Bernhard Blaszkiewitz

Zoo will nach Knuts Tod weiter Eisbären züchten

Nach dem plötzlichen Tod von Publikumsliebling Knut fordern Tierschützer ein Ende der Eisbärenhaltung in Berlin. Doch Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz will die Zucht fortsetzen. Morgenpost Online sprach mit ihm über Knut und neue Eisbären.

Morgenpost Online: Herr Blaszkiewitz, steht die genaue Ursache für den Tod von Knut schon fest?

Bernhard Blaszkiewitz: Es gab massive Veränderungen im Gehirn, die auch sein Aufbäumen und Zucken vor dem Tod erklären. Die nähere Diagnose, was die Ursache dafür war, wird erst die weitere Untersuchung im Institut für Zoo- und Wildtierforschung bringen. In ungefähr einer Woche werden wir sie haben.

Morgenpost Online: War Knut erblich belastet? Hatte sein Vater Lars epileptische Anfälle?

Blaszkiewitz: Nein. Das wird immer erzählt, aber ich weiß nicht, wo es herkommt. Lars lebt in Wuppertal, und ihm geht es gut. Er und sein Weibchen, das gestorben ist, hatten Krankheiten. Aber Lars ist völlig geheilt. Knuts Oma ist an Leberkrebs gestorben. Sie war 33.

Morgenpost Online: Was passiert mit den Innereien von Knut?

Blaszkiewitz: Jetzt werden histologische Schnitte von allen Organen gemacht. Sie bringen feinere Sachen ans Licht als die ersten Untersuchungen. Dann gehen die Reste in die Tierkörperbeseitigung. Das darf nicht anders sein. Das Gehirn wird wahrscheinlich durch die gesamte Untersuchung aufgebraucht.

Morgenpost Online: Wann geht es los mit der Präparation?

Blaszkiewitz: Das entscheidet das Naturkundemuseum. Das Fell ist schon da. Wir haben in Berlin ganz hervorragende Plastiken. Etwa von Bobby, dem Gorilla. Er ist 1935 gestorben. Der ist dort so präpariert, als ob er gleich aufsteht. Das ist eine der tollsten Tierplastiken, die es gibt.

Morgenpost Online: Wäre es für Sie vorstellbar, den präparierten Knut auch mal im Zoo zu zeigen?

Blaszkiewitz: Nein. Das halte ich nicht für richtig. Wir sind der Ort, an dem die lebenden Tiere ausgestellt sind. Wir werden an Knut in Form einer Bronzeskulptur erinnern. Dazu werden Vorschläge gesammelt.

Morgenpost Online: Wie geht es weiter mit der Eisbärenzucht?

Blaszkiewitz: Im Moment gar nicht. Wir werden ein neues Männchen besorgen. Aber erst mal warten wir, bis alles vorbei ist. Dann schauen wir, wie die Alterstruktur der Eisbären in den europäischen Zoos ist. Denkbar ist auch, dass Eisbär Troll aus dem Tierpark kommt. Das wäre eine Möglichkeit, um die Weibchen decken zu lassen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Morgenpost Online: Wie artgerecht kann die Haltung von Eisbären im Zoo sein?

Blaszkiewitz: Zoologische Gärten sind nicht Imitate der Natur, sondern Surrogate, also Ersatz. Es muss dort nicht so sein wie in der Natur. Wir wollen den Tieren ermöglichen, dass sie viele ihrer Verhaltensweisen ausleben können. Dazu gehört auch, dass sich bei Arten, die an sich solitär leben - dazu gehören Großbären -, soziale Gruppen bilden. Bei Knut war das auch gut. Nach der anfänglichen Rangelei, vor allem mit Katjuscha, hat er mit seiner Mutter sehr viel gespielt.

Morgenpost Online: Kritiker sagen, die Eisbären haben zu wenig Beschäftigung auf der Anlage.

