Internet-Mobbing

Berliner machen mobil gegen Isharegossip

Überall wächst der Widerstand gegen Internet-Mobbing. Neben Polizei, Justiz und Schulen wird jetzt der Berliner Anwaltsverein aktiv. Gegen die Betreiber wird inzwischen nicht mehr nur wegen Beleidigung ermittelt, sondern auch wegen Volksverhetzung. Kristina Schröder kündigte ein konsequentes Vorgehen an.

Foto: Christian Hahn

Für die Betreiber der Internet-Plattform isharegossip wird es eng, ihr Spuk könnte bald vorbei sein. Nach Informationen von Morgenpost Online ermittelt die Justiz in mehreren Bundesländer im Zusammenhang mit der Hass verbreitenden Seite inzwischen nicht mehr nur wegen Beleidigung und ähnlichen Delikten, sondern auch wegen Volksverhetzung. „Es gibt Signale, dass die Betreiber langsam kalte Füße bekommen und die Seite vom Netz nehmen wollen. Noch ist allerdings fraglich ob man der ganzen Sache trauen kann“, sagte ein Staatsanwalt Morgenpost Online am Donnerstag.

Ungeachtet dessen wächst der Widerstand gegen Isharegossip inzwischen auch in Berlin, wo die Internetplattform in den vergangenen Wochen Auslöser für Amokdrohungen an Schulen und eine brutale Gewalttat in Wedding war. Neben Polizei, Justiz und Bildungsverwaltung werden jetzt auch andere Institutionen aktiv, allen voran der Berliner Anwaltsverein. Wie dessen Sprecher Thomas Reckermann am Donnerstag mitteilte, stellt der Verein zehn Anwälte bereit, die Beratungsgespräche und Informationsveranstaltungen in Schulen anbieten. Nähere Informationen sind auf der Internetseite des Vereins www.berliner-anwaltsverein.de erhältlich.

Darüber hinaus verweist Reckermann auf die Jugendberatungsstelle des Vereins: „Betroffene Schülerinnen und Schüler, die sich nicht selbst zu helfen wissen, können sich hier kostenlos Rat holen.“ Die Beratungsstelle an der Exerzierstraße 23 in Wedding ist dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Der Verein bittet Ratsuchende um telefonische Anmeldung unter Tel:46067–584.

Unterdessen kündigte Bundesjugendministerin Kristina Schröder (CDU) ein konsequentes Vorgehen gegen Mobbing-Webseiten an. „Eine Gesellschaft, der Jugendschutz etwas bedeutet, kann eine solche Entwicklung nicht hinnehmen“, sagte die Ministerin am Donnerstag. Auch an den Berliner Schulen tut sich etwas. Immer häufiger sind auf der Internetplattform statt der bisher dominierenden Hetzkampagnen Proteste gegen Mobbing, Beleidigungen und Bedrohungen zu lesen. Als eine der ersten Schulen in der Hauptstadt wurde dabei das Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf aktiv.

Wie dringend ein Vorgehen gegen die Betreiber der Internet-Plattform ist, zeigt eine Untersuchung von Morgenpost Online zu den Aktivitäten von Schülern auf Isharegossip in mehreren deutschen Großstädten. Nicht nur in Berlin, wo mehr als 100 Schulen bei Isharegossip aufgeführt sind, ist die Seite bei Jugendlichen überaus beliebt. In Köln sind 68 Schulen aufgelistet, in Stuttgart 52, in Bremen 48 und in Frankfurz/Main 39. Weniger populär ist die Seite hingegen offenbar in Hannover (28 Schulen), Hannover (20), Leipzig (19) und München (16). Dort gibt es auch nur wenige Probleme mit Mobbing. Die meisten Eintragungen von Schülern auf den einschlägigen Seiten sind eher harmlos.

Schnelles Handeln wichtig

Weniger harmlos ist die Situation in Frankfurt/Main und Köln. Dort ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft bereits wegen einer Vielzahl von Delikten im Zusammenhang mit Internet-Mobbing. In beiden Städten haben zudem die Schulbehörden schnell reagiert. In Frankfurt begann das Schulamt schon vor vier Wochen mit Aufklärungsveranstaltungen. „Zudem wurde die Seite sofort im Schulnetz gesperrt, in den Schulen gab es somit keinen Zugriff mehr“, sagte Martin Müller-Bialon, persönlicher Referent der Frankfurter Oberbürgermeisterin. Auch die Stadt Köln hat gemeinsam mit der dortigen Polizei eine Aufklärungskampagne gestartet, die noch über einen längeren Zeitraum fortgeführt werden soll. Sie richtet sich vornehmlich an Lehrer, Schüler- und Elternvertreter. Ehrgeiziges Ziel ist eine Selbstverpflichtung aller Schulen und Klassen in der Domstadt, auf die Nutzung solcher Internet-Seiten zu verzichten. „Wir mussten schnell reagieren, um zu verhindern, dass sich das Problem weiter ausbreitet“, sagte Jörg Wehner von Stadtverwaltung Köln.

In Berlin rief derweil Klaus Seifried vom schulpsychologischen Beratungszentrum Tempelhof-Schöneberg zum besonnenen Umgang mit dem Internet-Mobbing auf. „Wenn es an der betroffenen Schule ein großes Thema ist, muss man es natürlich aufgreifen, jedoch ohne zu viel Aufregung“, sagte er. Aufgeregte Diskussionen um die Internetseite könnten das Problem noch verstärken. Derzeit würde sich die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung sowohl von betroffenen Schülern als auch von Lehrern häufen. Jetzt seien Vertrauenslehrer, Vertrauensschüler und Konfliktlotsen gefragt. Zudem müssten die Schüler und Eltern im Umgang mit dem Internet geschult werden. Der Landeselternausschuss und das Landeskriminalamt entwickeln derzeit gemeinsam einen Medienkompetenzkurs.