Berliner Polizei

Neue Arbeitszeiten machen Berlins Polizisten krank

Seit der Einführung eines neuen Schichtdienstes im Februar ist der Krankenstand bei der Berliner Polizei in die Höhe geschnellt. Dabei hatte der TÜV vor dem System schon lange gewarnt.

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Die Umstellung des Schichtdienstes von zwölf auf acht Stunden für die Lagedienste, der für die Notrufe zuständigen Einsatzleitzentrale sowie der Kripo-Sofortbearbeitungseinheiten der Berliner Polizei birgt erhebliche gesundheitliche Risiken für die knapp 900 betroffenen Beamten sowie Sicherheitseinbußen in der täglichen Arbeit. Das geht aus einem Gutachten hervor, das bereits im Juli des vergangen Jahres im Auftrag der Berliner Polizei vom TÜV Rheinland erstellt wurde und dieser Zeitung vorliegt. Anfang Januar dieses Jahres war der Schichtwechsel umgesetzt worden. Die Gewerkschaft der Berliner Polizei (GdP) sowie der Polizeiarbeitskreis der CDU fordern eine sofortige Rückkehr zu dem alten System. Es gibt Überlegungen mehrerer Beamter, Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amt zu stellen – zunächst gegen Unbekannt. Dieses Gutachten hätte dem Vorwurf nach im Einigungsverfahren für die Einführung des neuen Dienstzeitmodells eingebracht werden müssen. Die Verletzung der Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern müsse disziplinarrechtlich geprüft werden.

Seit Anfang des Jahres mehren sich die Klagen der Polizisten über zu wenig Zeit mit der Familie, teilweise neun Dienstantritte in Folge sowie den damit verbundenen gesundheitlichen Nebenwirkungen. Früher hatten die Beamten in den Lagediensten und der Kripo-Einheiten (VB1, Verbrechensbekämpfung) – sie entscheiden am Tatort über den weiteren Verlauf der Ermittlungen – zwölf Stunden-Dienste gehabt, es mussten zwei Schichten pro Tag antreten. Durch die Neuregelung müssen nun drei Schichten täglich erscheinen, gerade an Feiertagen ist dies nach Angaben von Betroffenen nicht familienfreundlich.

Viele Beamte würden unter Schlafproblemen leiden, nach Angaben der GdP habe sich der Krankenstand exorbitant gesteigert. Davor hatten die Experten des TÜV laut Gutachten bereits vor der Umsetzung gewarnt. Wörtlich heißt es in dem 22-seitigen Dossier: „Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die gesundheitlichen Auswirkungen des Zwölfstunden-Schichtsystems im Vergleich zum Acht-Stunden-System insgesamt geringer ausfallen.“ So leiden dem Papier nach im alten System 52 Prozent der Betroffenen unter Schlafstörungen, im neuen 74 Prozent. Bei Magenbeschwerden sind es 27 zu 50 Prozent, bei Kopfschmerzen 16 zu 31. An anderer Stelle wird angeführt, dass „gegenüber dem Acht-Stunden-System pro Tag ein Schichtwechsel mit den damit verbundenen Übergabekosten und möglichen Qualitäts- oder im Falle der Berliner Polizei Sicherheitseinbußen“ entfallen.

Der Behördenleitung sind diese Ergebnisse der Untersuchung bekannt, dennoch hielt sie an der Umstellung der Dienststruktur fest. Dieser sei „arbeitsergonomischer“ und trage den rechtlichen Rahmenbedingungen sowie dem Einsatzbedarf der Dienststellen Rechnung, hieß es in einer Stellungnahme. Weiter erklärte die Polizeiführung, der Zwölf-Stunden-Dienst bringe nur unter bestimmten Bedingungen Vorteile, die im Dienstbereich der Berliner Polizei nicht gegeben seien.

