Prozess

Vergewaltigungsopfer bis in die Wohnung verfolgt

Maria K. ging von der Oberbaumbrücke in Richtung ihrer Wohnung und kaufte sich noch einen Döner. Der Angeklagte sei stets in ihrer Nähe gewesen, sagt sie vor Gericht. „Er verfolgte mich auch weiter in den Hausflur".

In Prozessen um Vergewaltigungen gibt es fast immer nur zwei Beteiligte – und zwei gegensätzliche Aussagen. Ein Beispiel dafür ist das Verfahren gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann vor dem Landgericht Mannheim. Und Ähnliches spielt sich nun auch vor einer Moabiter Strafkammer ab.

Angeklagt ist hier ein 23-Jähriger, der aus Guinea kommt und Abdourahmane D. heißt, sich mithilfe eines offenbar gefälschten Passes aber auch als US-Bürger namens Michael Ted ausgab. Ob er am 5. August vergangenen Jahres der Studentin Maria ?K. überhaupt einen Namen nannte, ist nicht geklärt. Übereinstimmend in beiden Aussagen ist jedoch, dass sie sich den frühen Morgenstunden dieses 5. August zufällig unweit der zwischen Kreuzberg und Friedrichshain gelegenen Oberbaumbrücke trafen. Die 23-Jährige kam angetrunken vom Tanzen. Sie sei es gewohnt, in dieser Gegend „von der Seite angequatscht zu werden“, sagt sie vor Gericht. Maria K. ist groß, schlank, hat langes blondes Haar und sieht freundlich aus.

So scheint es nachvollziehbar, dass Abdourahmane D. auf sie aufmerksam wurde. Seiner Schilderung zufolge kam er an diesem Morgen ebenfalls aus einem der Clubs dieser Gegend. Er will sich bei der attraktiven jungen Frau aber lediglich nach dem Weg zum Leopoldplatz erkundigt haben. Sie habe sehr kooperativ reagiert und ihm sogar angeboten, dass er auch gern mit zu ihr kommen könne, sie wohne in der Nähe. Das habe er angenommen. In der wenige Meter entfernten Wohnung sei es zum Sex gekommen. Allerdings absolut einvernehmlich, so Abdourahmane D. Sie habe ihn sogar noch angestachelt: „Gib es mir!“ Er sei dann irgendwann eingeschlafen, bis ihn ein Schrei weckte und er verwundert festgestellt habe, dass sich die junge Frau nicht mehr in der Wohnung befand.

Ganz anders ist die Schilderung der Maria K., die den jungen Mann zunächst „gar nicht beachtet“ haben will. „Er hat mich vollgelabert, so die übliche Art: Wie heißt du? Wohin gehst du?“ Sie sei genervt gewesen, habe sich „aber nicht gefürchtet“. Er habe zu diesem Zeitpunkt „freundlich gewirkt und irgendwie sogar sympathisch“. Auch das ist nachvollziehbar. Wenn in einem Film die Rolle eines arglos wirkenden farbigen jungen Mannes besetzt werden müsste, wäre Abdourahmane D. mit seinem sanft wirkenden, runden Gesicht und der schmalen Brille genau der Richtige.

Maria K. erinnert sich, von der Oberbaumbrücke weiter in Richtung ihrer Wohnung gelaufen zu sein und sich noch einen Döner gekauft zu haben. Und Abdourahmane D. sei stets in ihrer Nähe gewesen. „Er verfolgte mich auch weiter in den Hausflur“, sagte sie. „Aber ich habe mir zu diesem Zeitpunkt noch immer nichts dabei gedacht.“ Angst habe sie erst auf der Treppe bekommen, als er immer schneller geworden sei. Und wenig später, vor ihrer Wohnungstür, sei sie panisch geworden: Als sie die Tür schließen wollte, der Fremde jedoch seinen Fuß dazwischengestellt und gar nicht mehr freundlich geschaut habe. Anschließend hätten sich die Ereignisse überschlagen: Sie flieht in die Wohnung, er rennt hinterher, reißt ihr die Kleidung vom Körper, greift ihr an den Hals, vergewaltigt sie mehrfach. Sie fügt sich, fleht immer wieder auf Englisch, er möge sie nicht töten.

Durch ein Ablenkungsmanöver, sagt Maria K., sei ihr dann jedoch die Flucht gelungen: Sie habe den Vergewaltiger gebeten, die Gardine zuzuziehen. Dabei habe er, wie von ihr gehofft, die nur auf zwei Stützen liegende Gardinenstange heruntergerissen. Als er beschäftigt war, die Stange wieder hinaufzulegen, sei sie aus der Wohnung geflohen: splitternackt und laut um Hilfe schreiend.

Es wird für die Kammer nicht leicht sein, eine Entscheidung zu treffen. Prozessbeobachter halten es für möglich, dass Maria K. bemerkte, dass ihr Treffen mit dem jungen Farbigen durch das unverhüllte Fenster beobachtet wurde – und dass sie die Situation dringend in ihrem Sinne klären wollte. Immerhin wohnt ihr Freund, mit dem sie seit drei Jahren zusammen ist, ganz in der Nähe. Und schwer nachvollziehbar scheint es auch, warum sie nicht schon argwöhnisch wurde, als ihr der Mann in den Hausflur folgte. Denn da hätte sie noch Hilfe holen können. Der Prozess wird am 7. Januar fortgesetzt.