Brandstiftungen in Berlin

Spur zu Brandstiftern fehlt - Bürger in Angst

Die Serie von Brandstiftungen in Berlins Treppenhäusern reißt nicht ab. Wieder brennt ein Hausflur – diesmal in Wedding. Während die Bewohner vieler Stadtteile in Angst leben, tappt die Polizei noch immer im Dunkeln.

Nach der Serie von Brandstiftungen in Berliner Hausfluren ist noch immer kein Täter gefasst worden. Die Suche gehe weiter, sagte ein Sprecher des Lagezentrums am frühen Dienstagmorgen. Erst am Montag hatte die Berliner Polizei gemeldet: „Im Hausflur eines Mietshauses in Wedding brannte in der vergangenen Nacht ein Kinderwagen“. Was die Behörde in knappe und nüchterne Worte fasste, bedeutet die Fortsetzung einer Reihe von Brandstiftungen, die für manchen Berliner inzwischen zum Albtraum geworden ist. Neun Brandstiftungen in Hausfluren registrierte die Polizei allein in den vergangenen zehn Tagen. Die Zündeleien an abgestellten Gegenständen forderten drei Tote und ein Dutzend Verletzte. Und in vielen Stadtteilen haben die Bewohner Angst, sie könne es als Nächstes treffen.

In der Nacht zum Montag traf es ein Mehrfamilienhaus an der Oudenarder Straße in Wedding. Dort zündete ein Unbekannter einen im Treppenhaus abgestellten Kinderwagen an, das Feuer fraß sich am Holzgeländer der Treppe entlang nach oben und breitete sich schnell aus. Gegen 3 Uhr wachte ein Mieter auf, bemerkte Qualm im Treppenhaus und alarmierte die Feuerwehr. Die schnell am Brandort eingetroffenen Einsatzkräfte konnten das Feuer in kurzer Zeit löschen. Verletzt wurde niemand. Für die Mieter ein Glück, dass viele andere in den vergangenen eineinhalb Wochen nicht hatten.

Gebrannt hat es in der jüngsten Vergangenheit in Mietshäusern in Neukölln, Moabit, Pankow und Wedding. Immer war es Brandstiftung, und immer wurden im Hausflur abgestellte Gegenstände angezündet. Mehrfach brannten Kinderwagen, einige Male achtlos abgestellte Müllsäcke und einmal eine Couch. Die breite Streuung der Brandorte über mehrere Bezirke deutet für die Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) darauf hin, dass mehrere Täter, in vielen Fällen vermutlich Trittbrettfahrer, am Werk sind. Das macht die ohnehin schon schwierigen Ermittlungen noch schwieriger. „Es kann theoretisch jederzeit in jedem Stadtteil und in jedem Mietshaus passieren“, beschrieb ein Beamter am Montag die Situation.

Sonderkommission gebildet

Dass es überall passieren kann, versetzt viele Berliner in Angst. Aber brennende Gegenstände in Treppenhäusern sind kein neues Phänomen in Berlin. „Auch wenn wir nicht im Detail erfassen, wie viele der jährlich 7000 Brände in der Stadt durch Zündeleien in Hausfluren entstehen, gefühlt passiert so etwas jeden zweiten Tag“, sagte Feuerwehrsprecher Sven Gerling. Normalerweise werden längst nicht alle Fälle von den Behörden gemeldet, und die Fälle, die im allmorgendlichen Polizeibericht auftauchen, schaffen es, wenn überhaupt, häufig nur als Kurzmeldungen in die Zeitungen. Anders ist das, wenn sich die Brände zu einer regelrechten Serie entwickeln. Oder Tote zu beklagen sind wie vor eineinhalb Wochen an der Sonnenallee in Neukölln.