Blaszkiewitz: Sie haben Holzelemente. Sie haben die Gruppe. Die Anlage. Der Bär kann hinter dem Felsen verschwinden. Kann raufklettern. Da ist die riesige Wasserfläche. Sie haben die Scheibe zum Publikum. Was immer vergessen wird: Der Mensch gehört auch in das Beschäftigungsprogramm. Der Pfleger, der Kurator, auch der Direktor, der morgens vorbeikommt. Aber ganz wichtig ist der Besucher. Es gibt besucherarme Tage im Winter, an denen bestimmte Tiere auf Besucher lauern. Gehen Sie mal morgens an einem kalten Tag in unser Menschenaffenhaus, an die Scheiben, dann werden sie sehen, wie die Tiere mit Ihnen ...ich hätte fast gesagt, kommunizieren.

Morgenpost Online: Die Trauer um Knut ist groß. Hat es so etwas schon mal gegeben?

Blaszkiewitz: In diesem Ausmaß noch nie. Das hat aber sicher auch mit der Technik, mit dem Internet zu tun. Früher haben die Leute auch Briefe geschrieben, etwa als Knautschke gestorben ist. Knut war ein singuläres Phänomen. Ich bin jetzt 37 Jahre in dem Beruf und habe noch nicht erlebt, dass ein einzelnes Tier so viele Menschen bewegt.

Morgenpost Online: Wird es Änderungen auf der Eisbärenanlage geben?

Blaszkiewitz: Nein. Außer, dass wieder ein Männchen kommen soll. Was wir uns für die Zukunft wünschen, ist noch einen Teil mit Naturboden auszustatten, also Gras. Das ist bei dieser Anlage nicht so einfach. Aber es gibt dazu schon Überlegungen.

Morgenpost Online: Wie geht es weiter mit den Eisbärinnen Katjuscha, Tosca und Nancy?

Blaszkiewitz: Spätestens Anfang der nächsten Woche kommen sie wieder auf die große Anlage. Wenn das Wasser nun schon abgelassen ist, wegen der Bergung des Leichnams, machen wir das Becken richtig sauber. Jetzt sind die Eisbärinnen auf der kleinen Anlage. Manchmal sind sie nicht zu sehen, weil sie in die Innenställe gehen.

Morgenpost Online: Knut hat dem Zoo viel Geld gebracht. Befürchten Sie, dass die Einnahmen jetzt zurückgehen?

Blaszkiewitz: Nein. Die Haupteinnahmen sind die Besucher. Wir haben vor Knut und während seiner Lebenszeit immer ein hohes Besucherpotenzial gehabt. Ich glaube, dass das nicht abreißen wird. Die Vermarktung ist natürlich zurückgegangen. Aber es werden immer noch Postkarten und Stoffbärchen verkauft.

Morgenpost Online: Knut war besonders bekannt durch die Handaufzucht. Würden Sie das wieder zulassen?

Blaszkiewitz: Handaufzuchten werden möglichst vermieden. Aber im Einzelfall kann man sich dafür entscheiden. Bei Menschenaffen, wenn das Tier zu sterben droht, würde ich es immer machen. Handaufzucht bei Bären ist keine soziale Verarmung. Der erste im Tierpark Berlin aufgewachsene Eisbär, Björn Heinrich, ist eine Handaufzucht. Heute ist er mehrfacher Vater in Kroatien. Und er kann das auch.

Morgenpost Online: Tierschützer kritisieren, dass die Zahl der Tiere in Zoo und Tierpark zugenommen habe, um 3000 im Vergleich zu 2007.

Blaszkiewitz: Das stimmt ja nicht. Es sind erheblich weniger Tiere in Zoo und Tierpark, weil wir uns aufeinander abstimmen. Es sind aber mehr Tiere im Aquarium. Nicht die Zahl der Säugetiere und Vögel ist gestiegen, sondern die der Fische und Wirbellosen.

Morgenpost Online: Wie viele Eisbären passen in den Zoo?

Blaszkiewitz: Drei Weibchen und ein Männchen. Vier Tiere sind genug. Im Tierpark lebt ein Pärchen. In der Natur würde man sie nur bei der Paarung zusammen sehen. Aber Eika und Troll sind ein Herz und eine Seele. Ich war am Mittwoch da. Troll hatte den Kopf auf die Beine des Weibchens gelegt. Es nicht so, dass sie sich nicht mögen.