Berliner Canisius Kolleg

Vor einem Jahr erschütterte ein Brief die Kirche

Vor einem Jahr schrieb der Rektor des Berliner Canisius Kollegs an ehemalige Schüler und räumte Missbrauchsfälle in seiner Schule ein. Es folgten weitere Enthüllungen in Einrichtungen der katholischen Kirche, die seitdem um ihr Ansehen kämpft. Die Opfer warten weiter auf Genugtuung.

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Ein Bischof ist zurückgetreten, der Papst hat Kondome unter Umständen für vertretbar erklärt, die katholische Kirche ringt um den Umgang mit Misshandlungen und sexuellen Übergriffen gegen Schutzbefohlene: Heute vor einem Jahr hat Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius Kollegs, einen Brief aufgesetzt, der nicht nur die kirchliche Welt erschüttert hat. Er räumte gegenüber ehemaligen Schülern „systematische und jahrelange Übergriffe“ ein und gestand das „Wegschauen“ des Jesuitenordens.

Wenige Tage später berichtete die Berliner Morgenpost als erstes Medium über das Schreiben. Die katholische Kirche war danach nicht mehr die gleiche. Die Welle schwappte schnell über die Berliner Grenzen. Ehemalige Schüler, Messdiener, Chorsänger und Gruppenkinder brachten überall im Land ihre Anklagen über Missbrauch durch Geistliche vor – und anders als früher wurde ihnen geglaubt.

Niemand bestreitet ernsthaft, dass es massenhaft Übergriffe gegeben hat, obwohl nicht überall so bereitwillig aufgeklärt wurde wie in Berlin. Am Bonner Aloisius Kolleg im katholischen Rheinland waren die Kräfte derjenigen, die die jahrelangen Übergriffe des früheren Rektors kleinredeten, deutlich stärker. Erst jetzt sorgt dort eine unabhängige Prüferin für Klarheit. Der Abschlussbericht soll im Februar vorliegen.

Trotz dieser Erfolge sind viele Opfer wütend und frustriert. „Es macht uns stolz, dass es gelungen ist, solche Dinge zu bewegen“, sagt Matthias Katsch, Ex-Canisianer und einer der Köpfe der Opfergruppe, die sich in Abgrenzung zum Runden Tisch zu sexuellem Missbrauch „Eckiger Tisch“ nennt. Es sei „schön“, wenn die Kirche ein bisschen besser geworden sei, das sei aber nicht das zentrale Anliegen der Opfer gewesen. „Das müssen die schon selber machen“, sagt Katsch.

Der Eckige Tisch, der rund 40 Opfer versammelt, hat klare Forderungen vorgebracht, eine hohe fünfstellige Summe pro Kopf als Anerkennung der Schuld und Entschädigung vom Orden verlangt. Die Rede ist von 75000 Euro. Man orientiert sich dabei an Schadensersatzzahlungen etwa bei medizinischen Kunstfehlern. Die Summe müsse hoch genug sein, damit sich ein Stück des Leidens durch neue Annehmlichkeiten im Leben kompensieren lasse, begründen die Opfer diese Summe. Einige hätten unter dem Eindruck des Missbrauchs die Schule verlassen, nie Abitur gemacht und deshalb auch keine guten Jobs. Andere haben jahrzehntelange psychische oder sexuelle Schwierigkeiten, Selbstekel, Depressionen durchlitten. Außerdem, so das zweite Argument, dürfe der Jesuitenorden nach einer „Anerkennungszahlung“ nicht weiter genau so dastehen wie heute.

Orden will nicht verhandeln

Der neue Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle hat im Herbst Summen von 2000 bis 5000 Euro pro Opfer genannt. Das würde im teuersten Fall für die Jesuiten mindestens eine Million Euro bedeuten. Der Orden legt jedoch Wert darauf, sich nicht in einer Verhandlungssituation über die zu zahlende Summe zu befinden.

Matthias Katsch sieht kaum Bewegung in der Frage der Entschädigung. Viele am Eckigen Tisch fühlen sich von Orden und Amtskirche nicht ernst genommen. Der Umgang der Kirchenvertreter mit den Opfern ärgert viele. Die Deutschen Bischöfe haben auf diverse Anfragen nach einem persönlichen Gespräch mit den Opfern nicht reagiert, so die Klage.

Dabei halten die Betroffenen die Strukturen der Kirche und des Ordens für mitverantwortlich dafür, dass die Täter immer wieder neue Opfer finden konnten – eine Einschätzung, die der Canisius-Rektor Mertes durchaus teilt.