Knapp 40 Beamte, vor allem Spezialisten aus Mordkommissionen und Brandkommissariaten, umfasst die Sonderkommission, die an der Aufklärung der tödlichen Brandstiftung arbeitet. Lediglich 22 Hinweise sind bislang eingegangen, und das, obwohl die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von bis zu 25000 Euro für Hinweise zur Ergreifung des Täters ausgesetzt hat. Die Fahndung nach dem Unbekannten gleicht zunehmend der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Während die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, werden die Forderungen nach gesetzlichen Regelungen zur Verminderung der Brandrisiken immer lauter. Diskutiert wird über ein Verbot, Gegenstände in Hausfluren abzustellen, und die Pflicht zum Anbringen von Rauchmeldern – nicht nur in Wohnungen, sondern auch in Hausfluren. Die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling gehört seit Jahren zu den Befürwortern einer solchen Verpflichtung. Sie verweist darauf, dass die Installation von Rauchmeldern nur eine geringe Investition darstellt und es eine solche Rauchmelderpflicht bereits in einem halben Dutzend Bundesländern gibt. Häufig geäußerte Einwände, man dürfe die Bevölkerung nicht ständig mit Regelungen und Verboten eindecken, weist sie vehement zurück. „Appelle an die Vernunft hat es in den vergangenen Jahren zahlreiche gegeben, mit eher bescheidenem Erfolg. Hier geht es um Menschenleben, und wenn es anders nicht möglich ist, muss das halt über Vorschriften geregelt werden“, sagte Claudia Hämmerling.

Auf Appelle an die Vernunft setzt derzeit noch die Berliner CDU. „Auch wenn es keine Verpflichtung zur Installation von Rauchmeldern gibt, sollten Vermieter sie auf freiwilliger Basis in Hausfluren anbringen. Dies könnte viel Leid ersparen helfen“, sagte CDU-Innenexperte Robin Juhnke am Montag. Appelle, alle Brandgefahren auszuschließen oder zumindest zu vermindern, kamen in den vergangenen Tagen auch von Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Er sprach sich aber zugleich für eine gesetzliche Neuregelung aus, sollten Appelle nicht den gewünschten Erfolg bringen.

Appelle für Rauchmelder

In der Berliner SPD gibt es nach den Worten ihres Innenexperten Thomas Kleineidamm noch keine einheitliche Meinung zum Thema gesetzliche Regelungen. Man werde die Diskussion angesichts der jüngsten Ereignisse aber schnell führen müssen, sagte Kleineidamm am Montag. „Ich kann in diesem Fall nicht für die SPD-Fraktion insgesamt sprechen, bin persönlich aber skeptisch, was die Schaffung neuer gesetzlicher Regelungen betrifft“, erklärte der Innenexperte. Ein Problem, so Kleineidamm, sei für ihn die Schwierigkeit, eine Rauchmelderpflicht oder ein Verbot des Abstellens von Gegenständen in Hausfluren auch zu kontrollieren. Wie sein CDU-Kollege Juhnke hält auch Kleineidamm Überzeugungsarbeit und permanentes Werben für den besseren Weg. Sein persönliches Fazit: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu Tode regulieren.“

So steht die Grüne Claudia Hämmerling mit ihrer konsequenten Forderung einer Rauchmelderpflicht derzeit weitgehend allein. Schützenhilfe bekam sie in der Vergangenheit stets vom langjährigen Berliner Feuerwehrchef Albrecht Broemme. Vorbehalten gegen eine allzu große Regelungswut entgegnete der stets gern mit einem Standardsatz: „In einer Gesellschaft, in der geregelt ist, welchen Krümmungsgrad eine Banane haben muss, um eine Banane zu sein, sollte es möglich sein, eine Regelung zu finden, die Menschenleben rettet.“ Am Montag drückte sich Feuerwehrsprecher Sven Gerling vorsichtiger aus. „Wir würden uns freuen, wenn es eine gesetzliche Regelung gäbe, aber wir sind nicht der Gesetzgeber“, sagte Gerling.

Ein Fortschritt wäre für den Feuerwehrsprecher allerdings schon die konsequente Einhaltung der aktuell gültigen Bauordnung. Die verbietet nämlich bereits jetzt das Abstellen leicht brennbarer Gegenstände in Hausfluren und Treppenhäusern.