Berliner Tierfreunde

"Als würde man Menschen ausstopfen"

An die 100 Menschen haben vor dem Berliner Zoo dagegen protestiert, den toten Eisbären Knut zu präparieren und auszustellen. Dazu sei er zu menschlich gewesen.

Es ist warm, sonnig, freundlich am Nachmittag auf dem Hardenbergplatz. Vor dem Löwentor, dem Eingang zu Zoo, stehen an die 100 Menschen. Schüler, Angestellte, Rentner, viele Frauen. Sie haben Luftballons dabei, zünden Kerzen an, legen Blumen nieder, tragen selbstgemachte T-Shirts („Knut macht Mut“) und halten Plüsch-Eisbären in Händen. Dies ist eine Demonstration.

Die Demonstration der 100 soll verhindern, dass der Kadaver des toten Eisbären Knut präpariert und ausgestellt wird. Das vor zwei Wochen gestorbene Tier, sagt Nadine Baerwald (25) aus Steglitz, sei „seit seiner Geburt vermenschlicht“ worden. „Ihn auszustopfen, wäre das Gleiche, wie einen Menschen auszustopfen. Knut sollte uns so in Erinnerung bleiben, wie er war.“ Und das sein nicht möglich, wenn der Bär ausgestellt würde. Das findet Anna Sophie Tonnemacher (36) aus Charlottenburg auch. „Das Vorhaben ist geschmacklos und entwürdigend.“ Im Naturkundemuseum würde Knut zur Schau gestellt werden. Stattdessen, findet Frau Tonnemacher, sollte der Bär ein Grabmal bekommen, im Berliner Zoo.

Dass Eisbär Knut ein Phänomen war und ist, das über Berlin hinaus wirkt, dafür steht etwas Marina Sciarappa (41). Sie ist vom Bodensee zur Demonstration gekommen, 800 Kilometer mit dem Auto, „um für Knuts Würde zu protestieren“. Elisabeth Anrather ist aus Paris per Flugzeug angereist. Sie findet, es sei „eine Sauerei, wie der Zoo mit den Tieren umgeht“.

Die Demonstranten haben selbstgemalte Schilder dabei, und Wut. Es wird tumultartig, als jemand laut und deutlich kundtut, er fände schon, dass Knut in präparierter Form ins Museum kommen könnte. „Der Eisbär sollte als Botschafter für den Lebensraum Arktis ausgestopft werden“, meint Christian Heidt (52) aus Charlottenburg. Er wird ausgebuht, bedrängt, beschimpft, verdächtigt: Er sei ja wohl vom Zoo gekauft worden. „Diese Veranstaltung ist Hysterie pur“, sagt Heidt. „Die Menschen müssen akzeptieren, dass Knut nicht mehr lebt.“

Die Wut der Knut-Verteidiger richtet sich dabei nicht allein gegen diejenigen, die meinen, ein toter Bär sei eben ein toter Bär. Als ihren Gegenspieler sehen sie vor allem Bernhard Blaszkiewitz, den Direktor des Berliner Zoos. Immer wieder zornige Sprechchöre: „Blaszkiewitz muss weg.“ Roswitha Klekottka-Last (67) aus Friedenau sagt, sie sie sicher, dass Knut im Zoo gelitten habe: „Die hygienischen Verhältnisse waren miserabel. Das Gehege war völlig verdreckt. Knut mit drei Eisbärinnen zusammen zu legen, war ein schwerer Fehler. Er wurde von ihnen nicht akzeptiert.“ Und Blaszkiewitz sei schuld. Anja Walter (44) aus Lichterfelde West pflichtet bei: „Das Wasser war stets schmutzig. Außerdem hatte Knut kein Spielzeug.“

Dass Knut tatsächlich an einer schweren Entzündung von Gehirn und Rückenmark gestorben ist, „das ist doch eine Lüge“, sagt Christina Keuck (48) aus Tiergarten. „Der Zoo vertuscht die wahren Umstände.“ Fest steht für sie: „Knut wurde vernachlässigt.“ Sie fordert, dass der Zoodirektor seinen Posten aufgibt und die Untersuchungen zu Knuts Todesursache weitergeführt werden. „Im Zoo wurde Inzucht betrieben“, sagt Thomas Meyer (49) aus Mitte. Wieder ein lautstarker Sprechchor: „Knuts Mörder muss weg.“ Viele Demonstranten sagen, dass sie künftig den Zoo boykottieren wollen.

Roswitha Klekottka-Last schwenkt ein „Stoppt Blaszkiewitz“-Plakat und sagt, Knut habe nicht in einem Zoo gelebt, „sondern in einer Verwahranstalt“. Auch sie ist wütend, aber das und die Demonstration, so scheint es, ist nicht zuletzt eine Art Trauerarbeit. Jahrelang sei der Eisbär ein fester Bestandteil ihres Lebens gewesen: „Wenn es mir schlecht ging, habe ich Knut besucht und glücklich den Zoo verlassen“, erzählt Klekottka-Last. „Er war ein Freund.“ „Er war etwas ganz Besonderes“, sagt Anne Kreiner (65) aus Wilmersdorf. „Ich habe Knut als eine Art Familienmitglied betrachtet. Er war für mich ein Symbol Berlins und schärfte mein Umweltbewusstsein.“ Anne Kreiner hofft auf ein Grabmal im Zoo. Um dort trauern zu können.