Behindertenfreundlichkeit

BVG baut sprechende Haltestellen in Berlin

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Thomas Fülling

Foto: dpa / dpa/DPA

Einstiegsrampen, Blindenleitsysteme und Sitze für Kleinwüchsige: Die Berliner Verkehrsbetriebe wollen bis 2020 in allen Bahnhöfen und Verkehrsmitteln Barrierefreiheit gewährleisten. Doch das geht nur, wenn auch die Fahrgäste mitmachen.

Wer nicht genau hinschaut, dem fällt der Unterschied kaum auf: Doch der Sitz neben dem Ticketautomaten im Straßenbahnwagen ist viel niedriger angebracht, als die übrigen Stühle. „Ein Platz speziell für Kleinwüchsige“, erklärt BVG-Straßenbahnchef Klaus-Dietrich Matschke. Diese Sitzvariante ist eines von vielen Details, die die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in ihre neuen Flexity-Straßenbahnen einbauen lassen, damit diese auch von Fahrgästen mit körperlichen Behinderungen genutzt werden können.

Das Ziel, das dahinter steht, ist ehrgeizig: Alle Verkehrsmittel der BVG sollen in naher Zukunft barrierefrei sein. Für die BVG-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta geht es dabei nicht allein um „Behindertenfreundlichkeit“. Denn: „Barrierefreie Bahnhöfe und Fahrzeuge nützen allen Fahrgästen“, sagt sie. Aufzüge und geräumige Mehrzeckabteile etwa seien nicht nur für Rollstuhlfahrer elementare Voraussetzung, um am öffentlichen Nahverkehr teilnehmen zu können, sondern auch ein spürbarer Servicevorteil für jungen Eltern oder Fahrgäste mit großem Gepäck.

Aus eigener Erfahrung wisse sie schließlich, wie anstrengend es sei, mit einem Doppelkinderwagen in der Stadt unterwegs zu sein. „Beim Treppe-Hochtragen hilft einem ja kaum noch jemand“, so die Erfahrung der 41 Jahre alten Neuberlinerin. Auch deshalb hält Sigrid Nikutta die Ausstattung der Bahnhöfe mit Aufzügen für besonders wichtig. „Ich möchte, dass keiner auf fremde Hilfe angewiesen sein muss, damit er öffentliche Verkehrsmittel in der Stadt nutzen kann.“

Bereits alle 1300 Busse umgestellt

Die BVG-Chefin verweist darauf, dass das kommunale Nahverkehrsunternehmen bereits viel für die Barrierefreiheit getan hat. So seien inzwischen alle der mehr als 1300 Linienbusse barrierefrei. Bei der Straßenbahn soll dieses Ziel bis 2017 erreicht werden. Bis dahin werden alle Tatra-Bahnen durch moderne Niederflur-Fahrzeuge mit Einstiegsrampen ersetzt.

Beim Einstieg in einem Tatra-Zug müssen über zwei Stufen gut 90 Zentimeter Höhenunterschied überwunden werden. Für Rollstuhlfahrer eine unlösbare Aufgabe, aber auch für ältere Fahrgäste schon eine große Hürde. Dies will die BVG möglichst verhindern. Sei doch schon jetzt jeder fünfte Fahrgast älter als 50, Tendenz stark steigend.

Zweites großes Ziel der BVG: Bis 2020 sollen alle U-Bahnhöfe „barrierefrei“ sein. Derzeit erfüllen erst 90 der insgesamt 173 Bahnhöfe diesen Anspruch. 81 davon verfügen über Aufzüge, neun sind über Rampen hindernisfrei erreichbar. In diesem Jahr sollen zehn weitere Bahnhöfe einen Aufzug erhalten, 2012 sollen, so es die Finanzen zulassen, mindestens acht weitere folgen. Die Kosten sind immens: Allein der Einbau eines Fahrstuhls kostet zwischen 50.0000 und 70.0000 Euro, hinzu kommen jährliche Betriebskosten von etwa 50.000 Euro.

Weitere Investitionen erfolgen in Blindenleitsysteme in U-Bahnhöfen und Haltestellen. Künftig sollen sogar Haltestellen „sprechen“ können. Laut BVG-Direktor Matschke wird derzeit ein entsprechender Pilotversuch vorbreitet. Ziel ist es, dass die Anzeigen, die optisch darüber informieren, wann der nächste Bus oder die nächste Bahn kommt, durch blinde oder sehbehinderte Fahrgäste auch akustisch abgerufen werden können.

Doch bauliche Veränderungen, das weiß auch Nikutta, ist nur die eine Seite auf dem Weg zur Barrierefreiheit. Denn was nützt das beste Blindenleitsystem, wenn es durch abgestellte Fahrräder blockiert wird. „Ich kann nur dringend an alle appellieren, Fahrräder nicht an Zugängen anzuschließen“, so Nikutta. Mehr Rücksichtsnahme auf Fahrgäste mit Behinderungen fordert die BVG-Chefin aber auch von ihren eigenen Mitarbeitern. Auch sie kennt Berichte von ungeduldigen Busfahrern, die die Tür einfach schließen, bevor die junge Mutter ihren Kinderwagen in den Bus hieven konnte. Nikutta versichert, dass sie jeden Vorfall, der ihr bekannt wird, überprüfen lässt. „Bestätigt sich das Fehlverhalten, muss der Mitarbeiter mit disziplinarischen Folgen rechnen.“ Zugleich kritisiert sie, dass es auch immer wieder Fälle gibt, wo Eltern versuchen würden – mit dem Kinderwagen voran – schnell doch noch in den U-Bahn-Wagen zu gelangen, selbst wenn längst die Abfahrt signalisiert wird.