Grundschulreform

Bildungssenator Zöllner ist lernfähig

Beim jahrgangsübergreifenden Lernen (Jül) – dem Kernstück der Berliner Grundschulreform – hat Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Notbremse gezogen. Der Widerstand war zu groß.

Foto: dpa

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ist durchaus belehrbar, das hat er jetzt bewiesen. Viel zu spät zwar, wie FDP- und CDU-Schulpolitiker kritisieren. Beim jahrgangsübergreifenden Lernen (Jül) – dem Kernstück der Grundschulreform – hat der Senator die Notbremse gezogen. Die Grundschulen müssen künftig nicht mehr verpflichtend die ersten und zweiten Klassen gemeinsam unterrichten, teilte er am Freitag mit.

Zöllner reagierte damit auf den großen Widerstand vieler Grundschulen gegen diese Reform sowie auf fragwürdige Lernerfolge. Schließlich ist die Zahl derjenigen Kinder, die in der zweiten Jahrgangsstufe verweilen beziehungsweise am Ende der dritten Klasse wiederholen müssen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Schuljahr 2009/10 etwa mussten 3355 Schüler ein Jahr länger in der Schulanfangsphase bleiben. Weitere 525 Kinder mussten die dritte Klasse wiederholen.

Die Jahrgangsmischung hatte bereits Zöllners Vorgänger, der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD), mit dem neuen Schulgesetz 2004 eingeführt. Und zwar für alle Grundschulen verpflichtend. Dies, obwohl Bildungsforscher wie etwa Jörg Ramseger von der Freien Universität und Renate Valtin von der Humboldt-Universität von einer Verpflichtung für Jül dringend abgeraten hatten.

Auch Kinder nicht vorbereitet

Renate Valtin begrüßt dann auch die Entscheidung des Senators, Jül nun doch freiwillig zu machen. „Die Lehrkräfte sind nicht dafür ausgebildet, diese schwierige Aufgabe zu bewältigen“, sagt sie. Jül sei für viele eine Überforderung. Immer mehr Kinder kämen ohne die notwendigen handwerklichen Fähigkeiten in die Schule. Sie könnten zum Beispiel keinen Stift halten und nicht mit der Schere umgehen. Auch müssten sie erst lernen, sich in eine Gruppe einzufügen. „All das ist früher in den Vorklassen trainiert worden, heute müssen das die Lehrer in der ersten Klasse mit den Kindern üben“, sagt Valtin. Hinzu komme die mangelnde Sprachkompetenz vieler Schulanfänger. In jahrgangsgemischten Lerngruppen sei das alles nur schwer zu bewältigen.

Laut Schulgesetz sollten alle Grundschulen vom Schuljahr 2007/08 an jahrgangsgemischte Klassen in der Schulanfangsphase (1. und 2. Klasse) einrichten, um besser auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kinder reagieren zu können. Doch der Widerstand war groß. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gewährte vielen Einrichtungen deshalb immer wieder Aufschub. Doch gerade an Brennpunktschulen gab es weiterhin Vorbehalte. Diese sind durch das schlechte Abschneiden der Drittklässler bei den Vergleichstests in Deutsch und Mathematik (Vera) noch verstärkt worden.

Zöllners Notbremsung wird nun dazu führen, dass etliche Grundschulen, die von der Reform überrumpelt wurden, zu Jahrgangsklassen zurückkehren werden. Die Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln ist da nur ein Beispiel. Schulleiterin Rita Schlegel begrüßt Zöllners Umschwenken. „Wir werden bestimmt wieder Jahrgangsklassen einrichten“, sagt sie. Ihre Schule habe erst in diesem Schuljahr mit der Jahrgangsmischung angefangen. „Wir wurden durch die gesetzlichen Vorgaben dazu gezwungen, Jül zu praktizieren“, sagt Schlegel. Auch Proteste der Eltern hätten nichts genützt. Für ihre Schüler, von denen viele Sprach- und Verhaltensprobleme hätten, sei Jül aber nicht geeignet. „Schon die Erstklässler sind eine sehr heterogene Gruppe. Werden diese Kinder dann mit Zweitklässlern gemischt, potenziert sich die Unterschiedlichkeit. Dem können die Lehrer einfach nicht gerecht werden.“

Die Schulleiterin weiß, dass sie eine Zweidrittelmehrheit der Schulkonferenz benötigt, um die Einführung von Jül rückgängig zu machen. „Bei uns werden 99 Prozent dafür sein“, sagt sie.

„Experimentierfeld Schule“

Monika Herrmann (Grüne), Schulstadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg, ärgert die Vorgehensweise der Bildungsverwaltung. „Die Schulen werden zum Experimentierfeld“, sagt sie. Jül sei eigentlich eine gute Sache, aber nur mit kleinen Gruppen und genügend Lehrkräften machbar. Beides sei an vielen Schulen nicht vorhanden. Dennoch habe Zöllner die Einrichtungen verpflichtet, Erst- und Zweitklässler zusammen zu unterrichten. Nun drohe das Experiment zu scheitern, und der Senator rudere zurück. „Das ist falsch.“ Richtig wäre stattdessen eine ordentliche Evaluation von Jül gewesen, so Herrmann.

Sascha Steuer, Bildungsexperte der CDU, hält Zöllners Schritt indes für überfällig. Er fordert den Senator auf, sofort das Schulgesetz zu ändern. „Es ist nicht einzusehen, dass die Schulen im Ungewissen gelassen werden. Schulen und Eltern brauchen sofort Rechtssicherheit und vor allem die Gewissheit, dass sie nicht später doch wieder zu Jül verpflichtet werden.“

Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP, bezeichnet Zöllners Vorgehen als Wahlkampfgetöse. „Der Senator hätte die Defizite der Jahrgangsmischung viel eher erkennen müssen“, sagt sie. Die FDP habe schon Klaus Böger aufgefordert, es den Schulen zu überlassen, ob sie Jül anbieten oder nicht.