Humboldt-Universität

Plätze in neuer Grimm-Bibliothek werden knapp

Rund 4500 Besucher täglich nutzen schon jetzt die neue Grimm-Bibliothek in Berlin-Mitte. Wer allerdings in dem von Architekt Max Dudler terrassenförmig angelegten Lesesaal arbeiten möchte, muss früh aufstehen. Denn auch hier lässt Mallorca grüßen.

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Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), Präsidenten der HU, Christoph Markschies, und der Schweizer Stararchitekt Max Dudler haben die neue Grimm-Biliothek eröffnet. Zahlreiche neugierige Besucher wagten einen Blick in die faszinierende Welt der Bücher.

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Wenn es Abend wird, fängt die Grimm-Bibliothek an zu leuchten. Schon beim Blick aus der S-Bahn heraus, die gleich in den Bahnhof Friedrichstraße einfährt, hat die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität einen großen Auftritt. Das Gebäude ist hell erleuchtet, und die Bücher üben schon durch die hohen Fenster eine Anziehungskraft aus. Die Bibliothek ist ein Magnet. Sie ist Treffpunkt und Rückzugsort zugleich. Studenten traktieren drinnen ihre Laptops oder sind in Bücher vertieft. Im Foyer wird geschwatzt und Kaffee getrunken. Draußen machen Touristen Fotos.


Rund 4500 Besucher am Tag kommen im Schnitt in die Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Bibliothek an der Geschwister-Scholl-Straße, nur vier Wochen nach ihrer inoffiziellen Eröffnung zum Start des Wintersemesters. Am Donnerstag wurde das neue geisteswissenschaftliche "Bücherzentrum" offiziell vom Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), dem Präsidenten der HU, Christoph Markschies, und dem Schweizer Stararchitekten, Max Dudler, eröffnet.

In den vergangenen Wochen hat die 22.000 Quadratmeter große Bibliothek ihre erste Bewährungsprobe bestanden. Patrick Stoffel (27), der seit Oktober täglich kommt, ist zufrieden. "Wenn es Anfangsschwierigkeiten gegeben hat, habe ich davon nichts mitbekommen." Stoffel, der auf den Leseterrassen seine Doktorarbeit im Fach Literaturgeschichte schreibt, findet es vielmehr "praktisch und bequem", dass in der Grimm-Bibliothek alle Bücher der geisteswissenschaftlichen Fakultät nun endlich an einem Ort sind.

Vor ihrer Eröffnung musste Stoffel häufig mehrmals am Tag die Bibliothek wechseln, um an alle Bücher zu kommen, die er für seine wissenschaftlichen Studien benötigt. Noch im Sommer war der geisteswissenschaftliche Buchbestand auf zwölf Zweigbibliotheken in den einzelnen Uni-Instituten am Campus Mitte der HU verteilt.

Erhebender Ausblick im Lesesaal

In der Grimm-Bibliothek genießt Stoffel, auch mal den Blick schweifen lassen zu können, vorbei an den Büchern und den Holzvertäfelungen. Den Raum zu erleben. "Ein erhebendes Gefühl", meint er. Auch das Interieur mit den geometrischen Formen sei gelungen.

Einziger gravierender Nachteil für ihn: Seit er in der Grimm-Bibliothek arbeitet, muss er früher aufstehen. Schließlich gilt es, einen der 1250 Arbeitsplätze für den Tag zu erobern. "Um neun Uhr sind noch Plätze frei, aber bereits um zehn Uhr ist alles voll", sagt Stoffel. Leider würden viele Studenten einfach nur ihre Bücher und Unterlagen auf den Tisch legen, das Laptop anschließen und wieder gehen, "einen Kaffee trinken oder so", vermutet Stoffel. Dann säße da zwar keiner, der Platz sei aber dennoch besetzt. Mallorca lässt grüßen. "Aber dann leihe ich mir ein Buch aus und gehe in ein Café oder nach Hause."

2,5 Millionen ausleihbare Bücher beherbergt die Grimm-Bibliothek. Laut HU-Präsident Markschies ist das einer der größten Freihandbestände im deutschsprachigen Raum. Sogar Bücher, die 100 Jahre oder noch älter sind, können hier entliehen werden. Allerdings nicht in der Originalfassung, die dürfen die Räume nicht verlassen. "Wir erstellen hier auf Nachfrage E-Books", erklärt die Pressesprecherin der Bibliothek, Katharina Tollkühn. Die Bücher werden gegen Gebühr eingescannt und den Nachwuchsakademikern als digitale Datei ausgehändigt.

