Breitscheidplatz

Plastiktanne wird schon bald zur Lichtinstallation

Der weiße Plastikkegel auf dem Breitscheidplatz sorgt für Diskussionen. Während manche einen traditionellen Christbaum haben wollen, stehen andere dem Kunstobjekt offener gegenüber.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Ein 25 Meter hoher, weißer Plastikkegel, auf dessen Spitze ein riesiger gelber Stern thront. Nicht besonders weihnachtlich sieht bei Tageslicht die Kunstinstallation aus, die dieses Jahr statt des traditionellen Christbaums nahe der Gedächtniskirche auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz zu sehen sein wird. Ab nächster Woche aber sollen 216 Leuchten im Inneren des Objektes und sechs außerhalb installierte Videobeamer farbenfrohe Licht- und Bewegtbilder mit Motiven wie Geschenkpäckchen und Schleifen auf die Wand des Kegels projizieren – und unter den Besuchern des Weihnachtsmarktes für feierliche Stimmung sorgen. „Vier Motoren pumpen jederzeit Luft hinein, um das Ding stabil zu halten“, sagt Lichtdesigner Andreas Boehlke, der das Kunstprojekt leitet. Sein Ziel: „Wir wollen durch gut gemachte Bilder das Auge betrügen und zeigen: Das sieht aus wie ein echter Baum.“

Allerdings lehnen einige Berliner die Installation schon vor ihrer Premiere ab. „Das Ding erinnert irgendwie an eine Gummipuppe“, findet etwa Corona Cramer (53) aus Charlottenburg. Ihre Tochter Marie stimmt ihr zu. „Das ist unglaublich hässlich.“ Zwar glaubt sie, dass die Licht-Show nachts schön anzusehen sein könnte. „Aber so kommt bei mir sicherlich keine Weihnachtsstimmung auf“, sagt die 21-Jährige. „Dazu gehört für mich einfach ein richtiger Weihnachtsbaum.“ Ganz ähnlich sieht das auch Jutta Deutmarg. „Ich bin da ein bisschen romantisch veranlagt“, sagt die 54-jährige Berlinerin. „Aber an Weihnachten brauche ich einen echten Baum.“

Andere Bürger stehen dem Objekt, das auf dem Wasserklops steht, offener gegenüber. „Das ist doch endlich mal was Anderes“, findet Margrit Romberg. Die 68-Jährige kauft sich aus Überzeugung auch privat keine Weihnachtsbäume. „Mir tut es immer leid, wenn die sterben müssen.“ Sie will erst einmal abwarten, wie die Licht-Show auf dem Breitscheidplatz aussieht, bevor sie sich ein Urteil bildet. Gabelstapelfahrer Maik Schartner (24), der beim Aufbau der Stände hilft, wäre zwar ein richtiger Baum lieber. „Aber andererseits passt das doch gut zum digitalen Zeitalter, wenn hier in der Weihnachtszeit eine Lichtershow zu sehen ist.“ Hauptstadt-Tourist Federico Desidero aus Florenz glaubt sogar: „Das Ding ist typisch Berlin – es ist neu und innovativ.“ Die weihnachtliche Kunstinstallation passt seiner Meinung nach zum Image der Stadt. „Deswegen ist Berlin so aufregend – man entdeckt immer solche verrückten Sachen, die es sonst nirgendwo gibt.“