Unter den ehemaligen Canisius-Schülern, die ihr Abitur in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren abgelegt haben, vermuten die Aktivisten des Eckigen Tisches eine erschreckende Dichte von Opfern. Diese Jahrgänge hatten den engsten Kontakt mit den als Haupttäter bekannten Patres Peter R. und Wolfgang S. Beim Eckigen Tisch zeigen sie alte Klassenfotos: Von den 30 Jungs sind mehr als die Hälfte mit bunten Punkten gekennzeichnet. Dieser habe sich erklärt, der wurde von anderen als Opfer benannt, jener passt ins Schema, Missbrauch wird vermutet.

Orden wussten von Missbrauch

Der eine Pater, als lockerer Religionslehrer zunächst beliebt, missbrauchte Jungs und auch einige Mädchen bei privaten Sitzungen in seiner Eigenschaft als Leiter der außerschulischen Jugendarbeit, bei denen es oft um Masturbation und religiös aufgeladene Schuldgefühle ging. Der zweite Pater, der dynamische, kumpelhafte Sportlehrer, verging sich in sexuell-sadistischen Prügelorgien auf entblößte Hintern, die er als pädagogische Maßnahmen tarnte. Vor allem die Zahl der Opfer des Paters S., der nach seiner Zeit am CK in den Jesuitenschulen in Hamburg und Sankt Blasien arbeitete und später für das katholische Kolpingwerk nach Chile ging, liegt bei mehreren Hundert. Er selber hat das spätestens 1991 in seinem Laisierungsgesuch den Ordensoberen offen gelegt. Auch vorher wusste der Orden Bescheid. Unter anderem bezahlten die Jesuiten dem offenkundig psychisch kranken Mitbruder eine Therapie. Niemand kam es in den Sinn, ihn von weiteren potenziellen Opfern fernzuhalten.

Der Orden haben für Missbrauchstäter ideale Bedingungen geboten, kritisieren die Opfervertreter. Wahrscheinlich habe es über die letzten Jahrzehnte keinen aktiveren Triebtäter innerhalb der katholischen Kirche gegeben als den ehemalige Jesuit Wolfgang S,, sagt einer, der unter dem Mann zu leiden hatte.

S. selbst schrieb in seinen Geständnissen an die Ordensoberen und an den CK-Rektor von „etlichen Hundert“ missbrauchten Kindern und Heranwachsenden. Die Zahl von etwas mehr als 200 Opfern in Jesuiteneinrichtungen, die sich offiziell bei der Missbrauchsbeauftragten Ursula Raue und dem Orden gemeldet haben, dürfte eher zu niedrig gegriffen sein.

Dem Orden stand der sündige Mitbruder über Jahre näher als die Opfer. Diesen Befund hat der Bericht der Missbrauchsbeauftragten des Ordens, Ursula Raue, ebenso ergeben wie die von den Opfern selbst beauftragte Untersuchung der Ex-Bundesministerin Andrea Fischer.

Schule, Sühne und Wiedergutmachung

Mehrfach haben die Ordensoberen zwar ein klares Bekenntnis zu Schuld, Sühne und Wiedergutmachung abgegeben. Nur ist eben bei den Opfern noch nichts außer Worten angekommen. Sie fragen sich, warum der Orden seine dunkle Vergangenheit immer noch selbst bewältigen will, ohne sich professionelle Helfer von außen zu holen, die Verantwortlichkeit und mögliche Entschädigungen unabhängig einschätzen könnten.

Die Opfer, heute meist Männer zwischen 45 und Anfang 50, geben sich selbst einen großen Anteil daran zu, dass die Ungeheuerlichkeiten aus dem Kolleg öffentlich wurden. Am 31. Oktober 2010 schrieb ein Ex-Schüler unter dem Pseudonym „CK_77“ eine Mail an seine früheren Mitschüler, in dem er aussprach, was viele wussten oder selbst erlebt hatten. Daraufhin meldete sich Matthias Katsch mit vollem Namen und bestätigte den Bericht. Im Dezember kontaktierten sie Ursula Raue, die Missbrauchsbeauftragte, und vereinbarten einen Termin mit Pater Mertes.

Der kannte bisher nur Gerüchte und die Schilderungen eines Ex-Schülers, die ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut worden waren. Am 14. Januar 2010 trafen sich die Opfer mit Mertes. Danach war dem Geistlichen klar: Die Männer sagten die Wahrheit. Er wollte und musste ihnen glauben. Nach einer Nacht Bedenkzeit beschloss Mertes zu handeln. Frau Raue kontaktierte die beiden als Haupttäter benannten Ex-Mitbrüder. Am 19. schickte Mertes den Brief an die Ehemaligen ab. Bis heute glauben einige Opfer, der Rektor sei nur in die Offensive gegangen, weil er eine Veröffentlichung durch die Opfer fürchtete. Mertes sagt, daran habe er nie gedacht.

