Statistik

Mehr Bisse - Grüne fordern Hundeführerschein

Im Jahr 2010 wurden in Berlin 660 Hundeattacken auf Menschen registriert. Das sind 25 Prozent mehr als 2009. Am gefährlichsten waren Mischlinge, allen voran der Schäferhund.

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Der beste Freund des Menschen ist der Kampfhund. Diesen Schluss lassen zumindest aktuelle Zahlen des Berliner Senats zu. Die vermeintlich gefährlichsten Hunderassen spielen in der Statistik der Angriffe auf Menschen oder Artgenossen eine vergleichsweise kleine Rolle. Im gesamten Jahr 2010 wurden für Pitbull, Staffordshire-Terrier, Mastiff & Co. 26 Angriffe auf Menschen und 72 Beißattacken auf andere Hunde gemeldet. Insgesamt listet die aktuelle Hundebiss-Statistik des Senats für das vorige Jahr 660 Fälle auf, in denen Menschen verletzt oder bedrohlich angesprungen wurden. In 528 Fällen wurden andere Hunde verletzt.

Nach dem positiven Trend der vergangenen Jahre hat die Zahl der Hundeattacken erstmals wieder deutlich zugenommen. Zum Vergleich: 2009 verzeichnete die Senatsgesundheitsverwaltung insgesamt 419 Angriffe auf Menschen und 418 auf Hunde. Binnen einen Jahres ist die Zahl der Vorfälle mit Hunden damit um mehr als 25 Prozent gestiegen.

Bemerkenswert dabei: Während die Gesamtzahl der Fälle mit als gefährlich eingestuften Rassen von 144 im Jahr 2009 auf 98 sank, stieg sie bei den anderen Rassen von 752 auf 1090. Allerdings sind die Zahlen nur bedingt aussagekräftig. Denn der Hunde-Bestand wird in Berlin nicht nach der Rasse erfasst. Wie viele Pinscher oder Bullterrier sich unter den gemeldeten 109.488 Hunden in der Stadt (4311 mehr als 2009) befinden, weiß niemand.

Auch Schoßhunde schnappen zu

So listet die Biss-Statistik lediglich absolute Fallzahlen auf. Kaum überraschend ist es daher, dass Mischlingshunde am häufigsten zugebissen haben (424 Fälle, davon 262 Angriffe auf Menschen). Es folgen Deutsche Schäferhunde (139/79), Tiere unbekannter Rasse (84/51), Golden Retriever (59/22) und Rottweiler (56/36). Statistisch gesehen sind selbst vermeintliche Familien-, Schoß- und Kuschelhunde wie Collie, Pudel und Rehpinscher gefährlicher als die meisten Kampfhundrassen.

Für Kritiker wie Claudia Hämmerling, tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen, sind die Zahlen ein Beleg für das Scheitern des rot-roten Senats. Dessen Hundegesetz, das seit dem Jahr 2000 schrittweise eingeführt wurde, verfehle sein Ziel, sagt Hämmerling. Vor allem die umstrittene Rasseliste, die bestimmte Rassen quasi auf den Index setzt, deren Haltung, Handel und Zucht streng reglementiert oder verbietet, hält Hämmerling für falsch. Stattdessen fordern die Grünen einen Hundeführerschein mit einem Wesenstest des Tieres und einer Sachkundeprüfung der Halter für alle großen Hunderassen über 17 Kilogramm Gewicht oder 40 Zentimeter Schulterhöhe.

Rasseliste ist umstritten

Das aktuelle Berliner Hundegesetz listet hingegen zehn als besonders gefährlich geltende Rassen auf. Für diese gilt in der Öffentlichkeit eine verschärfte Leinen- und grundsätzliche Maulkorbpflicht – unabhängig davon, wie aggressiv die Tiere sind. Ihre Zucht ist verboten, die Haltung streng reglementiert. Werden Vorgaben nicht eingehalten, werden die Tiere oft vom Amtstierarzt beschlagnahmt und landen im Tierheim. Noch 2006 waren von 1947 abgegeben Hunden nur 253 sogenannte „Listenhunde“ (13 Prozent). 2009 war bereits jeder zweite im Tierheim aufgenommene Hund ein Hund, dessen Rasse vom Senat als gefährlich eingestuft ist (942 von 1883). Inzwischen ist der Anteil schon auf 60 Prozent gewachsen.

Weil die Tiere per Gesetz als gefährlich eingestuft werden, sind sie kaum vermittelbar und bleiben oft zwei Jahre oder mehr im Heim, sagt Tierheim-Sprecher Marcel Gäding. Er lehnt die Rasseliste des Senats ebenfalls ab. Experten des Tierschutzvereins schätzen nach Gutachten mindestens vier von fünf eingesperrten „Listenhunden“ als „sozial verträglich“ ein. Die Senatsgesundheitsverwaltung sieht jedoch keinen Anlass, das Gesetz zu ändern, wie Sprecherin Marie-Luise Dittmar bestätigt. Die im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegene Zahl von Biss-Attacken könne viele Gründe haben, sagt die Sprecherin. Möglich sei, dass diese Entwicklung mit der insgesamt steigenden Zahl der Hunde zu tun habe. Denkbar sei auch, dass die Berliner aufmerksamer seien und mehr Vorfälle melden. Auch könne es sich um einen statistischen Ausreißer nach Jahren mit positiver Entwicklung handeln.