Alkoholvergiftung

Jugendamt entscheidet über betrunkenen Jungen

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Foto: Steffen Pletl / Pletl

Der Siebenjährige, der in Spandau volltrunken gefunden worden war, ist auf dem Wege der Besserung, bleibt allerdings noch in der Klinik. Der Bezirk prüft nun, ob das Kind überhaupt wieder zu seinen Eltern zurückkehren kann, die alkoholabhängig sein sollen. Zudem will sich der Bezirk stärker des Themas Alkohol in der Spandauer Neustadt annehmen.

Sein ganzer Körper zittert, er übergibt sich. Volltrunken verliert ein siebenjähriger Berliner Junge schließlich das Bewusstsein und bleibt an dem bitterkalten Novemberabend auf dem Gehsteig liegen. Mit mehr als zwei Promille Alkohol ist das Kind am Sonntagabend von Anwohnern in Spandau entdeckt worden. Sanitäter der Feuerwehr brachten ihn auf die Intensivstation eines Krankenhauses.

Der Kleine schwebte zeitweise in Lebensgefahr, wie die Berliner Polizei mitteilte. Am Montag war das Schlimmste überstanden, aber der Junge muss noch in der Klinik bleiben. Fälle von volltrunkenen Kindern unter zehn Jahre sind äußerst selten. Laut den aktuellsten vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden und der Länderbehörden mussten im Jahr 2007 deutschlandweit zehn Kinder unter zehn Jahren wegen Alkoholmissbrauchs in Krankenhäuser gebracht werden, davon waren fünf sogar jünger als fünf Jahre. Dort nüchterten sie unter ärztlicher Aufsicht aus.

Die Spandauer Stadträtin für Jugend und Familie, Ursula Meys (SPD), war sprachlos, als sie von dem Fall erfuhr. „Wir haben Kontakt zu der Familie aufgenommen und werden den Eltern eine Familienhilfe anbieten“, sagte die Stadträtin. Die Familie sei den Behörden bereits bekannt. „Ob das Kind überhaupt zurück in die Familie kommt, wird das Jugendamt entscheiden. Wir hoffen, dass wir dem Jungen helfen können“, sagt Meys.

Die Alkoholprobleme vieler Menschen sind in der Neustadt nicht neu; das Arbeiterviertel droht sozial abzurutschen. Viele Anwohner fürchten sich, alleine im Park unterwegs zu sein. Überall werde Alkohol getrunken, so eine Anwohnerin. Neben der bekannten Trinkerszene, die sich unter anderem am Koeltzepark konzentriert, seien auch trinkende Jugendliche ein großes Problem, sagt Raed Saleh, SPD-Kreisvorsitzender und Mitglied des Abgeordnetenhauses.

„Wenn wir nicht tätig werden, droht aus der nächsten Generationen eine Gesellschaft zu werden, die meint, ihr Leben nur noch mit Alkohol in den Griff bekommen zu können.“ Dieser Entwicklung sollen, so Saleh, so genannte Alkohol-Streetworker entgegentreten, die vom kommenden Jahr an eingesetzt werden sollen. Zwar sind im Bezirkshaushalt 2010/2011 15.000 Euro für Alkoholprävention vorgesehen, allerdings sei das Geld zum größten Teil den Ortsteilen Wilhelmstadt und Altstadt zugesagt worden. Im Rahmen seiner Präventionsarbeit geht Saleh regelmäßig mit Jugendlichen auf Kiezstreife. Dabei würden die Teenager untereinander schnell ins Gespräch kommen. „Wir versuchen dann eine Art Tauschgeschäft. Wir schenken dem Jugendlichen beispielsweise eine CD, wenn er uns den Alkohol aushändigt.“

Den Alkohol soll der Junge nach ersten Erkenntnissen auf einem Spielplatz gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder getrunken haben. Die Getränke sollen die Kinder nach Angaben der Polizei von einer Gruppe Jugendlicher bekommen haben. Der Ältere war nur leicht betrunken und musste nicht ins Krankenhaus.

Jugendliche verabreden sich häufig auf öffentlichen Plätzen zum Trinken. Diese Treffen haben Rituale. „Einige trinken große Mengen Alkohol, anderen passen auf, ob jemand kommt“, erläuterte der Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters in Hamburg, Rainer Thomasius. Ältere würden dabei auch jüngere Freunde zum Trinken von Alkohol überreden. „Kinder haben ein ausgeprägtes Neugier-Verhalten. Sie werden animiert mitzumachen, und greifen dann ordentlich zu.“

Alkohol wirkt sich auf Kinderkörper massiver aus als bei Erwachsenen, so Thomasius. „Sie werden rascher bewusstlos. Dafür reichen schon 1,3 Promille aus.“ Auch dauere der Alkoholabbau länger als bei Erwachsenen, die im Durchschnitt pro Stunde jeweils 0,1 Promille abbauen.

Über Langzeitfolgen für die kleinen Körper wisse man kaum etwas, weil es hierüber keine Studien gebe, sagte Thomasius. Der hohe Promillewert bei dem betrunkenen Berliner Kind überrascht den Hamburger Suchtexperten. „Ein getrunkenes Bier hat dafür nicht gereicht. Das muss schon mehr gewesen sein.“ Der Siebenjährige habe Glück gehabt, dass er von Anwohnern entdeckt wurde: „Beim Erbrechen kann Mageninhalt in die Luftröhre geraten. Der Junge hätte ersticken können“, sagte Thomasius.

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat jeder zweite Zwölfjährige in Deutschland schon einmal einen Rausch erlebt. Etwa 17.000 Patienten im Alter von 11 bis 17 Jahren wurden 2007 deswegen in Kliniken behandelt. Damit mussten im bundesweiten Durchschnitt drei von tausend Jugendlichen wegen eines Alkoholrauschs in einer Klinik versorgt werden.

( mtt/dpa/hed )