihe

Geldgeschenke und Hochsteckfrisuren - knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall feiern immer mehr Jugendliche in Berlin und Brandenburg den Eintritt ins Erwachsenenalter mit einer Jugendweihe. Doch auch bei 14-Jährigen im Westen liegt die "weltliche Feier" im Trend.

Foto: ZB / ZB/DPA

Die traditionelle Jugendweihe erfreut sich in ganz Berlin wachsender Beliebtheit. In Ost und West entscheiden sich immer mehr Jugendliche für die weltliche Feier, während die evangelische Kirche besorgt über den Rückgang der Konfirmationen ist. Das ergab eine Umfrage.

Mit der Jugendweihe feiern die 14-Jährigen den symbolischen Abschied von ihrer Kindheit. Die Feier war besonders in der DDR weit verbreitet und dort eine Pflichtveranstaltung. Wer nicht daran teilnahm, hatte bedeutende Nachteile zu erwarten. Auch nach der Wende galt die Jugendweihe als Ost-Phänomen. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung ist sie aber keine Erfindung der DDR. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen nicht-religiöse Mündigkeitsfeiern auf.

„Dass die Jugendlichen bei uns besonders aus Ostberlin kommen, können wir nicht mehr bestätigen“, sagte Henry Behrens, Geschäftsführer des Vereins Jugendweihe Berlin-Brandenburg. Die Klischees von Ost- und Westberlinern seien doch längst überholt. Knapp 3000 Jugendliche feierten im Jahr 2010 bei dem Verein den Übergang ins Erwachsenenalter. Das waren 245 mehr als im Jahr zuvor. Ein Trend, den auch der Humanistische Verband Berlin spürt. Hier stieg die Teilnehmerzahl 2010 um fast 300 auf 1629 Jugendliche. „Für die Feiern in diesem Jahr haben wir schon mehr als 2000 Anmeldungen. Und wir erwarten weitere“, sagte Gesine Laatz vom Humanistischen Verband.

Die evangelische Kirche in Berlin zählte dagegen in den vergangenen Jahren hingegen immer weniger Konfirmanden. „Das könnte Besorgnis erregen“, sagte Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin, Volker Jastrzembski. „Wir wollen aber zunächst die Statistik für 2010 abwarten und schauen, ob es tatsächlich einen Trend gibt.“ Während im Jahr 2008 noch 3523 Jungen und Mädchen zu Konfirmation gingen, waren es 2009 nur noch 3093. Der Hauptgrund dafür könnte auch der demografische Wandel sein, so Jastrzembski.

Die Zahl der Kommunionen steigt ebenfalls

Entgegen aller Befürchtungen zeichnet sich möglicherweise sogar ein Positivtrend ab: Denn die Zahl der 14-Jährigen in Brandenburg, die im Rahmen eines Festgottesdienstes ihre Konfirmation feiern, wächst von Jahr zu Jahr. 2001 gab es in Brandenburg nach Angaben der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz erst 1000 Konfirmationen, inzwischen sind es fast 2500, wie Sprecherin Friederike Schwarz mitteilte. Die Zahl der Kommunionen ist mit ungefähr 550 gleich geblieben, da es in der Mark nur kleine katholische Gemeinden gibt, wie das Erzbistum Berlin-Brandenburg registrierte. 1122 Firmlinge zählte das Erzbistum Berlin im Jahr 2009, das sind sogar 40 mehr als im Jahr zuvor.

„Durch Zugezogene steigt aber auch die Zahl der Kommunionen“, sagte Sprecher Stefan Förner. Dass kirchliche Feiern beliebter werden, erklärt sich Friederike Schwarz von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit einem wachsenden Religionsbewusstsein. „In den vergangenen Jahren wurde viel über Religionen gesprochen, besonders auch im Zuge der Diskussion über den Islam. Eine entscheidende Rolle spielt auch der Gemeinschaftsaspekt“, sagte sie: „Kirchen müssen sich außerdem der Zeit anpassen, um Jugendliche zu erreichen.“

Konfirmanden erhalten ein Jahr vorher Unterricht, bevor sie den Segen bekommen. Auch Katholiken haben eine Vorbereitungszeit. Wer seine Jugendweihe feiern möchte, kann ebenfalls zuvor an Seminaren teilnehmen, ist aber nicht Pflicht. Das Angebot reicht von Koch- bis zu Benimmkursen. „Leider geht der traditionelle Aspekt oft ein wenig verloren“, betonte Gregor Steinbach, Projektleiter beim Humanistischen Jugendwerk. Sein Verband zählt in diesem Jahr 950 Anmeldungen, nicht alle nehmen die Seminarangebote wahr.

Soziale Situation entscheidet über Feierlichkeiten

Eine große Rolle spielt oft auch die soziale Situation einer Familie. Die Feierlichkeiten kosten um die 100 Euro pro Kind, für manche einfach zu viel. Nach wie vor werden bei der Jugendweihe oft Sozialrabatte in Anspruch genommen. 329 Familien beantragten 2010 die Unterstützung des Vereins Jugendweihe Berlin-Brandenburg, 2008 waren es noch 114. In den vergangen beiden Jahren blieb die Zahl zwar nahezu konstant, doch Henry Behrens vom Verein Jugendweihe zeigte sich trotzdem besorgt. „Wir gewähren Hartz-IV-Empfängern Rabatt, aber auch Wohngeldempfängern und Aufstockern. Denen geht es ja oft auch nicht besser.“

Peggy Zipfel, Geschäftsführerin des AWO-Kreisverbandes Frankfurt (Oder) erklärt, dass die meisten Verbände mit vielen Eltern Ratenzahlungen vereinbaren würden. Verbände und auch die Kirchen sind sich jedoch einig, dass der materielle Aspekt bei Konfirmation, Jugendweihe und Kommunion nach wie vor eine große Rolle spielt. Geschenke gehören einfach dazu.

Die Feiern des Vereins Jugendweihe beginnen am 14. Mai 2011 in der UCI Kinowelt in Berlin-Friedrichshain. Bis zum 11. Juni werden in ganz Berlin insgesamt 14 Feste stattfinden. Der Humanistische Verband feiert vom 7. Mai bis 4. Juni insgesamt fünfmal im Friedrichstadtpalast.