Psychologie

Brandstifter sind oft einsam und frustriert

Was sind das für Menschen, die in Neukölln Feuer legen und warum tun sie es? Manche Pyromanen wollen einfach Aggressionen abbauen, andere sind psychisch krank. Ein Gerichtsgutachter klärt über die Motive der Täter auf.

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In Neukölln haben die Menschen Angst vor den skrupellosen Brandstiftern, die Polizei stockt die Ermittlungsgruppe auf. Was geht in Menschen vor, die Feuer legen, Menschen gefährden, sogar töten, wie vor einer Woche an der Sonnenallee? Dr. Werner Platz, Gerichtsgutachter des Vivantes Humboldt-Klinikum, weiß aus Erfahrung, dass man die Täter nicht vereinheitlichen kann. Die Motive seien sehr unterschiedlich.

„Brandstifter sind sehr häufig Konfliktausweicher und leben zurückgezogen. Diese Menschen ärgern sich über etwas und legen Feuer, so wie andere zu Schnaps oder Essen greifen, um die negativen Gefühle zu kompensieren“, berichtet der angesehene Mediziner. „Ich habe einmal einen Mann begutachtet, der nach Stress und Ärger loszog und Mülltonnen anzündete.“

Es gebe aber auch Täter, deren Motivation eine Erkrankung zugrunde liegt. „Eine Patientin war schizophren. Sie hatte das Gefühl, dass sie vom Teufel verfolgt wurde und dass sie ihn nur durch das Legen von Feuer von sich fernhalten könne. In diesem Fall war nicht Bösartigkeit, sondern eine neurotische Fehlentwicklung der Auslöser. So etwas muss bei der Bewertung der Tat und dem Strafmaß einbezogen werden.“

Alkohol und Drogen seien ebenfalls „Begünstiger“ von Brandstiftungen, manche Menschen würden sich in entsprechenden Situationen umbringen wollen und würden dabei das Umfeld vergessen. Andere wiederum hegten erst im Rausch den Wunsch danach, etwas anzuzünden.

„Ich erinnere mich an den Fall eines gestellten Täters, der gern Feuer legte, aber dabei niemanden verletzten wollte. Er hat sich stets leer stehende Gebäude ausgesucht und auch darauf geachtet, dass auch keine Tiere mehr in den Räumen waren. Sah er welche, hat er sie ins Freie gebracht oder getrieben. Gleichzeitig wollte er aber auch sicherstellen, dass die Löscheinheiten der Feuerwehr sein Werk nicht zunichte machten, deswegen behinderte er die Einsatzkräfte beispielsweise durch das Verstreuen von Nägeln.“

Viele Wohnungsbrände würden allerdings von Demenzkranken versehentlich verursacht, die in ihrem persönlichen Umfeld vergessen, elektronische Geräte oder zum Beispiel den Herd auszustellen. Frust sei ebenfalls eine Motivation für das Legen von Feuer.

Dass die vielen unterschiedlichen Motivlagen die Polizeiarbeit erschwerten, erscheine klar. „Die Polizei ist gut beraten, wenn sie Profiler in ihre Ermittlungen einbezieht, die an der Erstellung einer Persönlichkeitsstruktur arbeiten. Aber das ist heute generell üblich.“

Laut Polizei wurden im vergangenen Jahr 45 und im Jahr davor 50 Kinderwagenbrände in Berlin registriert. Immer wieder gelingt es, die Täter festzunehmen. Das mögliche Strafmaß richte sich nach der „deliktischen Einordnung“. Je nach Ausmaß des Feuers kommen eine Sachbeschädigung durch Inbrandsetzen, eine Brandstiftung beziehungsweise eine schwere Brandstiftung in Betracht, so dass die Gerichte Freiheitsstrafen von bis zu mehreren Jahren verhängen können.