Gault Millau

Sommelier Gunnar Tietz ist Star des Jahres 2010

Der Gourmet-Führer Gault Millau wählte den Berliner Gunnar Tietz zum "Sommelier des Jahres". Hohe Wertungen gab es auch für Michael Hoffmann vom "Margaux" und Tim Raue mit seinem eigenen Restaurant.

Foto: Christian Kielmann

Anfang November ist nicht nur für Köche, Sommeliers und Gastronomen eine aufregende Zeit, wenn die einschlägigen Gourmet-Führer ihre Sterne, Punkte Hauben und „F“s verteilen. Auch für die namhaften Restaurant-Guides ist es Jahr für Jahr ein Pokerspiel, bei dem sich niemand in die Karten schauen lassen und jeder mit Überraschungen für Aufmerksamkeit sorgen will. Der große Coup scheint 2010 dem Magazin "Feinschmecker" gelungen zu sein, der Berlins Sterne-Koch Michael Hoffmann zu Deutschlands „Koch des Jahres“ gekürt hat. Gleiches soll wohl auch der am Montag erschienene Gault Millau vorgehabt haben, der sich allerdings kurzerhand notgedrungen für einen neuen Star des Jahres entscheiden musste. So wurde die Ehre „Koch des Jahres“ beim Gault Millau Mario Lohninger zu Teil, der in Frankfurt am Main gleich drei Restaurants, an der Spitze das „Silk“ mit 18 von 20 Punkten, führt.

Doch an Michael Hoffmann kam letztlich auch der Gault Millau nicht vorbei, der ihm und Tim Raue bestätigte, sich in die Küchenspitze gekocht zu haben. Hoffmann erhielt 18 von 20 möglichen Punkten, weil er im „Margaux“ seine kühl kalkulierte Kopfküche in einen farbgewaltigen Rausch der Sinne umsetzen kann. Ebenfalls 18 Punkte bekam Raue mit seinem neuen Restaurant unweit vom Checkpoint Charlie in Kreuzberg. Beide Küchenchefs zählen damit zu den 31 deutschen Köchen mit 18 Gault-Millau-Punkten. Die Spitze der Berliner Köche führt mit 19Punkten weiterhin Christian Lohse („Fischers Fritz“ in Mitte) an. Im Vergleich zum Vorjahr konnten sich „Anna e Bruno“ (auf 17 Punkte), „Die Quadriga“, „Frühsammer“ und „Horvath“ (alle auf 16 Punkte) verbessern.

Wenn es auch bei den Berliner Küchenchefs in diesem Jahr nicht zu dem ganz großen Triumph reicht, den Tim Raue als Deutschlands „Koch des Jahres 2007“ einfahren konnte, gibt es doch einen überregionalen Erfolg zu feiern: Die Hauptstadt hat mit Gunnar Tietz vom „First Floor“ im Hotel Palace den besten Sommelier des Landes. Mit der Auszeichnung für Tietz geht der begehrte Titel zum ersten Mal an die Spree. Als wichtigste Auszeichnung seines bisherigen Berufslebens bezeichnete der 41-Jährige die Ehrung durch den renommierten Restaurant-Führer.

Der im uckermärkischen Templin geborene Weinfachmann arbeitet seit 1998 im Palace und ist Herr über 1500 Weine, die er in einem auf 16 Grad temperierten Weinkeller bevorratet. Zu den Gästen des Restaurants zählten bereits die Queen, Wladimir Putin, Condoleezza Rice und viele weitere Prominente aus Wirtschaft und Politik. Zu Kanzlerin Angela Merkel hat Tietz einen besonderen Draht: Er wurde vor acht Jahren von deren Vater in Templin getraut und betreut den Weinkeller der Regierungschefin. Dass das Kanzleramt für besondere Anlässe auf Tietz' Weinwissen zurückgreift, versteht sich da fast von selbst.

Als junger Mann hatte Tietz mit alkoholischen Getränken „überhaupt nichts am Hut“. Zu DDR-Zeiten betrieb er Leistungssport, 3000 Meter Hindernis und lange Strecken. Noch heute läuft er regelmäßig Marathon, und wird mit 2:45 Stunden für die 42,195 Kilometer als Deutschlands schnellster Sommelier gehandelt. Trotzdem reichten seine Zeiten damals nicht für internationale Medaillenränge, und so wechselte Tietz nach der Wende das Metier. Er begann eine Lehre zum Restaurantfachmann bei Peter Frühsammer, der Anfang der 90er-Jahre an der Matterhornstraße in Zehlendorf als Europas jüngster Sternekoch reüssierte. „Dort habe ich die besten Weine der Welt kennen und lieben gelernt“, berichtet Tietz, der nach seinem Wechsel ins First Floor erst zwölf Jahre unter Sternekoch Matthias Buchholz arbeitete und jetzt mit Sternekoch Matthias Diether arbeitet.

Auf der Weinkarte von Gunnar Tietz findet sich unter anderem ein 300 Euro teurer Spätburgunder Reserve des Prädikatsweingutes Becker. Teuerster Tropfen seines Weinkellers ist ein 1945er Mouton Rothschild, für 5200 Euro die Flasche.

Vor vier Jahren hatte Tietz die Idee, die alljährliche Küchenparty aufzupeppen und erfand die Big-Bottle-Party, bei der nur Weine in sechs Liter fassenden Imperial-Flaschen zugelassen sind. Zur nächsten Bottle-Party am 13. März 2011 werden mehr als hundert Spitzenwinzer aus der ganzen Welt erwartet. Auch dieses Treffen hat einen sozialen Aspekt. Denn bei Tombolas und Versteigerungen der Big-Bottle-Partys wird für ein Jugendprojekt in Neukölln geworben. Bislang konnte das Palace 46.000 Euro an Spenden übergeben.

Gault Millau – Die besten deutschen Köche

Koch des Jahres: Ein Österreicher mit gleich drei Restaurants in Frankfurt am Main ist "Koch des Jahres". Der Gourmetführer Gault Millau wählte den 37-jährigen Mario Lohninger, weil er voller Entdeckerfreude und Erneuerungsdrang drei verschiedene Küchen biete.

Höchstwertung: Trotz der Rekordzahl von zusammen 51 Punkten gehört Mario Lohninger nicht zum Dutzend der deutschen Weltklasseköche. Dafür muss man 19 oder 19,5 Punkte für ein Restaurant erreichen. Das entspricht dem Rang der neun Drei-Sterne-Köche im Michelin.

Die Besten: 19,5 Punkte eroberte erstmals Klaus Erfort (Saarbrücken). Er steht ganz oben neben Joachim Wissler (Bergisch Gladbach), Helmut Thieltges (Dreis in der Südeifel) und Harald Wohlfahrt (Baiersbronn). Nils Henkel (Bergisch Gladbach) rückte auf 19 Punkte auf.

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