Feuer gelegt

37 Ermittler jagen Neuköllner Brandstifter

Innerhalb weniger Stunden hat es Berlin-Neukölln wieder fünf Mal in Hausfluren gebrannt. Erneut hatten es die Täter auf Kinderwagen und Müllbehälter abgesehen. Ermittler gehen davon aus, dass unterschiedliche Gelegenheitstäter am Werk waren.

Die Serie der Brandstiftungen in Neukölln reißt nicht ab. In der Nacht zu Sonntag wurden insgesamt vier Feuer gelegt – und wieder mussten die Ärzte einen Menschen behandeln – ein 52-Jähriger erlitt eine Rauchgasvergiftung. Auch am Sonntagvormittag wurde die Feuerwehr wegen eines vorsätzlich gelegten Brandes in dem Bezirk angefordert. Von den Tätern fehlt immer noch jede Spur.

Die Chronologie der Ereignisse: Gegen 21.15 Uhr stehen in einem Wohnhaus an der Warthestraße mehrere abgestellte Kinderwagen in Flammen. Mieter bemerken die starke Qualmentwicklung im Treppenhaus und alarmieren die Feuerwehr. Die Einsatzkräfte löschen die Flammen und entdeckten in einer Wohnung den 52 Jahre alten Mieter. Ein Notarzt versorgt den Mann noch vor Ort, anschließend wird das Opfer in eine Klinik transportiert. Lebensgefahr besteht nicht. Dennoch wird von den Ärzten eine stationäre Behandlung angeordnet. Wann der Mann entlassen werden kann, ist unklar.

Genau zwei Stunden später: Beim Heimkehren stellt ein Bewohner eines Mehrfamilienhauses an der Sonnenallee einen brennenden Papierstapel fest, der neben einem abgestellten Kinderwagen im Erdgeschoss des Gebäudes liegt. Der 32-Jährige geht in seine Wohnung, füllt einen Eimer mit Wasser und löscht die Flammen. Weiterer Schaden entsteht nicht.

Polizisten löschen Flammen

Um 1.15 Uhr wird ein Anwohner an der Lipschitzallee auf einen brennenden Mülleimer im Hausflur eines Wohnhauses aufmerksam. Der 29-Jährige tritt den Behälter von der Wand und bringt ihn ins Freie. Wenig später eintreffende Feuerwehrmänner löschen das Feuer.

Um 4 Uhr der nächste Einsatz: Ein 52 Jahre alter Zeitungszusteller betritt gegen 4 Uhr den Durchgang eines Wohnhauses an der Richardstraße und sieht einen in Flammen stehenden Kinderwagen. Alarmierte Polizisten des Abschnitts 54 bekämpfen den Brand mit einem Feuerlöscher, die Feuerwehr muss nicht mehr aktiv werden.

11.09 Uhr, Zwiestädter Straße, Sonntagvormittag. In einem Hinterhof brennt ein Müllcontainer. Er wird gelöscht, ohne dass Menschen zu Schaden kommen. Nach Angaben von Berlins Polizeisprecher Frank Millert liegen bislang keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass in Neukölln ein Serientäter am Werk ist. „Die einzelnen Taten werden von den zuständigen Brandkommissariaten bearbeitet, allerdings werden die Angehörigen der Ermittlungsgruppe Sonnenallee beispielsweise bei der Tatortarbeit eingebunden, um eventuelle Übereinstimmungen und Zusammenhänge zu prüfen“, so der Beamte. Die Ermittlungsgruppe war als Reaktion auf die folgenschwere Brandstiftung vom 12. März gegründet worden, damals starben ein erst zehn Jahre alter Säugling, seine Mutter und sein Onkel an Rauchgasvergiftungen. Bislang sind mit Stand Sonntag 22 Hinweise der Tat eingegangen. Sie besteht aus insgesamt 37 Beamten, darunter befinden sich auch Ermittler der 4. und der 5. Mordkommission. Für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, haben Berlins Sicherheitsbehörden eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgelobt.

Innerhalb der Berliner Polizei geht man indes davon aus, dass für die Mehrzahl der Taten so genannte Trittbrettfahrer verantwortlich sind. „Es geht bei diesen Menschen offenbar gar nicht so sehr darum, andere in Gefahr zu bringen oder Sachschaden anzurichten. Wahrscheinlich ist es ihr Anliegen, die Polizei zu ärgern, auf Trab halten zu wollen“, so ein Ermittler. Es sei absolut unglaublich, dass diese Täter Feuer legen würden, obwohl das Schicksal der getöteten Familie in ganz Deutschland Thema war. „Es ist traurig realisieren zu müssen, dass es derart dumme Menschen gibt.“ Für schwere Brandstiftung sieht der Gesetzgeber eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren Haft vor. Sterben wie vor acht Tagen Menschen, könnte daraus eine lebenslange Gefängnisstrafe werden.

Opfer stehen unter Schock

Wie groß der Schrecken sein kann, den Menschen durch eine Brandstiftung erleiden müssen, zeigt der Gesundheitszustand von Max W. Der 22-Jährige wohnt in dem Haus an der Warthestraße, in dem in der Nacht zu Sonntag ein Mensch verletzt worden war. Noch am Morgen zittert der junge Mann beim Gespräch mit Morgenpost Online am ganzen Körper, der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich habe den Rauch bemerkt, die Tür geöffnet und diesen dichten Qualm gesehen. In diesem Moment hatte ich schlicht Angst um mein Leben.“ Feuerwehrmänner brachten Max W. in Sicherheit, er blieb unverletzt. Die Angst vor den Brandstiftern sorgt zugleich aber auch dafür, dass die Menschen aufmerksamer auf ihre Umgebung achten. „Die Brände wurden von Mietern bemerkt, in einem Fall löschte einer selbst, in einem anderen brachte ein Mann den brennenden Mülleimer ins Freie, damit er keinen Schaden anrichten kann“, so Polizeisprecher Frank Millert.

Um es den Tätern noch schwerer zu machen, rät die Berliner Polizei, Hauseingangstüren-, Keller- und Bodentüren abzuschließen. Kinderwagen, Möbelstücke und andere brennbare Materialien sollten nicht in Hausfluren und in Treppenhäusern abgestellt werden. Ferner sollten Zugänge zu Mülltonnen verschlossen gehalten werden. Trotz dieser Sicherheitsmaßnahmen sollte aber gewährleistet sein, dass die Fluchtwege eben in Treppenräumen und Fluren nicht verstellt sind. Unbekannte und verdächtige Personen sollten angesprochen werden, gegebenenfalls sei die Polizei zu alarmieren. Hinweise zu den Brandstiftern nimmt jede Polizeidienstelle entgegen.

Die Vereinigung der Berliner Hausbesitzervereine kritisiert bereits seit Jahren, dass es keine gesetzliche Handhabe gibt, Mietern das Abstellen von Gegenständen in Treppenhäusern zu untersagen. „Klagen einzelner Hausbesitzer sind von den Gerichten immer wieder abgewiesen worden“, sagt Robert Blümmel, Sprecher der Vereinigung. Unterdessen hat Innensenator Ehrhart Körting (SPD) angekündigt, das Installieren von Rauchmeldern per Gesetz anordnen zu lassen, sollten seine Appelle zu einem freiwilligen Anbringen bis Ende des Jahres nicht fruchten.

Die jüngsten Brandstiftungen in Neukölln