BBI-Flugrouten

Potsdams OB fordert Flugverbot über Reaktor

Die BBI-Jets sollen den Berliner Südwesten verschonen. Dies hat die Fluglärmkommission entschieden. Die Anwohner bleiben skeptisch und Potsdams Oberbürgermeister warnt vor dem Überfliegen des Forschungsreaktors am Wannsee.

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Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat in der Diskussion über die Flugrouten am neuen Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) ein Überflugverbot für den Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums in Wannsee gefordert. Ein Flugzeugabsturz hätte „gravierende Folgen für die gesamte Region“, sagte er am Dienstag. Zugleich begrüßte Jacobs die am Montag in der Fluglärm-Kommission erzielte Einigung. Er schlug zur Entlastung Potsdams vor, dass die Landeshauptstadt mit einer Route südlich von Werder (Havel) und entlang des Berliner Autobahnrings weiträumig umflogen wird.

Trotzdem herrscht in Steglitz-Zehlendorf und Potsdam weiter große Skepsis, ob der Südwesten Berlins und die Brandenburger Landeshauptstadt nicht doch überflogen werden. Denn noch ist offen, ob Flugzeuge, die von der Nordbahn des künftigen Hauptstadtflughafens BBI in Richtung Westen starten, über Wannsee und Potsdam fliegen, wenn ihr Ziel im Norden oder Osten liegt.

Bislang hat die Deutsche Flugsicherung für diese Maschinen einen Drehpunkt – genannt Noost – über der Wannseebrücke festgelegt. Ob es dabei bleibt, will die Fluglärmkommission auf ihrer nächsten Sitzung am 11.April beraten. Der Bürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp (CDU), will mit der Bürgerinitiative „Keine Flugrouten über Berlin“ dafür kämpfen, dass der „Punkt Noost wegkommt“. Stattdessen sollen die Jets, die von der Nordbahn starten, weiter geradeaus bis zum Autobahnkreuz Potsdam fliegen und erst dann – und damit weiter westlich von Potsdam – in Richtung Norden oder Osten abdrehen. Eine Forderung, die auch der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und die Bürgerinitiative Weltkulturerbe unterstützt.

„Da die Politiker bislang immer gesagt haben, Lärmschutz muss vor Wirtschaftlichkeit gehen, sollten die Airlines lieber einen weiteren Weg in Kauf nehmen, aber damit weniger Menschen belasten“, sagte Kopp. Verkehrsstaatsekretärin Maria Krautzberger wirft Kopp vor, den „Leuten Sand in die Augen zu streuen“. Krautzberger hatte nach der Sitzung der Fluglärmkommission gesagt, dass die südwestlichen Berliner Bezirke davon ausgehen können, dass sie nicht überflogen werden.

Nach Informationen von Morgenpost Online hält die Deutsche Flugsicherung den Drehpunkt Noost über der Wannseebrücke im Sinne der Airlines für am wirtschaftlichsten, aber auch für am umweltfreundlichsten. Umwege westlich von Potsdam würden Sprit- und Zeitverlust sowie einen höheren CO2-Ausstoß bedeuten, heißt es. Nach Angaben der Flugsicherung wären Flugzeuge über der Wannseebrücke bereits 2300 bis 2700 Meter hoch. Diese Maschinen würde man nur „leicht hören“. Die Vorsitzende der Fluglärmkommission Kathrin Schneider sagte am Dienstag, dass die Kommission sich auf ihrer April-Sitzung dennoch damit befassen wird, ob Wannsee und auch Potsdam westlich umflogen werden können.

Die Kommission hatte am Montag Empfehlungen für die Abflugrouten vom künftigen Hauptstadtflughafen BBI gegeben. Danach soll von der BBI-Nordbahn sowohl in Richtung Westen als auch nach Osten geradeaus geflogen werden. Von der Südbahn aus will die Kommission die Route in Richtung Westen um 15 Grad oder 15 plus X Grad nach Süden abknicken lassen. In Richtung Osten sind zwei gleichberechtigte Routen vorgesehen. Das sind die sogenannte scharfe Kurve und der Geradeausflug, für den aber aus Sicherheitsgründen eine Ausnahmegenehmigung nötig ist. Die Deutsche Flugsicherung hält die Empfehlungen bis auf den Geradeausflug von der Südbahn in Richtung Osten „auf jeden Fall für wahrscheinlich“. Grundsätzlich werden die Empfehlungen der Fluglärmkommission von allen Politikern begrüßt.

„Ich freue mich, dass sich eine Lösung abzeichnet, mit der die Belastung für Berlin reduziert werden kann. Das ist ein grandioser Erfolg für die breite Bürgerbewegung“, sagte der Fraktions- und Landeschef der CDU, Frank Henkel. Dem Regierenden Bürgermeister und Aufsichtsratvorsitzenden der Flughafengesellschaft, Klaus Wowereit (SPD), wirft Henkel „eine gehörige Portion Dreistigkeit“ vor, wenn er „die neue Entwicklung jetzt als seinen Erfolg“ verkauft.

Auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Volker Ratzmann, griff am Dienstag den Regierenden Bürgermeister an. Dieser habe es „verpennt“, sich rechtzeitig um das Flugroutenproblem zu kümmern. „Bereits im Planungsverfahren für den Flughafen war klar, dass andere als die vorausgesagten Flugrouten genutzt werden müssen. Dieses Problem hat Klaus Wowereit einfach ignoriert anstatt sich zu kümmern“, sagte Ratzmann. „Es waren die vielen engagierten Menschen in den Bürgerinitiativen und in der Fluglärmkommission, die das Problem letztlich ohne sein Zutun gelöst haben.

Auch die FDP sieht das „überraschend schnelle Übereinkommen“ in der Fluglärmkommission nicht als „Verdienst des Senats“ an, sondern dem „Druck der Bürgerinitiativen geschuldet“, sagte der FDP-Verkehrsexperte, Klaus-Peter von Lüdeke. Nun müsse man gucken, was aus dem „Zwischenergebnis“ wird. Offen sei nach wie vor, ob über Wannsee geflogen werde.

Der SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller nannte die Vorschläge der Fluglärmkommission einen „wichtigen Schritt“. „Damit kann erreicht werden, dass deutlich weniger Berlinerinnen und Berliner im Süden der Stadt von Fluglärm betroffen wären. Deshalb wäre es auch richtig, wenn die Flugsicherung diesen Vorschlägen folgt.“ Im Hinblick auf Wannsee mahnte Müller an, dass der Lärmschutz der Anwohner Vorrang vor der Wirtschaftlichkeit der Airlines haben müsse und die Jets Wannsee umfliegen müssten.

Die verkehrspolitische Sprecherin der Linken, Jutta Matuschek, sprach am Dienstag von einem „Durchbruch“. Die Empfehlungen der Kommission seien „in saldo“ dem Schutz der Bevölkerung vor Fluglärm geschuldet. Die nächsten Sitzungen der Kommission sind für den 11. April und den 9. Mai geplant. Im Juni will die Kommission laut ihrer Vorsitzenden Kathrin Schneider die Beratungen abschließen. Dann wägt die Flugsicherung die Empfehlungen der Kommission ab. Festgelegt werden die Routen letztlich durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Die Entscheidung soll im Januar 2012 und damit vier Monate vor Inbetriebnahme des neuen Flughafens fallen.