Das Familienleben leidet

Das sehen viele betroffene Beamte ganz anders. Mirko Prinz, Kriminalbeamter und GdP-Vorstandsmitglied, ist einer von ihnen. „Ich leide besonders unter den beiden aufeinanderfolgenden Nachtdiensten. Die Erholungsphasen sind einfach zu kurz, oftmals verbringt man die wenige freie Zeit im Bett, um zu schlafen. Das macht sich vor allem im Familienleben bemerkbar. Meine Kinder sehe ich nur noch selten, und ohne meine Frau wäre das Projekt Familie nicht mehr umsetzbar. Es geht doch auch um Berufszufriedenheit, um die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf. Das ist in diesem Zeitmodell einfach nicht gegeben.“

Auch diesen Punkt hatten die TÜV-Experten bereits vor Inkrafttreten des neuen Arbeitsmodells beleuchtet. „Als Ausdruck für die hohe Akzeptanz der Zwölfstunden-Schicht gilt auch die Tatsache, dass Zwölfstunden-Schichtarbeiter ihren Kindern oder guten Freunden Schichtarbeit empfehlen würden.“ Es könne nicht überraschen, „dass arbeitswissenschaftliche Untersuchungen insgesamt keine höhere Belastung der Mitarbeiter durch Zwölf-Stunden-Systeme aufgezeigt haben und einige sogar von einer dadurch verringerten Schichtarbeitsbelastung sprechen.

Als nicht mehr akzeptabel“ bezeichnete gestern der stellvertretende Landesbezirksvorsitzende der GdP, Detlef Herrmann, „die Verfahrensweise von Polizeipräsident Dieter Glietsch, das von ihm selbst bestellte Gutachten des arbeitsmedizinischen Dienstes des TÜV Rheinland in der Diskussion über eine Veränderung der Arbeitszeiten der Polizei im Jahr 2010 den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit vorenthalten zu haben“. Scharf kritisierte er, dass Glietsch entgegen der Empfehlungen des TÜV zum 3. Januar 2011 die Arbeitszeiten verändert hat.

GdP befürchtet hohen Krankenstand

„Diese neue Arbeitszeit wird von den Polizisten nicht akzeptiert, da sich die Arbeitsbelastung extrem erhöht hat und eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht mehr gegeben ist. Der Krankenstand ist nach der Einführung extrem in die Höhe geschnellt. In der Einsatzleitzentrale (ELZ) der Polizei lag er teilweise bei bis zu 40 Prozent. Dieser Dienst macht krank! Ohne personelle Verstärkung aus anderen Dienstbereichen wäre die Notrufzentrale der Berliner Polizei nur noch bedingt arbeitsfähig.“ In dieser Frage gehe es deshalb um die Einsatzfähigkeit der Berliner Polizei.

„Dieter Glietsch hätte auch das Parlament informieren müssen“, so der Vizechef der Berliner GdP. Er fordert deshalb unverzüglich die Wiedereinführung des alten 12-Stunden-Dienstes in allen Bereichen der Berliner Polizei. „Dann können wir“, so Herrmann, „in Ruhe über veränderte Arbeitszeitmodelle, die von den Beschäftigten angenommen werden und die nicht noch die gesundheitsgefährdenden Erschwernisse des Schichtdienstes verschärfen, verhandeln.“

Im Fazit werden die Vorteile des alten Systems in dem Gutachten zusammengefasst: Geringere gesundheitliche Beeinträchtigungen, besseres Schlafverhalten, größere Wirtschaftlichkeit, nur an der Hälfte der Kalendertage muss gearbeitet werden, nur eine Nachtschicht am Stück, bessere Regeneration durch mehr Freizeit, bessere Tauschmöglichkeiten der Dienste. Das Plus für den Achtstundendienst seien mehr Leistung und Sicherheit, geringere Stresssymptome, weniger Ermüdungserscheinungen, bessere Reaktionszeiten, bessere Aufmerksamkeit. Betroffene Beamte wollen dies nicht glauben. „Mein Körper findet einfach keinen Schlafrythmus. Also kann ich auch nicht fit und reaktionsschnell bei der Arbeit sein“, sagte ein Betroffener.