Ausgestattet mit moderner Technik

Der Umzug in die Grimm-Bibliothek - ein logistischer Kraftakt - wurde schon seit Jahren vorbereitet. "Nun mussten wir alle Bücher einheitlich sortieren", sagt Tollkühn. Eine mühevolle Arbeit. Doch nun sind, außer den Zeitschriften, bereits alle Bücher digital erfasst und können über das System an einem der vielen Computer im Eingangsbereich und online nachgefragt werden. "Endlich gibt es keine Zettelkataloge mehr", sagt Tollkühn erleichtert.

Bis 2012 sollen nun alle Bücher mit einem elektronischen Chip ausgestattet werden, über den sie per Funk auch im letzten Eck der großen Bücherei gefunden werden kann. "So können keine Bücher versteckt werden", sagt Tollkühn.

Offiziell heißt das Gebäude in der Geschwister Scholl-Straße "Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum". Denn im Gebäude ist neben der Bibliothek das Medien- und Computerzentrum der HU untergebracht. An 550 Computerarbeitsplätzen können hier auch Filme bearbeitet werden oder elektronische Musik komponiert werden. Das Zentrum verleiht auch das Werkzeug wie Kameras und Mikrofone. Über W-Lan kann von jeder Stelle aus im Internet gesurft werden.

Friedericke Mikulac (25) ist zum ersten Mal in der Grimm-Bibliothek. "Es wirkt modern und hell", ist ihr erster Eindruck. Dann wundert sie sich ein bisschen über die Touristen, die gerade emsig Fotos vom Lesesaal machen. "Dürfen die das?", fragt die Studentin. Sie dürfen.

Die Grimm-Bibliothek, sagt Tollkühn, soll eine Zentrale des Wissens für alle sein, nicht nur für die Studenten. "Wir wollen Lesen und Forschen auch in den Geisteswissenschaften zu einem Erlebnis machen." Hier soll jeder willkommen sein, alle Berliner und auch Touristen. Der Eintritt ist frei. Um Trubel zu vermeiden, darf nur in extra ausgewiesenen Räumen laut gesprochen werden. Vom offenen Konzept der Grimm-Bibliothek hätten viele erst überzeugt werden müssen, meint Tollkühn. Kritiker monierten, dass es im Zeitalter digitaler Informationen wahnsinnig sei, 75,5 Millionen Euro für eine Bibliothek aus Steinen und Beton auszugeben.

Doch die hohen Besucherzahlen in den ersten Wochen zeigen, dass die Grimm-Bibliothek schon jetzt eine eigenständige Attraktion zwischen Museumsinsel und Friedrichstraße geworden ist.

Die damit verbundene Unruhe, wenn Besucher nur kurz vorbeischauen wollen, ist jedoch nicht allen recht. Lejla Medanhodzic (29), die hier ihre Abschlussarbeit im Fach Politik schreibt, stört der Lärm. "Manchmal telefonieren die Leute sogar mit dem Handy am Arbeitsplatz." Das habe sie früher nie erlebt. "In der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße in Tiergarten werden die Leute sogar rausgeschmissen, die im Lese-Bereich telefonieren." Doch die schließt wochentags schon um 21 Uhr. Und man könne dort nicht spontan in Büchern schmökern, sondern müsse jedes Exemplar gezielt bestellen. Die sogenannte "Stabi" hat einen Großteil ihrer Bücher außerhalb gelagert.

Lesen bis um Mitternacht

Die Öffnungszeiten der Grimm-Bibliothek, von Montag bis Freitag zwischen acht Uhr und Mitternacht und am Wochenende zwischen zehn und 18 Uhr, kommen ihr da eher entgegen. "Ich bin hier oft am Abend, manchmal sogar bis um halb elf." Besonders weil es dann ruhiger sei. Um 19 Uhr würden viele gehen.

Selbst die große öffentliche Bibliothek der Freien Universität Berlin (FU) an der Habelschwerdter Allee in Dahlem hat nicht so lange offen. Der 2006 fertiggestellte Neubau des britischen Stararchitekten Norman Fosters, der in der Form eines Gehirns aufgebaut ist, schließt wochentags bereits um 21 Uhr. Wie in der Grimm-Bibliothek dürfen alle Berliner den Lesesaal nutzen, Ausleihen ist jedoch bis auf Ausnahmen nur Studenten und Universitätsangehörigen vorbehalten.

Einzigartig ist auch die Antiquitätensammlung der Grimm-Bibliothek. Erstmals ist hier die komplette Arbeitsbibliothek der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ausgestellt. Uralte Wörterbücher und Gesetzestexte weisen auf die Hauptbeschäftigung der berühmten Märchenerzähler hin. Sie forschten vor allem nach der Herkunft von Sprache. Und sie erschlossen mit der Verknüpfung von Sprachgeschichte mit Sozialgeschichte ungeahnte akademische Arbeitsgebiete. Genau wie die nach den Brüdern benannte Bibliothek nun Studenten und Wissenschaftlern völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Bis Mitternacht. Dann gehen die Lichter aus.