Fünf-Sterne-Hotel

Interconti – Eine Institution verlässt Berlin

Die Interconti-Gruppe verlässt ihr Haus an der Budapester Straße in Tiergarten. Die Gründe über den Streit mit Gebäudepächter Dorint sind weiterhin unklar. Aber der Betrieb geht weiter. Was bleibt, ist ein Haus ohne Namen.

Foto: Michael Brunner

Zwei Gesellschaften, aber nur ein Betrieb: Wie problematisch ein solches Geschäftsmodell sein kann, beweisen in diesen Tagen eindrucksvoll und weithin sichtbar die beiden Hotelketten Intercontinental und Dorint an der Budapester Straße in Tiergarten. Die langjährigen Auseinandersetzungen zwischen dem Gebäudepächter Dorint und der mit dem Management des Hauses beauftragten Interconti-Gruppe haben jetzt dazu geführt, dass der Schriftzug „InterContinental Berlin“ am Hochhaus abmontiert wird. Beide Gruppen schweigen über die Hintergründe ihres Streits aus „vertraglichen Gründen“. Nach Informationen aus der Hotelbranche soll es bei den Rechtsstreitigkeiten um zweistellige Millionenbeträge gehen. Betroffen sind dabei auch die Interconti-Häuser in Köln und Düsseldorf.

In Berlin steht das erste Opfer der Langzeitfehde bereits fest: „Eine Institution, die als führendes Haus jahrzehntelang die Standards in der Berliner Hotellandschaft gesetzt hat, verschwindet aus der Stadt“, urteilt Willy Weiland, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga Berlin), der noch bis vor einem halben Jahr selbst an der Spitze des Fünf-Sterne-Hotels Interconti Berlin die Geschicke des Hauses lenkte.

Die Bedeutung, die das Haus für Berlin hat, lässt sich vor allem an der Zahl der Staatschefs ablesen, die im Interconti nicht nur nächtigten, sondern hier in diversen Nato-Tagungen, EU-Gipfeln oder Afghanistan-Konferenzen zusammen kamen, um über die Geschicke ganzer Weltregionen zu verhandeln. Schon der Bau des Hauses in den Hochzeiten des Kalten Krieges lässt sich dabei als politischer Akt deuten: Während 1958 die Sowjetunion mit dem Chruschtschow-Ultimatum, das den Abzug der Westmächte aus ihren Berliner Sektoren verlangte, um Berlin zur entmilitarisierten „Freien Stadt“ zu machen, massiven Druck aufbaute, eröffnet im gleichen Jahr das von der amerikanischen Wirtschaftshilfe und dem Berliner Senat finanzierte Hotel an der Budapester Straße. 27,2 Millionen Mark haben die Baukosten für das Hochhaus mit der markanten, mittlerweile denkmalgeschützten Schachbrettfassade betragen.

Start als Hilton-Hotel

Und während sich Ost und West immer unversöhnlicher gegenüberstanden und die DDR-Führung am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer begann, trafen sich im ersten deutschen Hilton Hotel, denn unter diesem Namen firmierte das Haus bis 1978, Wirtschaftsbosse, Filmstars und Politiker aus aller Welt. Ins Gästebuch des Hauses trugen sich beispielsweise Marlene Dietrich, Alfred Hitchcock, Maria Callas, Sophia Loren, Louis Armstrong, Nelson Rockefeller und Bob Hope ein. Der Schah von Persien mietete gleich die gesamte 10. und 11. Etage und ließ überdies das gesamte Personal neu einkleiden. Die Berliner Gesellschaft staunte – und eroberte sich den „Spanischen Garten“, die Dachterrasse auf dem zwölf Stockwerke hohen Gebäude, als wichtigsten Treffpunkt in der Stadt. Mit Fernsehern in jedem Zimmer war das Berliner Hilton nicht nur das

1978 übernahm Intercontinental das Hotel am Rande des Tiergartens – und baute das Haus sofort aus. Es verfügt nach mehreren Erweiterungen mittlerweile über 584 Zimmer und Suiten. Ende der 90er-Jahre wird das Haus zudem generalsaniert und um Konferenzbereiche erweitert. Befürchtungen, dass mit dem Namen Hilton der Niedergang des Hauses besiegelt sei, erweisen sich bei all der Bautätigkeit jedoch als unbegründet.

