Berliner Kinder

Soziale Herkunft entscheidet über Gesundheit

Wie gesund Berliner Kinder sind, hängt wesentlich von ihrem sozialen Hintergrund ab. Das hat die Auswertung von Einschulungsuntersuchungen ergeben. Experten sind sich uneins über die Rolle, die Kitas für die Entwicklung von Kindern spielen können.

Kerstin Rabsilber nimmt es mit der Gesundheit ihrer Tochter Livia sehr genau. Die Fünfjährige darf nicht viel Süßes essen, denn Zahnprobleme liegen in der Familie. Dessen ist sich die 47 Jahre alte Mutter bewusst und will das Problem von Anfang an bei ihrer Tochter vermeiden. Während Livia ein Mal die Woche zum Yoga geht, schauen andere Kinder in ihrem Alter fern. Der fünfjährige Daniil aus Mitte hat mehrere große Brüder, „da fällt es schwer, dem Kind das Fernsehen zu verbieten“, sagt seine Mutter Elena Klimova (37). Dafür setzt sich die gebürtige Sankt Petersburgerin für eine bilinguale Erziehung ihres Sohnes ein. Daniil kann sowohl Deutsch als auch Russisch fließend. An seinen Essgewohnheiten ändert das allerdings nichts. Sein Lieblingsgericht „Nudeln mit Ketchup“ und übermäßiger Verzehr von Süßigkeiten führen zu katastrophalen Zähnen, gibt Mutter Elena zu. Daniil ist da keine Ausnahme.

Was die Eltern an der Kita in Mitte erzählen, deckt sich mit den Ergebnisse der Gesundheitsanalyse von Berliner Vorschulkindern, die von der Senatsgesundheitsverwaltung am Donnerstag vorgestellt wurden: Zwar gibt es bei 39 Prozent der Fünf- und Sechsjährigen mal ein Problem wie schlechte Zähne oder zu viel Fernsehkonsum – rund zwei Drittel aller Berliner Vorschulkinder sind aber in ihrer Gesundheit und Entwicklung weitgehend unauffällig.

„Entgegen dem Bild in der Öffentlichkeit wird nicht alles jedes Jahr schlechter“, sagte die Sozialwissenschaftlerin Susanne Bettge. Sie hat für die Gesundheitsverwaltung zwei Jahre lang die Ergebnisse der 53.000 Einschulungsuntersuchungen von Fünf- und Sechsjährigen aus den Jahren 2007 und 2008 ausgewertet. Bettge verwies darauf, dass die Gesundheitslage der Berliner Vorschulkinder in den vergangenen Jahren stabil war. Und wenn ein Kind bei der Einschulungsuntersuchung in einem Punkt auffällig wäre, sei dies kein alarmierendes Zeichen. „Da besteht noch kein Handlungsbedarf“, sagte Bettge.

Verstärkter Aufmerksamkeit bedürften nur die knapp 13 Prozent der Fünfjährigen, die in mehreren Bereichen ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung verzögert oder gestört seien. Bei zwei Prozent von ihnen bestehe zudem ein erhöhter Risikohintergrund, etwa durch rauchende Eltern oder zu viel Fernsehkonsum. Die Gruppe der besonders gefährdeten Kinder ist in Berlin recht klein, braucht aber viel Förderung.

Susanne Bettge wies den Kitas eine besondere Rolle in der Sorge um die Gesundheit und Entwicklung der Kinder zu. „Ein regelmäßiger und längerer Besuch der Kita wirkt sich positiv aus“, sagt sie. Dort werden etwa Sprachentwicklung und gesunde Ernährung gefördert. „Der Sozialstatus, der den größten Einfluss auf die Kindergesundheit hat, ist schwer zu beeinflussen“, sagte Bettge. In die Kita könnten aber alle Kinder gehen.

Amtsarzt Dietrich Delekat sieht den positiven Einfluss der Kitas aber gerade in den Problembezirken begrenzt. Delekat untersucht in diesen Tagen beinahe täglich Kreuzberger Kinder, die ab Herbst in die Schule gehen sollen. Allein im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg müssen von November bis zum Schulbeginn etwa 2400 Kinder getestet werden. „Die Sprachkenntnisse der Migrantenkinder sind in den vergangenen fünf Jahren besser geworden“, sagte der Amtsarzt. Es komme kaum noch vor, dass ein Dolmetscher nötig sei, um mit den Eltern und Kindern zu kommunizieren, sagte Delekat. Die Schuleignung habe sich allerdings leider nicht verbessert. Bei den einfachsten Fertigkeiten würden die Kinder scheitern. Viele könnten keinen Stift halten oder seien unfähig, sich auch nur für kurze Zeit zu konzentrieren. „Ich erlebe Kinder, die noch nie zuvor eine Aufgabe erhalten haben, die sie lösen sollten“, sagte Delekat. Bei der Einschulungsuntersuchung sollen sie beispielsweise ein Kreuz nachzeichnen, Bilder erkennen oder bis zehn zählen.

Die meisten Kinder hätten zwar eine Kita besucht, doch dort sei es nicht möglich, alle Versäumnisse der Eltern aufzuholen, sagte Delekat. „Die Kita ist in Brennpunktgebieten zum Reparaturbetrieb geworden, wo die Kinder lernen, sich die Zähne zu putzen und mit anderen zu spielen“, sagt der Amtsarzt. Der Bezirk, in dem er tätig ist, schneidet im Kindergesundheitsatlas des Senats auch besonders schlecht ab.

Nur etwa 16 Prozent der Vorschulkinder in Friedrichshain-Kreuzberg zeigen bei der Einschulungsuntersuchung keinerlei Auffälligkeiten, sind normal entwickelt und gesund. In Steglitz-Zehlendorf sind fast 40 Prozent der Kinder gesundheitlich unauffällig. In Friedrichshain-Kreuzberg haben dagegen 18 Prozent der Vorschulkinder Entwicklungsverzögerungen, fast 14 Prozent der Kinder sind übergewichtig. Damit bildet Delekats Bezirk zusammen mit Neukölln und Mitte das Schlusslicht der Analyse. In den Innenstadtbezirken ist der Anteil der Kinder mit Auffälligkeiten besonders hoch.

Die Ergebnisse der Studie nach Bezirken