Bauplanung

"Jetzt ist Schluss" - Ultimatum im Mauerpark

Der Mauerpark soll bebaut werden, aber Bürgerinitiativen und Anwohner sind mit den Plänen nicht einverstanden. Der Investor ist mittlerweile verhandlungsmüde und droht jetzt mit Rückzug. Das würde für das Land Berlin ziemlich teuer.

Foto: Massimo Rodari

Die Fronten im Streit um die Wohnbebauung auf dem ehemaligen Güterbahnhof am Mauerpark sind seit Jahren verhärtet. Der Zwist zwischen Bürgerinitiativen und Anwohnern auf der einen, dem SPD-Baustadtrat Ephraim Gothe sowie dem Investor Vivico auf der anderen Seite blockiert seit exakt sechs Jahren sowohl die Erweiterung des Parks als auch das damit verbundene Bauvorhaben. Trotzdem hatte die Vivico einen städtebaulichen Wettbewerb ausgelobt. Wohl in der Hoffnung, dass die Gegner sich von dem Wettbewerbsergebnis doch noch umstimmen lassen, werden die Siegerentwürfe am Sonnabend erstmals öffentlich präsentiert.

Insgesamt acht Büros waren aufgefordert worden, für das insgesamt 10,5 Hektar große Areal des ehemaligen Güterbahnhofs Eberswalder Straße Entwürfe zu liefern. In zwei Baufeldern, einem im Süden an der Bernauer Straße (1,1 Hektar) und einem im Norden oberhalb des Gleimtunnels (3,5 Hektar), so die Aufgabenstellung, sollten dabei ein Wohn- sowie ein Gewerbe- beziehungsweise Büroquartier entstehen. Der mit einer Fläche von knapp sechs Hektar größte Bereich in der Mitte sollte jedoch freigehalten werden. Diesen bietet die Vivico dem Bezirk im Tausch für die Baugenehmigung als dringend benötigte Erweiterung für den stark übernutzten Mauerpark an.

Ausgezeichnet mit je einem zweiten Preis wurden der Kopenhagener Architekturprofessor Carsten Lorenzen sowie das Berliner Büro Zanderroth. Während nach dem Vorschlag des Dänen auf dem nördlichen Baufeld bis zu 500 Wohnungen entstehen könnten, sehen die zu je drei Häusern auf einem gemeinsamen Sockel arrangierten "Wohninseln" der Berliner Planer lediglich 350 bis 400 Wohnungen vor. An der Bernauer Straße im Süden ist nach dem Wunsch der Bürgerwerkstatt, die im September vorigen Jahres einberufen wurde, um die Kompromissfindung zwischen den verhärteten Fronten voranzubringen, gar kein Wohnen vorgesehen. Der Grund: Das Ruhebedürfnis der neuen Nachbarn könnte mit den geräuschintensiven Nutzungen des Parks kollidieren.

Dass kein erster Preis vergeben wurde, begründet der Baustadtrat mit taktischen Erwägungen. "Wir verstehen den Wettbewerb als Gesprächsangebot, wollten den Bürgern deshalb nicht einen Sieger vorsetzen", sagt Gothe. Die Auswahl der drei besten Entwürfe sei als Basis zu verstehen, auf der man mit der Bürgerwerkstatt nun weiterarbeiten wolle.

Ende der Gesprächsbereitschaft

Von der Vivico hieß es dazu gestern offiziell, man sei "offen gegenüber weiteren Gesprächen". Doch intern steht das Projekt auf der Streichliste, wie Morgenpost Online aus konzernnahen Kreisen erfuhr. Die zur österreichischen Gruppe CA Immo gehörende Vivico, heißt es, werde keine weiteren Diskussionen mehr führen und keine Umplanungen finanzieren. Nach der Ausstellung sei Schluss. Für diverse Gutachten, Planungen und Wettbewerbe seien bereits 400.000 Euro ausgegeben worden.

Zudem habe man Mieteinbußen hingenommen, weil die Verträge vieler Gewerbetreibender auf dem Areal im Hinblick auf das bevorstehende Bauvorhaben nicht mehr verlängert wurden. Ab sofort werde man aber wieder vermieten. Die Enttäuschung über das jahrelange, letztlich ergebnislose Ringen ist groß. "Wir stehen zu den in zähen Verhandlungen gefundenen Kompromissen. Aber jetzt ist Schluss. Weitere Zugeständnisse wird es definitiv nicht geben", so ein Mitarbeiter.

Ob die ausgezeichneten Büros also eine Chance bekommen werden, ihre Entwürfe jemals realisieren zu können, ist damit weiter offen. Immerhin können sie sich mit dem Preisgeld trösten. Die Vivico prämierte die beiden zweiten Plätze mit jeweils 11.000 Euro. Der dritte Preis wurde mit 8000 Euro bedacht.

Millionenkosten für Berlin

Das plötzliche Aus für das Projekt könnte Berlin teuer zu stehen kommen. Die Allianz Umweltstiftung hatte 2,3 Mio. Euro für die Gestaltung des Mauerparks gegeben, dies jedoch an die Bedingung geknüpft, dass der Park am früheren Todesstreifen zwischen Prenzlauer Berg und Wedding erweitert wird. Laut Vertrag hätte das bis 2010 geschehen müssen. Die Stiftung hatte sich jedoch bereit erklärt, die Frist bis 2012 zu verlängern. Danach aber muss entweder der Park größer werden – oder das Geld zurücküberwiesen werden.

"Ich hoffe, dass die Bevölkerung sich jetzt mit den vorliegenden Entwürfen auseinandersetzt und der Konflikt endlich beigelegt wird", sagte Gothe am Freitag. Sollte das nicht gelingen, "bin ich ratlos", gab der Baustadtrat zu. Gangbare Alternativen gebe es nicht. "Der Bezirk hat schlicht kein Geld, der Vivico das Areal abzukaufen", so Gothe. Der Gutachterausschuss hatte den Grundstückswert des Güterbahnhofs auf Grundlage der gesetzlich zulässigen Gewerbenutzung mit neun Millionen Euro beziffert. Bei der Vivico geht man allerdings davon aus, dass der aktuelle Wert mindestens 13,5 Millionen Euro beträgt. Im vergangenen Jahr haben Anwohner, die jede Bebauung am Mauerpark ablehnen, die Stiftung Weltbürgerpark gegründet, um Geld für den Kauf zu sammeln. Doch bislang ist das Konto der Stiftung noch so gut wie leer.

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