Denn berühmt ist das Haus, seit 1991 unter der Führung von Willy Weiland, von Anfang an für seinen diskreten, allumfassenden Service, der selbst vor den ausgefallensten Wünschen seiner Gäste nicht zurückschreckt. Doch während die Hilton-Ära immerhin einen Gast nicht zufrieden stellen kann – Hollywood-Diva reagiert äußert verschnupft, als sich die Hotelleitung außerstande sieht, ihre Badewanne wie gewünscht mit Leopardenfell zu drapieren – bleibt dem Haus unter der Interconti eine solche Schmach erspart. Als sich 1992 bei einem Besuch des Ex-Außenministers Henry Kissinger herausstellt, dass dessen sechseinhalb Meter langer Cadillac einfach zu groß für die Garageneinfahrt ist, funktioniert Willy Weiland kurzentschlossen den Ballsaal als Parkplatz um. Nicht nur der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schätzte Weiland vor allem wegen dieser Qualitäten als den „perfekten Gastgeber für diese Stadt“.

Das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Politiker führt im Haus zu immer neuen Bauarbeiten. So wird 1998 eigens für den Besuch von Bill Clinton die Präsidentensuite im sechsten Stockwerk mit Panzerglas und Betonverstärkungen ausgerüstet. Unter immensem Sicherheitsaufwand findet im folgenden Jahr der EU-Gipfel Gipfel statt. Die Berliner wundern sich über das Aufgebot an Sprengstoffspürhunden und Scharfschützen, die bei der Nato-Tagung 2005, vier Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, sogar noch einmal verstärkt werden.

Doch nicht nur die Mächtigen, vor allem auch die Reichen und Berühmten wissen den Service des Hauses zu schätzen. So bekämpft etwa der exzentrische Popstar Michael Jackson seinen Jetlag mitten in der Nacht, indem er beim Portier Disney-Videos ordert. Und für Shirley McLaine wird eilends ein kleiner Küchenmixer aus dem KaDeWe herbeigeschafft, weil sie sich auf ihrem Zimmer einen Schlummertrunk aus Datteln, Sojamilch und Feigen mischen will.

„Die Gäste prägen ein Hotel“, sagt Weiland. Deshalb hoffe er, dass die Stammkundschaft dem Haus treu bleibt – auch wenn es derzeit keinen Namen hat.

Überraschendes Ende

Das Ende der erfolgreichen Interconti-Ära kommt auch für Branchenkenner überraschend. Auch wenn die Hotelkette bereits im Januar dieses Jahres bekannt gegeben hat, dass man die Management-Verträge mit der Neuen Dorint GmbH zum 31. März gekündigt habe. Doch dass die Gruppe ihr Traditionshaus tatsächlich zum 1. April räumt, hat niemand erwartet. Insider waren davon ausgegangen, dass Interconti den angekündigten Auszug lediglich nur als Druckmittel einsetzt. Doch diese Hoffnung hat sich nun mit dem Abbau des Schriftzuges vom Dach des Hauses weithin sichtbar zerschlagen. Zwar gibt es noch fünf weitere Intercontinental-Hotels in Deutschland. Neben Berlin gibt es Häuser in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt/Main und Berchtesgaden. Doch auch die Häuser in Köln und Düsseldorf, die die Neue Dorint GmbH ebenfalls von Immobilienfonds gepachtet hat, werden nun zum 1. April aufgegeben. Bei Interconti heißt es dazu nur, man wolle sich keinesfalls aus Deutschland zurückziehen. Grund für den Auszug sei einzig das Zerwürfnis mit der Dorint-Gruppe.

Sowohl Robert Herr, der Willy Weiland als General Manager des Intercontinental im September 2010 abgelöst hatte, als auch der Sprecher der Dorint-Gruppe, Kaspar Müller-Bringmann, wollen sich zu den Hintergründen des Hotelstreits nicht äußern. Müller-Bringmann verweist auf eine Pressekonferenz am Freitag. Dann werde Geschäftsführer Olaf Mertens erläutern, wie es weitergehen soll. Die rund 360 Mitarbeiter des Hauses an der Budapester Straße müssten sich jedoch keine Sorgen machen: „Alle Mitarbeiter sind unsere Angestellten, der Betrieb wird ohne Unterbrechung weitergeführt.“