Vergiftung

Siebenjähriges Alkoholopfer ist wieder zu Hause

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Foto: Steffen Pletl / Pletl

Der siebenjährige Junge, den Anwohner in Spandau volltrunken auf einem Gehweg liegend gefunden hatten, ist nun offenbar doch wieder bei seinen Eltern. Sie gelten als alkoholkrank. Die Polizei teilte mit, dass es dem Kind wieder gut gehe. Es sei von Jugendlichen auf dem Spielplatz regelrecht abgefüllt worden.

Der siebenjährige Junge, der am Sonntagabend mit zwei Promille Alkohol in ein Berliner Krankenhaus kam, ist wieder zu Hause. Es gehe dem Kind gut, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei am Dienstag. Nach ersten Ermittlungen hatten vier Jugendliche den Jungen auf einem Spandauer Spielplatz zum Trinken angestiftet. Über sie war zunächst nur bekannt, dass sie zwischen 17 und 19 Jahre alt sind und schwarze Haare haben. Das hätten der Siebenjährige und sein Bruder angegeben. „Sie haben ihn mehr oder weniger abgefüllt“, sagte der Polizeisprecher. „Das war nicht mehr nur Jux und Tollerei.“ Inzwischen sucht die Polizei nach ihnen.

Das Kind hatte am Sonntagabend zitternd auf einem Gehweg an der Schönwalder Straße gelegen und sich übergeben. Anwohner alarmierten die Feuerwehr, die den Jungen in eine Klinik brachte.

Am Montag hatte die Spandauer Jugendstadträtin Ursula Meys (SPD) noch gesagt, dass das Spandauer Jugendamt untersuchen werde, ob der Junge überhaupt zu seinen Eltern zurückkehren kann. Ihre Behörde habe Kontakt zu der Familie aufgenommen und auf jeden Fall werde die „den Eltern eine Familienhilfe anbieten“, sagte Meys. Warum der Junge nun doch innerhalb so kurzer Zeit wieder bei seinen Eltern ist, war am Mittwoch nicht mehr in Erfahrung zu bringen.

Dabei sind die Alkoholprobleme vieler Menschen in der Neustadt nicht neu; das Arbeiterviertel droht sozial abzurutschen. Viele Anwohner fürchten sich, alleine im Park unterwegs zu sein. Überall werde Alkohol getrunken, so eine Anwohnerin. Neben der bekannten Trinkerszene, die sich unter anderem am Koeltzepark konzentriert, seien auch trinkende Jugendliche ein großes Problem, sagt Raed Saleh, SPD-Kreisvorsitzender und Mitglied des Abgeordnetenhauses.

„Wenn wir nicht tätig werden, droht aus der nächsten Generationen eine Gesellschaft zu werden, die meint, ihr Leben nur noch mit Alkohol in den Griff bekommen zu können.“ Dieser Entwicklung sollen, so Saleh, so genannte Alkohol-Streetworker entgegentreten, die vom kommenden Jahr an eingesetzt werden sollen. Zwar sind im Bezirkshaushalt 2010/2011 15.000 Euro für Alkoholprävention vorgesehen, allerdings sei das Geld zum größten Teil den Ortsteilen Wilhelmstadt und Altstadt zugesagt worden. Im Rahmen seiner Präventionsarbeit geht Saleh regelmäßig mit Jugendlichen auf Kiezstreife. Dabei würden die Teenager untereinander schnell ins Gespräch kommen. „Wir versuchen dann eine Art Tauschgeschäft. Wir schenken dem Jugendlichen beispielsweise eine CD, wenn er uns den Alkohol aushändigt.“

Die Deutsche Kinderhilfe forderte nach dem Vorfall ein bundesweites nächtliches Verkaufsverbot von Alkohol nach baden-württembergischem Vorbild. Im Kinder- und Jugendbereich sollte nicht jedes Bundesland seine eigene Regelung haben, sagte der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Georg Ehrmann, am Dienstag in Berlin. Ehrmann appellierte außerdem an alle Landesregierungen, jugendliche Alkohol-Testkäufer einzusetzen. Nur so könnten „skrupellose Händler“ auf frischer Tat ertappt werden.

Die Zahl der Eltern, denen der Alkoholkonsum ihrer Kinder egal sei, steige, kritisierte der Verein. Immer mehr Kinder kämen mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus. Politiker dürften angesichts dieser Entwicklung nicht länger „die Hände in den Schoß legen“.

In Baden-Württemberg darf künftig an Tankstellen, Kiosken oder in Supermärkten nachts zwischen 22.00 und 5.00 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden. Der Landtag verabschiedete Anfang November ein entsprechendes Gesetz, das nach Angaben des Innenministeriums voraussichtlich bis zum 1. März 2010 in Kraft tritt. Mit dem Verkaufsverbot sollen Saufgelage von Jugendlichen unterbunden werden.

In Berlin stoßen Polizei und Sozialarbeiter immer wieder auf betrunkene Kinder und Jugendliche. Allein die Neuköllner Arbeitsgruppe Jugendschutz hat seit ihrer Gründung vor einem Jahr 33 betrunkene Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren aufgegriffen. Der höchste festgestellte Alkoholwert betrug 3,0 Promille. Die Berliner Polizei hat im September insgesamt 152 teilweise schwer betrunkene Jugendliche registriert.

( mtt/dpa/hed )