„Es gibt einen tiefen Graben zwischen Opfer und Täterseite, auch was die Sprache betrifft“, sagt Pater Mertes, der im Sommer Berlin verlassen und ans Jesuitenkolleg Sankt Blasien im Schwarzwald wechseln wird. Wo die Kirchenvertreter die Fortschritte in der Auseinandersetzung mit dem Missbrauch, die verbesserte Prävention für heutige Schüler und auch eine Debatte um katholische Sexualmoral erkennen, sehen die Opfer, dass sie nach einem Jahr vollen Einsatzes genau so dastehen wie zuvor. Das stört auch den Aufklärer: „Die Opfer wünschen zu Recht, dass es schnell geht“, sagt Pater Mertes. Auch ihm dauere die Aufarbeitung inzwischen zu lange. „Wir sind nur begrenzt belastbar“, sagt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch.

In Zentrale der Deutschen Jesuiten in München verweist Sprecher Thomas Busch auf die finanzielle Beteiligung des Ordens am zweiten Dialogtreffen mit dem Eckigen Tisch und an der Übernahme von Therapiekosten für etwa zehn Opfer in akuten Notlagen. In Sachen Entschädigung wollen die Jesuiten aber mit den anderen katholischen Orden gemeinsam handeln und sich an einer Einigung am Runden Tisch der Bundesregierung zu sexuellem Missbrauch orientieren. Die Anerkennungsleistung sei dem Orden wichtig, das hat auch der neue Provinzial Stefan Kiechle mehrfach gesagt. Es dürfe aber keine kirchliche Einrichtung alleine handeln, sonst gebe es Opfer erster, zweiter und dritter Klasse, so sein Sprecher.

Mertes selbst ist in einer schwierigen Lage, denn nicht alle in Orden und Kirche sind der Ansicht, der Rektor habe mit seinem Kurs der Offenheit richtig gehandelt. „Das Thema Missbrauch spaltet immer die Institution, in der Missbrauch vorgekommen ist“, formuliert Mertes.

Täter gedeckt

Der liberale Jesuit weiß, dass er innerhalb der Kirche angefeindet wird. Auch viele ältere Lehrer des Kollegs tun sich schwer damit anzunehmen, was während ihrer Zeit dort Schülern angetan wurde, dass der hochverehrte frühere Schulleiter Pater Z. diese Vorgänge deckte und die Täter sogar noch an andere Schulen und Pfarrgemeinden weiter schob.

In den ersten Tagen nach dem Skandal sprach Mertes für die Kirche heikle Punkte an, die seines Erachtens nach zu der Welle sexuell motivierter Übergriffe beigetragen haben. Nämlich die rigide kirchliche Sexualmoral und der Umgang mit Homosexualität, die dazu führten, dass die Kirchenmänner den Übergriffen sprachlos gegenüber gestanden hätten. Kritiker werfen dem Rektor sogar vor, er habe die Missbrauchsgeschichte nur aus kirchenpolitischen Motiven öffentlich gemacht. Zwar erkennt Mertes Fortschritte in der Debatte über diese Themen, aber er weiß auch, dass er damit einen tiefen Dissens innerhalb der Kirche offen gelegt hat.

Ex-Canisianer Mathias Bubel, der jahrelang unter Wolfgang S. zu leiden hatte, berichtet von Treffen mit einem früher vertrauten Jesuiten, der damals von den Übergriffen wusste und nichts unternommen hatte. „Der hat immer noch rote Ohren gekriegt und ist blass geworden“, sagt Bubel. Für ihn ein Beleg dafür, dass der Orden habe immer noch kein Bewusstsein für die Opfer entwickelt habe. „30 Jahre sind vergangen und jetzt kommen die mit Symbolik, aber danach hat niemand gefragt“, schimpft Bubel. Es gehe um reale Antworten, um Genugtuung, und da sei „Geld eben das einzige, was mir einfällt“. Zumal keiner der Täter wegen der jahrelangen Verdunkelung durch die Jesuiten je im Gefängnis habe büßen müssen. Die in Aussicht gestellten 2000 oder 5000 Euro halten Bubel und andere Opfer für einen Witz: „Das kriege ich doch für einen Wasserschaden im Keller.“

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