Warum ersetzt das Kunstobjekt überhaupt den traditionellen Weihnachtsbaum, der sonst jedes Jahr zwischen dem Alten und dem Neuen Turm steht? „Dort ist leider wegen des Baugerüsts am Alten Turm überhaupt kein Platz“, sagt Christian Wagner, Sprecher des Schaustellerverbandes, der den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz organisiert. Auch sei es unmöglich, den Baum einfach an einen anderen Standort zu verlagern. „So ein Baum hat einen Durchmesser von acht bis 12 Metern und wiegt gut und gerne fünf bis sechs Tonnen“, so Wagner. Um ihn aufzustellen, befinde sich zwischen den Türmen eine 1,50 Meter tiefe Metall-Halterung im Boden – die koste aber mehrere tausend Euro. „Einen anderen Baum aufzustellen, ist also nicht nur vom Platz her, sondern auch finanziell leider gar nicht möglich“, so der Sprecher. „Ansonsten müssten wir die Standmieten und Preise stark in die Höhe treiben – aber einen Glühwein für fünf Euro würde wiederum kein Besucher akzeptieren.“ Gleichzeitig betont Wagner, dass die Kunstinstallation auf dem Wasserklops keinesfalls einen vollwertigen Ersatz für den traditionellen Weihnachtsbaum darstellt. „Diesen Zweck kann sie natürlich nicht erfüllen.“ Angesichts der scharfen Kritik appelliert er an die Besucher, sich selbst ein Bild von der Lichtshow zu machen. Diese feiert am kommenden Montag, 22. November, um 18 Uhr zur Öffnung des Weihnachtsmarktes ihre Premiere. Außerdem, so Wagner, werde am Breitscheidplatz auch ohne riesigen Christbaum viel weihnachtliche Stimmung herrschen. „Wir haben ja auch noch 200 kleine Weihnachtstannen da.“

Die teilweise völlig überzogen wirkende Kritik an dem Kunstprojekt hat vor allem historische Gründe. Der Verzicht auf einen echten Baum wirkt wie die Krönung einer Reihe von Pannen, die der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in den vergangenen Jahren mit seinen Christbäumen hatte. Vor drei Jahren etwa blieb eine 24-Meter-Fichte aus Bayern beim Transport unter der Brücke an der Kantstraße stecken. Später war der Baum für den Kran zu schwer und baumelte stundenlang über der Halterung, bevor er mit einem weiteren Kran aufgestellt wurde. 2006 verspätete sich die Lieferung des Weihnachtsbaumes aus der Uckermark um einen Tag, weil die Polizei die Äste für gefährlich hielt. Sie erlaubte die Weiterfahrt des Transporters nur, nachdem das Geäst unter hohem Kraftaufwand zusammengebunden worden war.

Besonders viel ging 2003 schief. Zunächst hatte ein besonders mickriger Weihnachtsbaum unter den Berlinern für Entrüstung gesorgt. Der Veranstalter entsorgte die als „Krüppelfichte“ verspottete Pflanze kurzerhand und ließ sie an die Elefanten im Berliner Zoo verfüttern. Doch über den Ersatz, eine majestätische Edeltanne, konnten sich die Besucher des Weihnachtsmarkts nicht lange freuen. Der religiöse Eiferer Andreas Roy und ein Komplize sägten fünf Meter von der Spitze des Baumes ab, um so ihre „Abneigung gegen die Kirche und die Art des Weihnachtsfestes“ zu demonstrieren. Ebenfalls starke Kritik erntete 2000 der Baum, der schnell den Spitznamen „Hungerharke“ erhielt. Das bräunliche Aussehen und die schlaffen Äste der 20-Meter-Tanne weckten den Unmut so vieler Bürger, dass der Baum nach zwei Tagen gefällt und ebenfalls an die Elefanten verfüttert wurde.

Der schlechte Ruf der Christbäume auf dem Breitscheidplatz ist laut Werner Bubner von der Weihnachtsmarktkommission des Schaustellerverbandes aber stark übertrieben, auch wenn er Probleme einräumt. „Ich hatte die Bäume oft selbst ausgesucht – und dann kamen ganz andere in Berlin an“, sagt er. „Aber ähnliche Probleme haben auch andere Weihnachtsmärkte.“ Im Falle des Lichtkegels denkt er, dass sich die Kritik legen wird, sobald der Weihnachtsmarkt geöffnet hat. „Das war in den vergangenen Jahren auch immer so. Sobald die Weihnachtsbeleuchtung an ist, sind die Berliner dann doch ganz froh.“